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Bogenschützin Lisa Unruh : „Alle haben Angst vor dem Schuss“

Aus siebzig Metern ins Schwarze: Lisa Unruh weiß, wie man die Finger ruhig hält Bild: Picture-Alliance

Bogenschießen ist eine Randsportart: Doch nach ihrer Silbermedaille in Rio stand Lisa Unruh trotzdem für einen Moment im Mittelpunkt. Im FAZ.NET-Interview spricht sie über Erwartungsdruck, Entschleunigung – und den Weg zu sich selbst.

          5 Min.

          Sie trainieren im Sportforum Berlin in einem leeren Schwimmbecken. Wirkt mit den blauen Kacheln an der Wand sehr speziell . . .

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Ich bin hier früher noch geschwommen.

          Sie haben die Sportart gewechselt, um in dieser Halle bleiben zu können?

          Nicht wirklich, ich war nicht gut genug. Wir sind in die neue Halle in der Landsberger Allee umgezogen, als hier das Wasser rausgelassen wurde. Die Bogenschützen sind hier vor fünfzehn, sechzehn Jahren eingezogen. Ich habe das Schwimmen erst später aufgegeben.

          Sie haben in Rio eine der ersten Medaillen der deutschen Olympia-Mannschaft gewonnen, Silber im Bogenschießen. Haben Sie bemerkt, wie hoch die Erwartungen waren und wie dringend?

          Ich habe mich davon befreit. Jemand sagte, dass eine Medaille erwartet werde. Und ich sagte mir: Warum soll ich mir von Leuten, die meine Sportart gar nicht kennen, irgendetwas vorschreiben lassen? Ich wollte in die Top Ten, das habe ich weit übertroffen.

          Alles im Blick: Die deutsche Bogenschützin legt an, visiert – und trifft
          Alles im Blick: Die deutsche Bogenschützin legt an, visiert – und trifft : Bild: Picture-Alliance

          Ist die Essenz Ihres Trainings, ausblenden zu können?

          Man darf nicht über das nachdenken, was man gerade tut. Man muss sich auf sich selbst fokussieren und nichts von außen rankommen lassen: Ich bin wichtig, ich bin derjenige, der das jetzt machen muss.

          Es gibt diese absurde Übung, an etwas nicht zu denken. Können Sie das?

          Das funktioniert nicht. Sobald man sich sagt: Denk nicht an einen Elefanten, tut man’s. Man muss sich stattdessen auf etwas anderes konzentrieren. Ich denke die ganze Zeit über meine Technik nach, das ist elementar. Ich stehe hier, ich mache meinen Schuss, ich fühle meinen Schuss, mehr Gedanken darf’s nicht geben.

          Mussten Sie sich auf der großen Bühne Rio sagen: Dies ist ein Wettkampf wie jeder andere?

          Man hebt das immer so auf ein Podest, man erwartet, dass die Olympischen Spiele fast heilig sind. Wenn man aber dort ist, bestreitet man tatsächlich einen Wettkampf wie jeden anderen. Man sieht dieselben Leute wie sonst, ein bisschen weniger Konkurrentinnen, dieselben Volunteers wie sonst. Ich musste mich daran erinnern, wo ich gerade bin. Als ich im letzten Vergleich war, habe ich mir gesagt: Mensch, du bist im Gold-Finale von Rio! Da musste ich kurz schmunzeln. So war das.

          Und seitdem? Ist dieser Erfolg anders als andere?

          Für mich ist es ein großer Erfolg. Aber für den Rest der Welt ist er noch größer. Das mediale Interesse ist groß. Ich habe keine Worte dafür, dass ich das geschafft habe, dass ich diese Medaille habe. Es ist krass. Es ist Wahnsinn. Die Medaille liegt zu Hause in ihrer Schatulle, weil ich sie öfter mitnehmen und zeigen muss. Irgendwann wird sie dann ihren Platz in der Schrankwand finden.

          Ein Kuss für die Medaille: Lisa Unruh nach der Siegerehrung in Rio
          Ein Kuss für die Medaille: Lisa Unruh nach der Siegerehrung in Rio : Bild: dpa

          Was ist faszinierend am Bogenschießen?

          Wer hat sich früher nicht aus einem Stock und einer Schnur einen Bogen gebaut und im Garten geschossen? Das macht einfach Spaß. Man lässt etwas durch die Luft fliegen. Wenn man es richtig kann, ist das Faszinierendste, zu spüren, wie der Schuss sich löst, wie man den Pfeil fliegen lässt. Man weiß, der geht jetzt voll ins Gelbe.

