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Bogenschützin Lisa Unruh : „Alle haben Angst vor dem Schuss“

Aus siebzig Metern ins Schwarze: Lisa Unruh weiß, wie man die Finger ruhig hält Bild: Picture-Alliance

Bogenschießen ist eine Randsportart: Doch nach ihrer Silbermedaille in Rio stand Lisa Unruh trotzdem für einen Moment im Mittelpunkt. Im FAZ.NET-Interview spricht sie über Erwartungsdruck, Entschleunigung – und den Weg zu sich selbst.

          Sie trainieren im Sportforum Berlin in einem leeren Schwimmbecken. Wirkt mit den blauen Kacheln an der Wand sehr speziell . . .

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Ich bin hier früher noch geschwommen.

          Sie haben die Sportart gewechselt, um in dieser Halle bleiben zu können?

          Nicht wirklich, ich war nicht gut genug. Wir sind in die neue Halle in der Landsberger Allee umgezogen, als hier das Wasser rausgelassen wurde. Die Bogenschützen sind hier vor fünfzehn, sechzehn Jahren eingezogen. Ich habe das Schwimmen erst später aufgegeben.

          Sie haben in Rio eine der ersten Medaillen der deutschen Olympia-Mannschaft gewonnen, Silber im Bogenschießen. Haben Sie bemerkt, wie hoch die Erwartungen waren und wie dringend?

          Ich habe mich davon befreit. Jemand sagte, dass eine Medaille erwartet werde. Und ich sagte mir: Warum soll ich mir von Leuten, die meine Sportart gar nicht kennen, irgendetwas vorschreiben lassen? Ich wollte in die Top Ten, das habe ich weit übertroffen.

          Alles im Blick: Die deutsche Bogenschützin legt an, visiert – und trifft

          Ist die Essenz Ihres Trainings, ausblenden zu können?

          Man darf nicht über das nachdenken, was man gerade tut. Man muss sich auf sich selbst fokussieren und nichts von außen rankommen lassen: Ich bin wichtig, ich bin derjenige, der das jetzt machen muss.

          Es gibt diese absurde Übung, an etwas nicht zu denken. Können Sie das?

          Das funktioniert nicht. Sobald man sich sagt: Denk nicht an einen Elefanten, tut man’s. Man muss sich stattdessen auf etwas anderes konzentrieren. Ich denke die ganze Zeit über meine Technik nach, das ist elementar. Ich stehe hier, ich mache meinen Schuss, ich fühle meinen Schuss, mehr Gedanken darf’s nicht geben.

          Mussten Sie sich auf der großen Bühne Rio sagen: Dies ist ein Wettkampf wie jeder andere?

          Man hebt das immer so auf ein Podest, man erwartet, dass die Olympischen Spiele fast heilig sind. Wenn man aber dort ist, bestreitet man tatsächlich einen Wettkampf wie jeden anderen. Man sieht dieselben Leute wie sonst, ein bisschen weniger Konkurrentinnen, dieselben Volunteers wie sonst. Ich musste mich daran erinnern, wo ich gerade bin. Als ich im letzten Vergleich war, habe ich mir gesagt: Mensch, du bist im Gold-Finale von Rio! Da musste ich kurz schmunzeln. So war das.

          Und seitdem? Ist dieser Erfolg anders als andere?

          Für mich ist es ein großer Erfolg. Aber für den Rest der Welt ist er noch größer. Das mediale Interesse ist groß. Ich habe keine Worte dafür, dass ich das geschafft habe, dass ich diese Medaille habe. Es ist krass. Es ist Wahnsinn. Die Medaille liegt zu Hause in ihrer Schatulle, weil ich sie öfter mitnehmen und zeigen muss. Irgendwann wird sie dann ihren Platz in der Schrankwand finden.

          Ein Kuss für die Medaille: Lisa Unruh nach der Siegerehrung in Rio

          Was ist faszinierend am Bogenschießen?

          Wer hat sich früher nicht aus einem Stock und einer Schnur einen Bogen gebaut und im Garten geschossen? Das macht einfach Spaß. Man lässt etwas durch die Luft fliegen. Wenn man es richtig kann, ist das Faszinierendste, zu spüren, wie der Schuss sich löst, wie man den Pfeil fliegen lässt. Man weiß, der geht jetzt voll ins Gelbe.

          Spielt die Faszination der Waffe eine Rolle?

          Nein. Der Bogen ist keine Waffe. Er ist ein Sportgerät. Ich könnte niemals auf ein lebendes Tier schießen.

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