https://www.faz.net/-gtl-10pov

Bode Miller : Der Freiheitskämpfer aus Franconia

  • -Aktualisiert am

Trainingscamp: Bode Miller im Kraftraum seiner Farm Bild:

Bode Miller verhält sich wie eine Katze auf der Eisbahn. Das machte ihn zum besten Skifahrer der Welt. Zudem hat der mann auf den Vereinigten Staaten die Hüter der Konventionen widerlegt: Er ist sein eigener Verband.

          5 Min.

          Tamarack liegt in den White Mountains, einer urwüchsigen, schroffen Gegend in New Hampshire, in der die Pick-ups das halbe Jahr mit montiertem Schneepflug unterwegs sind. Bode Miller ist hier am 12. Oktober 1977 in der Tamarack Lodge geboren, einem Holzhaus, das seine Eltern im Wald, einen Kilometer entfernt von der Straße nach Franconia, gezimmert hatten. Woody, der Vater, hatte sein Medizinstudium abgebrochen und sich für eine spirituelle, politisch-ökologische Lebensform im Hippie-Stil entschieden. „Wir taten damals alles“, sagt er, „um der Notwendigkeit zu entgehen, Geld zu verdienen.“

          Michael Eder

          Sportredakteur.

          Woody und seine Familie lebten abseits der Straße im Wald, ohne Strom- und Wasseranschluss. Sie schlugen Holz, mit dem sie kochten und den Ofen feuerten, bauten Gemüse an, produzierten Sirup aus Zuckerahorn – das Leben selbst, sagt Woody, sei damals Arbeit gewesen. Für Bode und seine drei Geschwister bedeutete das Leben in Tamarack eine abenteuerliche Kindheit. „Ich habe so viel Zeit in der Natur verbracht wie ein Durchschnittsamerikaner vor 300 Jahren“, sagt er. Von klein auf streiften die Kinder durch die Wälder, lernten sich orientieren, klettern, laufen, schwimmen, sich bewegen. „Bis er zehn war“, sagt Mutter Jo über Bode, „hat er entweder Skischuhe angehabt oder war barfuß unterwegs.“ Schule? Jo hat die Kinder hin und wieder unterrichtet, ein Klassenzimmer haben sie lange Zeit nicht von innen gesehen.

          „Ich werde gern als Wilder dargestellt“

          Das also ist die Geschichte von Bode Millers Kindheit – ein oft erzähltes Klischee. „Ich werde“, sagt Miller, „gern als Wilder dargestellt, der sich in die moderne Welt verirrt hat. Das ist weder nett noch fair.“ Es ist nämlich nur die halbe Wahrheit, denn genau wie heute lebten die Millers damals zwar im Wald, aber nicht isoliert. Die Kinder aus dem Dorf kamen gern zum Spielen, nur übernachten durften nicht alle. „Manchen Eltern“, sagt Bode Miller, „roch es bei uns doch ein bisschen sehr nach Freiheit.“

          „Wenn ihr Ski fahren wollt wie ich, dann müsst ihr auch sein wie ich. Sonst müsst ihr eben so fahren, wie ihr seid, nur besser”

          Wer sich heute nach Franconia verirrt, wird feststellen, dass sich dort nicht viel verändert hat. Die Menschen treffen sich wie seit Jahrzehnten im einzigen Lebensmittelladen im Ort, dort hängen die Neuigkeiten und Termine am Schwarzen Brett, und noch immer ist alles so unaufgeregt wie früher. Dass Bode Miller mittlerweile der beste Skifahrer der Welt ist, ist hier kein Grund zur Aufregung, das war eh klar, denken die Leute, der Junge ist schließlich schon mit fünf gefahren wie der Blitz, und das einzige Plakat mit der Aufschrift „We are proud of Bode Miller“, das an der Straße hängt, ehrt nicht nur den erfolgreichen Sohn des Ortes, sondern kontrastiert auch hübsch zu dem üblichen ländlichen Straßenbild im amerikanischen Nordosten, wo die Aufdrucke sonst anderen Helden huldigen: „We are proud of our troops“. Damit können sie in Franconia, einer alternativ geprägten Ecke der amerikanischen Provinz, nicht viel anfangen.

          „Wir kümmern uns umeinander“

          Die Millers, sagt Steve, dessen Familie seit fünfzig Jahren den Laden im Ort betreibt, die Millers leben immer noch draußen in Tamarack, betreiben dort ein Tenniscamp, und Bode hat auf der anderen Seite des Ortes eine Farm gekauft, auf der biologische Landwirtschaft betrieben wird. Der Erlös fließt seiner Turtle Ridge Foundation zu, einer Stiftung, die sich um das Wohl von Kindern kümmert. „Bode tut viel für das Gemeinwesen“, sagt Steve – und dass dies wie eine Feststellung klingt und nicht wie ein Lob, liegt daran, dass in dieser Gegend niemand auf die Idee käme, Aufhebens um einen Wert wie Solidarität zu machen, der hier zur Grundausstattung gehört.

          Das war schon immer so. Wenn hier ein Haus abbrennt, dann tragen die Leute Geld und Arbeitskraft zusammen und bauen es wieder auf, wenn einer einen Unfall hat und keine Krankenversicherung, dann findet sich einer, der die Kosten übernimmt, und als Bode Miller 1998 bei den Olympischen Spielen in Nagano startete, sammelte die Dorfgemeinschaft Geld, damit seine Familie nach Japan fliegen konnte. „Wir kümmern uns umeinander“, sagt Bode Miller. Sein Vater ist Obdachlosen-Anwalt im Bezirk; wer vorübergehend seine Bleibe verliert, hat bei den Millers draußen in Tamarack noch immer eine Unterkunft gefunden.

          Weitere Themen

          Borussias neuer „Heiland“? Video-Seite öffnen

          Haaland vor Heimdebüt : Borussias neuer „Heiland“?

          Der junge Stürmer aus Norwegen wird von vielen BVB-Fans beim öffentlichen Training beobachtet – sein Debüt am Wochenende hat große Hoffnungen geweckt. Ist Erling Haaland der neue „Heiland“ für die Borussia?

          Topmeldungen

          Überfüllte Kliniken in China : Ein Patient alle drei Minuten

          Überfüllte Kliniken, gewalttätige Angehörige, Arztkosten als Existenzbedrohung, Menschen, die sich selbst ein Bein amputieren – und nun auch noch ein unbekannter Virus: In China sollte man besser nicht krank werden.
          Demonstranten am Donnerstagabend vor dem polnischen Parlament in Warschau.

          Gericht gegen Gericht : Ein neues Niveau im polnischen Justizstreit

          In Polen spitzt sich der Streit um die Justizreform zu: Während das Oberste Gericht verhindern will, dass die 500 neuen Richter Urteile sprechen können, beschließt das Parlament ein Gesetz, um stärker durchgreifen zu können.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.