          Spielt die Faszination der Waffe eine Rolle?

          Nein. Der Bogen ist keine Waffe. Er ist ein Sportgerät. Ich könnte niemals auf ein lebendes Tier schießen.

          Können Sie mit einer Schusswaffe umgehen?

          Selbstverständlich, ich bin Bundespolizistin. Bei den Überprüfungen treffe ich schon immer. Aber mit dem Bogen bin ich präziser.

          Was ist der Unterschied zum Bogenschießen?

          Es macht peng. Man löst den Schuss zwar aus, aber das Schießpulver bringt die Kugel auf ihre Bahn. Beim Bogenschießen hat man es selbst in die Hand. Erst wenn ich den Bogen spanne, habe ich die Energie, um den Pfeil zu schießen. Der Bogen wiegt nur etwa drei Kilo. Aber der Zug entspricht etwa 18 Kilo. Gewehrschießen fasziniert mich nicht so richtig.

          Warum haben Sie nach Olympia erst mal Urlaub in Norwegen gebraucht?

          Die vergangenen zwei Jahre waren krass gewesen. Weil Bogenschießen so ein Kopf-Sport ist. Ich konnte laufen, Krafttraining machen, alles Körperliche. Aber die mentale Seite hat mich sehr angestrengt. Irgendwann ist es zu viel. Ich brauchte dringend Ferien.

          Kann man die Konzentration beim Bogenschießen mit etwas vergleichen?

          Vielleicht mit der Anspannung beim Balancieren, wenn man auf keinen Fall abstürzen will, auf einem Schwebebalken etwa oder einem Seil. Siebzig Prozent unserer Sportart findet im Kopf statt. Der Rest macht nur dreißig Prozent aus. Man kann die beste Technik haben. Aber man muss die Angst überwinden und schießen.

          Ein Bogenschütze hat Angst?

          Ein Bogenschütze hat grundsätzlich Angst vor dem Schuss. Es gibt sogar einen Ausdruck dafür: Goldangst. Schauen Sie: Hier am Bogen ist der Klicker, dieser kleine Blechstreifen. Wir legen ihn über den Pfeil, wenn wir ausziehen. Man zieht aus und atmet zugleich ein, dann ankert man, wie wir sagen. Wenn es klickt, ist das, ganz einfach gesagt, das Zeichen, dass man loslassen darf.

          Das Blech schlägt gegen das Holz, sobald der Bogen weit genug gespannt ist.

          Dann kommt die Angst. Weil man vielleicht nicht richtig in der Linie steht. Weil irgendwas nicht stimmen könnte. Weil man nicht genug Selbstvertrauen hat. Das kann einem wirklich im Wege stehen.

          „Das Gelbe leuchtet einem entgegen“, sagt Lisa Unruh. Für Bogenschießen muss man angeblich nicht gut gucken können
          „Das Gelbe leuchtet einem entgegen“, sagt Lisa Unruh. Für Bogenschießen muss man angeblich nicht gut gucken können : Bild: Picture-Alliance

          Ein Schuss darf doch auch mal danebengehen.

          Dann haben Sie verloren.

          Man hat Angst auf höchsten Niveau?

          Auch ganz normale Bogenschützen haben das. Mein Schuss dauert vier bis fünf Sekunden vom Einlegen des Pfeiles an. Sobald der Klick kommt, lasse ich los. Ich muss vorher alles richtig gemacht haben. Man hört nur auf dieses Geräusch. Daran hängt alles.

          Kennen Sie diese Angst?

          Von früher, ja. Man fürchtet, dass man zu früh reagiert, dass man Fehler macht. Dass der Klick zu früh kommt. Man kann auch erfolgreich sein mit dieser Angst. Ich war erfolgreich. Aber es ist schöner anzusehen und es fühlt sich besser an, wenn man keine Angst hat. Man geht selbstbewusster ran und macht sich nicht selbst fertig.

          Wie äußert sich die Angst?

          Man setzt ab. Viele können nur auf die allerletzte Sekunde schießen. Damit machen sie sich abhängig.

          Vom Zeitdruck?

          Wir haben vier Minuten für sechs Pfeile während der Vorrunde ...

