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Neue Tennis-Akademie : Boris Becker und ein außergewöhnliches Projekt

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Boris Becker: „Ich bin überzeugt, dass unser Land genau solche Projekte braucht, um das deutsche Tennis wieder an die Weltspitze zu bringen.“ Bild: dpa

Bei der Boris Becker International Tennis Academy handelt es sich um ein Phänomen, das die Welt noch nicht gesehen hat. Nur gibt es nicht schon in China ein Tenniszentrum, das den Namen des deutschen Tennis-Helden ziert?

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          Boris Becker ist gut gelaunt, ja, man kann sagen, dass er seinen Auftritt genießt, obwohl er nach einer Außenband-Operation an Krücken geht. Seine Antworten auf die Fragen, die er mag, sind pointiert, und auf die unliebsame Thematik angesprochen, die sein Leben beeinträchtigt, erwidert er freundlich, dass er nicht darauf reagieren werde. Wofür er vom Publikum nicht nur Verständnis, sondern sogar Applaus erhält. „Diese Frage ist hier fehl am Platz“, sagte der dreimalige Wimbledon-Sieger zur Meldung über die Verlängerung seiner Insolvenzauflagen.

          Peter Heß

          Sportredakteur.

          Boris Becker hat ein Heimspiel in Mainz-Kastel. Außer etwa 60 Medienvertretern füllen vor allem Geschäftsfreunde, Angestellte und gute Bekannte des Wiesbadener Immobilienunternehmers Khaled Ezzedine das Automuseum „Startimer“. Der Ort, an dem „Einmaliges“ der Öffentlichkeit mitgeteilt wird. Im Frühjahr 2021 wird im benachbarten Hochheim die Boris Becker International Tennis Academy eröffnet – die von Ezzedine erdacht, entwickelt und finanziert worden ist. Ganz so einmalig, wie es angekündigt wird, ist das nicht, denn schon in der chinesischen Stadt Shenzhen existiert ein Tenniszentrum, das den Namen des deutschen Tennis-Helden ziert. „Da habe ich jedoch nur meinen Namen verkauft und war auch schon mal da, aber das in Hochheim ist etwas ganz anderes“, erläutert Becker auf Nachfrage.

          Mit jedem Satz, der das Projekt beschreibt, wird deutlicher, dass es sich bei der Boris Becker International Tennis Academy tatsächlich um ein Phänomen handelt, das die Welt noch nicht gesehen hat und die bisher größten Tenniszentren in Manacor (von Rafael Nadal) und Nizza (Patrick Mouratoglou) übertrifft. So entsteht auf dem 48.000 Quadratmeter großen Grundstück nicht nur eine Außenanlage mit 18 Plätzen, nicht nur eine Privatschule, nicht nur ein Boarding House mit 270 Betten, in denen die Tennisschüler schlafen, nicht nur ein Hotel mit 65 Zimmern, nicht nur ein Restaurant mit 260 Sitzgelegenheiten, nicht nur eine Wellnessanlage, nicht nur ein Boris-Becker-Museum und nicht nur ein Tennis-Shop, sondern auch die größte Tennishalle der Welt, in der auf 21 Indoor-Courts gespielt werden kann.

          Schirmherr auf Krücken: „Spielen werde ich nicht mehr. Dafür bin ich zu alt.“

          Ezzedine spricht von einer Investition im Rahmen von 20 Millionen Euro. Die Geschäftsidee besteht darin, dass quasi jede Art Tennisspieler, ob Profi, Nachwuchshoffnung, Vereins- oder Hobbyspieler, dazu beiträgt, Kapitalaufwand, Personal- und Betriebskosten zu decken. Den Kern der Einnahmen sollen jedoch die Begabungen, oder besser deren Eltern, generieren, die in Hochheim in die Weltklasse vorstoßen wollen. Auf die Aus- und Weiterbildung von 270 Tennis-Eleven aus dem In-, vor allem aber aus dem Ausland ist die Akademie ausgelegt. Nicht nur im Sport, auch schulisch. Deshalb sei er als „Familienvater“ sehr schnell von diesem Projekt überzeugt gewesen, so Becker. Worin besteht sein Beitrag? „Sie können mich Schirmherr nennen. Wo Boris Becker draufsteht, muss auch Boris Becker drin sein.“ Außer in China.

          In Deutschland ist Becker ein Schirmherr, der die Trainings-Philosophie mit vorgibt, der seine Meinung zu allen Tennis-relevanten Themen beisteuert und der auch ab und zu auf dem Platz stehen wird, um den Coaches und Schülern Ratschläge zu geben. Training kann Becker wegen seiner angegriffenen Gesundheit nicht mehr geben. „Ich kann nicht mehr spielen, aber ich kann stundenlang über Tennis reden“, lässt Becker ein wenig Selbstironie aufblitzen. Er wirkt über das Professionelle hinaus von dem Vorhaben und vom Investor angetan. Becker gefallen Mut, Tatkraft und Leidenschaft, mit der Ezzedine seine Projekte betreibt, wie zum Beispiel das Automuseum mit 59 Mercedes-Oldtimern.

          Nun will der Immobilien-Unternehmer das deutsche Tennis mit seinem Projekt fördern – und auch seine eigenen Kinder. Bislang trainieren seine elfjährige Tochter und sein dreizehnjähriger Sohn noch in Nizza in der Akademie von Patrick Mouratoglou (Trainer von Serena Williams). „Aber wenn bei uns alles fertig ist, kommen sie natürlich nach Hause.“ Kann die ehrgeizige Unternehmung überhaupt gut gehen oder hat sich ein Tennisvater in eine gigantische Idee verrannt? Dirk Westedt, Bürgermeister der Stadt Hochheim, ist gar nicht pessimistisch. „Bisher sind Herrn Ezzedine alle Projekte gelungen.“ Der Unternehmer räumt ein, mit dieser Immobilie gar nicht so auf Rendite fixiert zu sein. „Das ist mehr Leidenschaft, wenn es null auf null aufgeht, reicht das.“ Boris Becker ist daran gelegen, dass dieses Ziel erreicht wird. „Ich werde nicht nach Hochheim umziehen, aber ich werde so oft da sein, wie es mir meine Zeit erlaubt.“

          Becker mit Investor Khaled Ezzedine: „Für mich ist nicht der Pass entscheidend, sondern die Leidenschaft der Jugendlichen.“

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