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Blutdoping-Vorwürfe : ARD entschuldigt sich für eigene Berichterstattung

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ARD-Wintersport: Moderator Michael Antwerpes mit den Experten Uschi Disl und Ricco Groß (v.l.) Bild: picture-alliance/ dpa

In nicht gekannter Weise hat sich die ARD von der eigenen Sport-Berichterstattung um die Blutdoping-Vorwürfe distanziert. Der Deutsche Ski-Verband nahm die Entschuldigung an. Von einer Klage gegen ARD-Redakteure will der DSV aber nicht abrücken.

          Die ARD hat die Notbremse gezogen. In bisher nicht gekannter Weise hat sich der öffentlich-rechtliche Fernsehsender von der eigenen Sport-Berichterstattung über die Wiener Blutbank-Affäre distanziert. Zugleich entschuldigte sich die ARD für die erhobenen schweren Doping-Vorwürfe gegen deutsche Wintersportler. „Es ist nicht vertretbar und mit unserer Berufsauffassung nicht vereinbar, wenn solche Pauschalverdächtigungen erhoben werden, ohne dafür belegbare und nachprüfbare Fakten zu haben“, sagte Moderator Michael Antwerpes am Donnerstag zu Beginn der Live-Übertragung vom Biathlon-Weltcup im Südtiroler Antholz.

          Damit kritisierte Antwerpes den eigenen Sender, der zwei Tage zuvor mit seinen Doping-Anschuldigungen für großen Wirbel gesorgt hatte. „Wir bedauern, wenn es im Zusammenhang mit dieser Meldung zu Vorwürfen und Unterstellungen gegen Athleten gekommen ist“, sagte der ARD-Moderator. Der Deutsche Olympischen Sportbund (DOSB) begrüßte die Entschuldigung. „Ich finde es gut, dass die ARD ein Stück Größe zeigt und die Vorwürfe, nachdem sie sich bisher nicht bestätigt haben, zurückgezogen hat“, sagte DOSB-Generaldirektor Michael Vesper.

          „Eine sehr harte Nummer mit immensem Flurschaden“

          Der Deutsche Skiverband (DSV) begrüßte die Entschuldigung und nahm sie an. „Es ist aller Ehren wert, dass die ARD das gemacht hat und damit live auf den Sender gegangen ist“, sagte DSV-Sprecher Stefan Schwarzbach. Er bekräftigte jedoch die Absicht, die für die Berichterstattung Verantwortlichen zu belangen. „Aus der angeblichen Doping-Affäre ist jetzt mehr oder weniger eine Medienaffäre geworden. Wir haben uns auch deshalb vorbehalten, jetzt rechtliche Schritte einzuleiten gegenüber den verantwortlichen Redakteuren, wohlgemerkt nicht gegenüber der ARD“, sagte Schwarzbach. Das sei „eine sehr, sehr harte Nummer“ für alle gewesen, der „Flurschaden ist immens“. (Siehe auch: Doping-Vorwürfe: DSV geht rechtlich gegen ARD-Redakteure vor).

          Ähnlich argumentierte auch die Biathletin Kati Wilhelm, die den Wettkampf in Antholz gewann und damit ihren ersten Einzel-Weltcup-Sieg in dieser Saison feierte. „Das hat uns alle sehr hart getroffen. Das sind Vorwürfe, von denen wir alle wissen: Wir haben damit nichts zu tun“, sagte die mehrfache Weltmeisterin. Man wisse nicht so recht, wie man damit umgehen solle. „Mehr als sagen, dass wir nicht in Wien waren und damit nichts zu tun haben, können wir natürlich nicht.“ Es sei schlimm, dass ihre Leistungen mit solchen Vorwürfen in den Dreck gezogen würden (Siehe auch: Biathlon: Wilhelm siegt unbeeindruckt - Neue Vorwürfe aus Schweden).

