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Boat Race : Im Maschinenraum

Training auf der Themse Bild: dpa/dpaweb

Sebastian Schulte will Revanche, Sebastian Thormann seine einzige Chance nutzen und Thorsten Engelmann die einzigartige Atmosphäre genießen: England fiebert der 152. Auflage des Ruder-Klassikers Oxford gegen Cambridge entgegen, bei der drei Deutsche triumphieren wollen.

          4 Min.

          Die Frau am Steuer hatte den Mann auf dem Fahrrad wohl nicht gesehen. Deshalb bog sie - die Geschichte spielt im englischen Linksverkehr - abrupt links in eine Seitenstraße ab. Sebastian Thormann, etwa dreißig Stundenkilometer schnell, konnte sein Fahrrad nicht mehr bremsen, prallte auf das Auto und stürzte klassisch über die Motorhaube.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Eigenartig: Seine Gedanken während des Flugs über das Blech waren ganz klar. "Ich habe nur gedacht, wie lande ich jetzt am besten, um mir möglichst wenig weh zu tun. Nur nicht die Handgelenke", sagt er. "Ich habe Schulter und Rücken vorgezogen." Thormann ist Arzt - und gleichzeitig Ruderer. Er war auf dem Weg vom Krankenhaus in Cambridge, wo er sich mit dem Verletzungsrisiko von Leistungssportlern befaßt, zum Rudertraining. Und auf dem Spiel stand sein großes Ziel: der Start beim Boat Race.

          Hellblau gegen Dunkelblau

          Wer an diesem traditionsreichsten und ehrenvollsten aller Ruderrennen teilnimmt, steigt auf in eine unvergleichliche sportliche Klasse und in ein Old-Boys-Network, das ihn sein ganzes Leben begleiten wird. Ein dummer Sturz sollte dem bereits 30 Jahre alten Mediziner aus Wertheim, dessen Studentenleben sich rapide dem Ende zuneigt, nicht alles verderben. Er schaffte es, auf der Schulter zu landen, auch wenn sein Kopf bei diesem Manöver hart auf den Asphalt aufschlug. "Eine Platzwunde am Hinterkopf, die genäht werden mußte, eine Gehirnerschütterung, eine schmerzende Schulter und ein etwas lädiertes rechtes Knie", ist seine Selbstdiagnose. Das Fahrrad ist Schrott.

          Vorbei an historischen Gebäuden Londons
          Vorbei an historischen Gebäuden Londons : Bild: REUTERS

          Das Ganze passierte vor einer Woche, doch Thormann behielt seinen Platz im Achter von Cambridge, der an diesem Sonntag um 17.35 Uhr auf der Themse zum 152. Boat Race gegen die Studenten der Universität Oxford antritt, Hellblau gegen Dunkelblau. "Deutsche gelten hier als unkaputtbar", sagt er. "Und sie haben mir signalisiert: Wir brauchen dich." Zusammen mit dem Berliner Thorsten Engelmann, einem Studenten der Wirtschaftswissenschaften, und dem Wiesbadener Sebastian Schulte, einem Doktoranden in Management Studies, bildet Thormann, der auf dem Weg zum Master im Fach Sportmedizin ist, das Kraftzentrum des Cambridge-Achters.

          Der Frust des Schwerarbeiters

          Den "Maschinenraum", dessen Schwerarbeiter unter Achter-Leuten ganz offensichtlich zu Unrecht als die Dummen und Starken bezeichnet werden. Stark ja: Engelmann stellte sogar mit 5:48,9 Minuten auf 2000 Meter einen Universitätsrekord auf dem Ergometer auf. Alle drei sind führende deutsche Riemenruderer, mehrfache Medaillengewinner bei Weltmeisterschaften, und alle drei wollen auf den 6,74 Kilometern zwischen Putney und Mortlake auch ein Stück Frust in der Themse versenken. Engelmann, der erst 24 Jahre alt ist, will sich für den enttäuschenden vierten Platz mit dem Achter bei den Olympischen Spielen von Athen entschädigen. Thormann, der zu Hause seine Doktorarbeit schon fast beendet hat, hadert damit, daß vor Olympia sein Vierer-Kollege Paul Dienstbach erkrankte, worauf das Boot die Finalteilnahme verpaßte. Auch das vergangene Ruderjahr verlief nicht nach Wunsch: "Es war der absolute Frust." Seitdem fühlt er sich vom Bundestrainer links liegengelassen.

          Auch Schulte ist Olympia-Vierter. Er mußte aber noch eine weitere Schlappe verkraften: Er saß - wie sechs andere Crew-Mitglieder - schon im vergangenen Jahr im Cambridge-Achter, der gegen Oxford keine Chance hatte und mit zwei Längen verlor. Bereits der erste Schlag nach dem Start mißlang, und die Hellblauen, die mehr auf Technik als auf Kraftwerte gesetzt hatten, konnten dieses Handicap nicht mehr aufholen. "Diese Niederlage war schmerzhafter als der vierte Platz von Athen", sagt Schulte. "Die letzen Minuten des Rennens, als klar war, daß wir verloren hatten, waren eine schlimme Erfahrung." Seitdem steht es nur noch 78:72 für Cambridge.

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