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Box-Sieg für Felix Sturm : „Vergleicht die Gesichter“

  • -Aktualisiert am

Profiboxer Felix Sturm: „Vielleicht war das heute mein letzter Kampf.“ Bild: dpa

Felix Sturm gewinnt zwar seinen WM-Kampf. Doch die Optik zeugt vom Gegenteil. Die Aufforderung zur Revanche beantwortet der Deutsche mit bosnischen Wurzeln mit einem entlarvenden Satz.

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          Nach dem überstandenen Duell im Boxring läutete Felix Sturm die nächste Runde ein – im Kampf um Anerkennung. Es ist das Dauerthema seiner Karriere, von der man annehmen könnte, dass sie am Samstagabend in der Oberhausener Arena ein Ende gefunden hat, die Boxerseele ihren Frieden. Wenn da nur nicht jene Stimmen wären, die nicht nachvollziehen können, warum sich die Punktrichter mehrheitlich (114:114, 115:113, 115:113) für Sturm und damit gegen Titelverteidiger Fedor Tschudinow als WBA-Champion im Supermittelgewicht entschieden haben.

          Der Russe boxte, als wäre er die Kopie Sturms auf dem Höhepunkt seines Schaffens. Technisch variabel, auf fixen Beinen setzte er Konter um Konter. Mal als Jab, immer wieder zum Körper. Die gute Amateurschule, die Tschudinow durchlaufen hat, zahlt sich aus. So wie Sturm einst von der soliden Basisarbeit im Kader des Deutschen Amateurbox-Verbandes profitierte.

          Mit seinen jetzt 37 Jahren hatte sich Sturm noch mal aufgerafft, das Beste aus sich herauszuholen. Eine respektable Steigerung zum Auftrifft im vergangenen Mai, als Sturm in der Frankfurter Festhalle ebenjenem Tschudinow nach Punkten unterlag. Die WBA war so entgegenkommend, einen Rückkampf anzuordnen. Damit sprudelte eine deutsche Geldquelle weiter, die zu versiegen gedroht hatte.

          Die Vermarktungsstrategen, in der Hauptrolle der übertragende Fernsehsender Sat1, feiern nun die Einmaligkeit eines Mannes, der es nach Rückschlägen zum fünften Mal geschafft hat, Weltmeister zu werden. Den Rekord darf keine relativierende Fußnote schmälern. Von oben herab, im Ring stehend, kanzelte Sturm den ehemaligen Profiboxer Axel Schulz ab. Als Experte vom Fach hatte dieser es gewagt, Tschudinow als Sieger vorherzusagen. Wer nicht für ihn ist, ist gegen ihn, so einfach stellt sich Sturms Weltbild dar. Eine Sicht, die sich seine Gefolgsleute zu eigen gemacht haben.

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          Kritik am aktuellen Urteil wird mit fehlendem Respekt vor der Lebensleistung Sturms gleichgesetzt. Und provoziert die Trotzreaktion eines Mannes, der eigentlich bereit ist, es gut sein zu lassen nach 26 Jahren der Plackerei mit den Fäusten. „Die Probleme mit dem rechten und linken Ellenbogen bedürften eigentlich einer Operation“, sagte Sturm, geriet ins Plaudern und machte öffentlich, wie hin-und hergerissen er tatsächlich ist: „Vielleicht war das mein letzter Kampf, kann sein, dass ich mich verabschiede. Ich bin zufrieden, dass alles so geendet ist. Ich habe ein schönes Ende gefunden, bin sehr zufrieden mit meiner Karriere. Im Grunde soll man aufhören, wenn es am schönsten ist.“

          „Ich respektiere ihn, aber ich habe nicht verloren“

          Also jetzt, als Weltmeister? Der verlor sich dann im Vagen über den Zeitplan und kam aus der Deckung, als Tschudinows Trainer Artur Piduriew angesichts des Urteils die „Totengräber dieses Sports“ attackierte und persönlich wurde: „Vergleicht die Gesichter“, lautete die Aufforderung an die Augenzeugen. Hier der neben ihm sitzende, kaum vom Kampf gezeichnete Tschudinow, dort der von Beulen und Prellungen im Gesicht entstellte Sturm. Die Aufforderung, im Mai in Moskau zur Revanche anzutreten, beantwortete der Deutsche mit bosnischen Wurzeln mit einem entlarvenden Satz: „Wir boxen in Moskau, wenn ihr es bezahlen könnt.“ Und Tschudinow, der um den Sieg geprellte? „Ich respektiere ihn, aber ich habe nicht verloren“, sagte er mit leiser Stimme. Zuvor hatte er vergeblich versucht, den Redefluss seines polternden Trainers zu stoppen.

          „Ich will mich nicht aufregen, ich brauche mich nicht zu schämen“, beharrte Sturm darauf, gewonnen zu haben, „nur das zählt.“ Und im Nachsatz: „Das gehört zu diesem Sport.“ Mit anderen Worten: Man muss mit Ungerechtigkeiten leben, so wie sie auch Sturm erfahren musste. Am krassesten bei seiner Niederlage in Las Vegas gegen Oscar de la Hoya, 2004 der Superstar der Szene. Die Zukunft gehöre Sturm, haben sie damals tröstend zu ihm gesagt. Mit den gleichen Worten verabschiedete Sturm in Oberhausen den Rivalen Tschudinow mit seinen 28 Jahren und seiner ersten Niederlage als Profi.

          Sturm dürfte in Erklärungsnöte gekommen sein, als er seinem sechsjährigen Sohn Mahir zu vermitteln hatte, warum boxende Väter selbst dann demoliert aussehen können, wenn sie gewinnen. Papa, den Junior geschultert, will „aus dem Bauch heraus entscheiden, ob es weitergeht“. Er wolle ja in Zukunft „noch klar im Kopf sein, das bin ich meinem Sohn schuldig“. Möge ihm „ein gutes Bauchgefühl mit dem Gürtel um den Bauch“ die richtige Entscheidung treffen lassen. Bei passender Gelegenheit wird man ihn an seine altersmilde Festlegung am Sonntag in der Stunde nach Mitternacht erinnern: „Ich respektiere jede Meinung.“ Zum Beispiel über das Orakel von Oberhausen.

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