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Boxer Nelvie Tiafack : Ein dynamisches Kraftpaket

  • -Aktualisiert am

Nelvie Tiafack: Europameister in der Königsklasse Bild: dpa

Seine Boxkarriere war zuletzt gekennzeichnet von fragwürdigen Pleiten. Doch mit EM-Gold im Superschwergewicht gelingt Nelvie Tiafack ein sehenswertes Comeback.

          3 Min.

          Manchmal kommt die ultimative Bestätigung als weißes Handtuch daher. Nelvie Tiafack wollte sich gerade wieder voller Tatendrang in die Ringmitte begeben, als aus der gegnerischen Ecke das internationale Symbol der Aufgabe in den Ring flog. Dort wollte man offenbar nicht länger zusehen, wie das Kölner Kraftpaket im Superschwergewicht seinen Widerpart nach allen Regeln der Boxkunst auseinandernahm.

          Zwei Mal war der Spanier Ayoub Ghadfa Drissi El Aissaoui in der Runde zuvor vom Ringrichter angezählt worden, was im olympischen Sport nur selten geschieht. Dann entschieden dessen Sekundanten zur Pause, ihm die dritte und letzte Runde zu ersparen. Damit war das abschließende Duell der Europameisterschaften in Jerewan vorzeitig beendet – und Tiafack mit 23 Jahren Turniersieger.

          Eines Tages wird der in Kamerun geborene Rheinländer auf den Kampf Nr. 206 am vergangenen Montagabend eventuell wie auf eine Wendemarke zurückblicken. Im Elitekader des Deutschen Boxsport-Verbands (DBV) galt er lange als ein Faustpfand für die Zukunft, das auf internationaler Ebene ziemlich wechselhaft abschneidet. Da konnte es geschehen, dass auf überzeugende Vorstellungen seltsame Pleiten folgten. Wie etwa vor einem Jahr, als er bereits in der Qualifikation fürs olympische Turnier in Tokio hängen blieb.

          Nun aber zeigte Tiafack in der armenischen Hauptstadt jene von Athletik getragene Konstanz, die Cheftrainer Eddie Bolger so oft bei ihm vermisst hat. „Er hat schon lange an die Tür geklopft“, resümierte der Ire in Diensten des DBV nach dem Turnier, „aber es fiel ihm schwer, diese Explosivität von Anfang bis Ende hochzuhalten.“

          Anders in Jerewan. In seinen vier Vergleichen bis zum Gewinn der Goldmedaille gab Tiafack nicht eine Runde in der Gesamtwertung ab. Dazu strahlte er mehr Dominanz im Seilgeviert aus als jeder andere der 219 Teilnehmer aus 39 Nationen. Gefühlt dauerte es eigentlich immer nur eine Minute, bis der mit viel Dampf agierende Normalausleger seinen an Reichweite meist überlegenen Widersachern vermittelte, dass er hier den Ton angibt. Und glaubt man Heimtrainer Lukas Wilaschek, so stand sein Schützling auch schon im Halbfinale gegen den hoch eingeschätzten Engländer Delicious Orie dicht vor einem vorzeitigen Triumph. „Die hatten in der zweiten Runde überlegt, das Handtuch zu werfen“, sagte Wilaschek.

          So viel rasante Dynamik ist nur möglich geworden, weil der erste deutsche Medaillengewinner bei den Herren seit 2017 nach der vergeigten Olympiaqualifikation etliches umgestellt hat. Gesüßte Obstsäfte und ähnliche Versuchungen waren im Ernährungsplan ab sofort tabu. Außerdem wurde das Krafttraining neu angepasst.

          Damit schuf Tiafack neue, bessere Voraussetzungen, um eines Tages seine eigenen Erwartungen einzuholen. Wie hatte er vor gut anderthalb Jahren und mit mehr als 120 Kilo Gewicht mal in kleiner Runde gesagt: „Wenn ich hundertzehn Kilo wiege, haben die anderen keine Chance mehr.“ Zur EM stieg Tiafack mit knapp 109 Kilo auf die Waage und ließ seine Mitbewerber in der Tat recht überfordert aussehen.

          Damit ist der Späteinsteiger definitiv in der Weltspitze des Königslimits ab 92 Kilo angekommen – gut acht Jahre nachdem er zum ersten Mal vor der Halle des SC Colonia Köln stand und beinahe auf dem Absatz kehrtgemacht hätte, weil ihn das Schild „Olympiastützpunkt“ erschreckte. Inzwischen muss man nicht mehr verwegen sein, um in ihm einen Medaillenanwärter fürs olympische Turnier 2024 in Paris zu sehen, zumal er sich damit für die Profikarriere, die daran anschließen soll, bestens empfehlen kann.

          Mit Schrammen und Enttäuschungen

          Nicht zuletzt aber hat Tiafack mit Bronzemedaillengewinner Magomed Schachidov (Halbmittelgewicht) sowie vier weiteren DBV-Startern, die zumindest ins Viertelfinale einzogen, für eine ermutigende Gesamtbilanz gesorgt. Was Bolger in seiner Überzeugung bestätigt, mit seinem sogenannten „High Performance Programm“ auf dem richtigen Weg zu sein.

          Der unermüdliche Chefcoach aus Wexford, der 2017 mit dem Auftrag zur Erneuerung verpflichtet wurde, setzt wie kaum einer seiner Vorgänger auf den Teamgeist im Perspektivkader, ein zentralisiertes System der Leistungssteuerung und deutlich mehr internationale Vergleiche – auch wenn es dabei kurzfristig manche Schrammen und Enttäuschungen gibt. Das gehört nach seiner Überzeugung einfach dazu, wie er sagt: „Erfahrung kann man sich nicht kaufen, man muss sie sich erarbeiten.“

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