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BKA durchsucht Uni Freiburg : Blutbeutel und Festplatten

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Die Aktion des BKA und der Staatsanwaltschaft war lange erwartet worden. Schon im Frühjahr wurde über eine Polizeirazzia in Freiburg spekuliert. Damals hatte der ehemalige belgische Masseur Jef d'Hont mit seinen Aussagen im „Spiegel“ den Skandal an der Universitätsklinik ins Rollen gebracht. D'Hont behauptete, beim damaligen Team Telekom sei in den neunziger Jahren exzessiv gedopt und betrogen worden. Der Belgier sagte aber ebenso wie kurz darauf diverse Radprofis, Bert Dietz, Rolf Aldag, Erik Zabel, Jörg Jaksche, nur über Zeiträume aus, die nach dem Bundesarzneimittelgesetz ebenso wie nach dem Strafgesetzbuch verjährt sind. Erst der Zeitraum von 2002 an wird strafrechtlich relevant. Patrik Sinkewitz ermöglichte den Ermittlern also den Durchbruch. Sogar in den Räumen der Freiburger Universitätsklinik sei er einmal mit Eigenblut versorgt worden, gab Sinkewitz zu. Diese Aussage wurde - im Gegensatz zu anderen Aussagen des Radrennfahrers - öffentlich gemacht.

„Seine Aussagen waren in diesem Ausmaß nicht zu erwarten. Sie haben auch seine Zeit bei T-Mobile 2006 umfasst und ein sehr umfangreiches Bild über Dopingpraktiken durch Ärzte und Teamärzte erbracht“, sagte der Vorsitzende des BDR-Sportgerichts, Peter Barth. Der 26 Jahre alte Sinkewitz, der am 8. Juni positiv auf Testosteron getestet worden war, will von der Kronzeugen-Regel profitieren und hofft auf eine Halbierung der Zweijahressperre. Der Fuldaer war Anfang 2006 vom belgischen Team Quick-Step zum Bonner Rennstall gewechselt. Durch sein Geständnis gerät auch T-Mobile unter weiteren erheblichen Aufklärungsdruck. Das fünfzehnseitige Protokoll der Sinkewitz-Anhörung hatte der Sportgerichts-Vorsitzende Barth „vor ein paar Tagen an das BKA weitergeleitet“. „Die Durchsuchung hat mich nicht überrascht“, sagte Barth nun.

Es ist nicht sehr wahrscheinlich, dass in Freiburg ein halbes Jahr nach den ersten Anschuldigungen noch strafrechtlich relevante Beweise für verbotene Doping-Aktivitäten gefunden werden. Die Verantwortlichen hatten schließlich Zeit, Spuren zu verwischen. Nach Informationen der „Badischen Zeitung“ gibt es Anlass für den Verdacht, dass selbst in den vergangenen Wochen noch belastendes Material beiseite geschafft wurde. Der Ärztliche Direktor der Abteilung, Hans-Hermann Dickhuth, bestreitet dies vehement. Sowohl Heinrich wie auch Schmid seien nach ihrer Kündigung am 24. Mai dieses Jahres aufgefordert worden, ihre Zimmer zu räumen. Insofern könne nicht davon die Rede sein, dass hier gezielt belastendes Material entfernt wurde, so Dickhuth.

Arbeitszimmer ausgeräumt

Der ebenfalls wegen Doping-Verdachts von klinischen Tätigkeiten freigestellte Sportmediziner Georg Huber - der langjährige deutsche Olympiaarzt hatte zugegeben, in den achtziger Jahren einigen „U 23“-Radsportlern Testosteron verabreicht zu haben - hat laut Dickhuth in der vergangenen Woche seinen Resturlaub genommen. Auch Huber habe daraufhin begonnen, sein Arbeitszimmer auszuräumen. Der Arbeitsvertrag des Arztes hätte eigentlich ein Ausscheiden Mitte Februar 2008 vorgesehen.

Die Ermittler halten die Durchsuchung dennoch für notwendig: Sie dokumentiere, dass betrügerische Machenschaften verantwortlicher Sportärzte kein Kavaliersdelikt seien. Freiburg gilt seit Jahrzehnten als Zentrum der (bundes-)deutschen Sportmedizin und ist immer wieder mit Doping in Verbindung gebracht worden. Eine zentrale Rolle wurde dabei den ehemaligen Professoren Joseph Keul (verstorben im Jahr 2000) sowie Armin Klümper (ausgewandert nach Südafrika) zugeschrieben.

Die Freiburger Uniklinik hatte nach den Geständnissen von Heinrich, Huber und Schmid eine eigene Untersuchungskommission eingerichtet. Heinrich und Schmid haben es bislang abgelehnt, vor dem Gremium auszusagen. Wie dessen Vorsitzender Hans Joachim Schäfer mitteilte, hätten die bisherigen Ermittlungen ergeben, dass Uni-Bereiche „außerhalb der Sportmedizin“ nicht in die Doping-Praktiken einbezogen gewesen seien: „So steht unter anderem fest, dass kein einziges Gramm Epo aus der Uni-Apotheke an die Sportmedizin geliefert wurde.“

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