          Berlins Sportlerin des Jahres: Lisa Unruh bei der Gala am zehnten Dezember
          Berlins Sportlerin des Jahres: Lisa Unruh bei der Gala am zehnten Dezember : Bild: dpa

          Vierzig Sekunden pro Schuss.

          Im Match, im direkten Vergleich, sind es 120 Sekunden für drei Pfeile. Viele warten, bis sie nur noch sechzig Sekunden haben, und rattern dann ihre Schüsse runter. Sie sind dann gezwungen zu schießen. Das ist leichter, als sein Ding zu machen. Wenn man alles richtig macht, kann man sofort loslegen.

          Wie sind Sie Ihre Angst losgeworden?

          Mit Mentaltraining, mit autogenem Training, und ich habe mit einem Sportpsychologen gearbeitet. Ich habe meine Technik verbessert. Viele denken, dass Bogenschießen eine passive Sportart sei. Ist es aber nicht, man sieht es nur nicht. Wir ziehen weiter, wir stehen ja nicht einfach herum. Dieses Ziehen muss man spüren im Rücken, man muss bereit sein.

          Ehrlich gesagt . . .

          Ich verstehe, warum man das nicht versteht. Man muss es erleben. Jeder, der mit dem Bogenschießen anfängt, weiß nach zwei Monaten, was Goldangst ist. Ich komme vom Schwimmen. Da brennen dir auf den letzten Metern die Arme, und du sagst dir: Egal, gib noch mal alles. Wenn ich das beim Bogenschießen tun würde, ginge das nicht gut. Man muss ganz ruhig sein, muss sich auf seine Technik verlassen und sagen: Ich mach das jetzt.

          Braucht man gute Augen?

          Man muss nicht gut gucken können. Das Gelbe leuchtet einem aus siebzig Meter Entfernung entgegen, man muss eigentlich nur hinhalten. Ich habe minus 4 Dioptrien. Ohne Brille würde ich nicht einmal das Gelbe sehen. Aber der Schuss passiert bei einem selbst.

          Braucht man einen speziellen Charakter zum Bogenschießen?

          Ich glaube nicht. Unser Sport ist sehr individuell. Es gibt eigentlich kein technisches Leitbild. Jeder hat seinen eigenen Bogen mit eigener Länge und eigenem Zuggewicht und eigenen Pfeilen in eigener Länge. Man muss Spaß mitbringen, den Willen, sich zu verbessern, und Durchhaltevermögen. Ansonsten kommt alles mit dem Sport. Er sorgt dafür, dass man wächst, dass man ruhiger wird. Ruhe ist etwas, das selten geworden ist in unserer Zeit. Alles ist hektisch, und die Menschen werden es auch. Durch Bogenschießen findet man sich selbst. Man steht an der Linie, und dann gibt es nur noch einen selbst und den Bogen.

          Hat Sie das Bogenschießen verändert?

          Keine Ahnung. Ich weiß ja nicht, wie ich ohne wäre.

          Ist Bogenschießen Meditation?

          Kann man so sehen. Jedenfalls eine gute Sache. Ich betreibe Leistungssport. Da kann man nicht sagen, dass das eine meditative Sportart ist. Das ist sie nur, wenn man sie als Hobby betreibt.

          Haben Sie im Finale wirklich gegen die Koreanerin Heyjin Chang gekämpft?

          Hauptsächlich hat man mit sich selbst zu tun. Je besser das gelingt, desto erfolgreicher ist man. Ich kann mir nur selbst im Weg stehen. Mit meinen Ängsten und Zweifeln. Die kommen alle hoch, wenn man sich auf den Schuss zu konzentrieren versucht. Das ist die Herausforderung.

          Hatten Sie eine Chance auf die Goldmedaille?

          Ich habe zwei der vier Sätze mit nur einem Ring verloren. Es war ganz schön knapp. Wir schießen abwechselnd. Bei mir kam eine Mega-Windböe, bei ihr nicht. So ist es halt. Sie hat super geschossen.

          Was bedeutet Ihnen die Silbermedaille?

          Viel. Gewinnen macht Spaß. Wenn man etwas gut kann und zur Perfektion bringt, ist es schön, wenn man dafür belohnt wird. Ich finde es ungerecht, wenn Fleiß und Engagement nicht belohnt werden. Leider ist ja nicht automatisch der fleißigste Sportler der beste. Aber manchmal vielleicht doch.

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