          „Bei solchen Vorwürfen gilt die Unschuldsvermutung“

          Die ARD hatte am Dienstag erstmals die schweren Vorwürfe erhoben und mitgeteilt, dass „mindestens 30 Sportler die Dienste der Blutbank in Wien in Anspruch genommen haben“ sollen. Weiter hieß es: „Rund zwei Drittel der Athleten stammten demnach aus Deutschland. Es handele sich um Sportler aus den Bereichen Biathlon und Skilanglauf, die zumindest zum Teil zur Weltspitze gehören.“ (Siehe auch: Deutsche Biathleten unter Dopingverdacht)

          Am Mittwoch hatte ARD-Programmdirektor Günter Struve zunächst Konsequenzen für die Wintersport-Berichterstattung des Senders ausgeschlossen: „Es gibt zwar neue Dopingvorwürfe, die jedoch bisher nicht für einzelne Sportler belegt sind. Auch bei solchen Vorwürfen gilt zunächst die Unschuldsvermutung.“ Zudem sagte Struve der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Ich sehe die Meldung vom Dienstag reserviert, weil Pauschalverdächtigungen nicht unserem Qualitätsstandard entsprechen. Wir nehmen das Thema Doping weiter sehr ernst und werden es natürlich auch weiter verfolgen. Gerade, weil wir es nicht verniedlichen, halten wir nichts von pauschalen Beschuldigungen.“

          „Eine Panne, die nicht wieder vorkommen sollte“

          ARD-Dopingexperte Hajo Seppelt, der für die Berichterstattung verantwortlich ist, hatte unterdessen Interviews bei Radiosendern des öffentlich-rechtlichen Verbundes gegeben. Er nannte jedoch keine Fakten oder Namen. Der WDR-Chefredakteur Jörg Schönenborn erklärte, bei der Meldung habe es sich um eine „Panne“ gehandelt, „die nicht wieder vorkommen sollte“.

          Empört reagierte der international anerkannte Wiener Doping-Experte Hans Holdhaus zur Entwicklung in dem Blutbank-Fall. „Wie das Ganze bisher abgelaufen ist, ist es völlig indiskutabel und juristisch nicht vertretbar“, sagte er. Er sei ein absoluter Gegner des Dopings, aber so könne man es nicht machen. Er würde es begrüßen, wenn einer der namentlich genannten Sportler oder der Chef des Blutplasma-Unternehmens Humanplasma in Wien gegen die Vorwürfe Klage erheben würde. „Dann würde diese Sache sehr schnell bereinigt.“

          Leiter von Humanplasma streitet jede Verwicklung ab

          Inzwischen hat der medizinische Leiter der Humanplasma GmbH, Lothar Baumgartner, in Briefen an den österreichischen Bundeskanzler Alfred Gusenbauer sowie den ehemaligen Präsidenten der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada), Richard Pound, jede Beteiligung an Blutdoping bestritten. In den Schreiben beteuert Baumgartner, niemals Blutplasma Einzelpersonen zugänglich gemacht zu haben. Als „unverständlich“ bezeichnete es der Mediziner, dass sein Unternehmen durch „unbelegte Verdächtigungen“ belastet und damit „unser Ruf geschädigt“ werde. Schon jetzt sei die Zahl der Blutspender aufgrund der Berichterstattung zurückgegangen.

          Das österreichische Bundeskanzleramt versicherte dem DOSB unterdessen, dass es nach aktuellem Ermittlungsstand keinen Beweis für Doping-Anschuldigungen gegen rund 30 Sportler gebe. „Derzeit liegt kein Beweis vor, dass österreichische Athleten oder ein Athlet irgendeines anderen Landes Blutdoping vorgenommen oder gegen irgendein anderes österreichisches Gesetz verstoßen haben“, teilte der zuständige Staatssekretär für Sport im österreichischen Bundeskanzleramt, Reinhold Lopatka, dem DOSB und dem Internationalen Olympischen Komitee mit. Dies gab der DOSB am Donnerstag bekannt.

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