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Björn Werner : Großer Junge, großes Geld

  • -Aktualisiert am

Immer volle Pulle: Björn Werner hängt sich rein und kommt bald groß raus Bild: picture alliance / ASSOCIATED PR

Der Berliner Björn Werner ist nach Amerika gezogen, um Footballprofi zu werden. Er steht kurz vor dem Ziel: Auf einen Schlag wird er nun vom Studenten zum Profi, ausgestattet mit einem millionenschweren Vertrag.

          3 Min.

          Björn Werner ringt nach Luft. Doch einige Sprints, einige Übungen muss er noch über sich ergehen lassen: „Ich will denen beweisen, dass ich gut genug für eine große Karriere bin.“ Es ist ein sonniger Frühlingstag in Tallahassee, und an der hiesigen Florida State University ist der sogenannte Pro Day.

          Aus der nordamerikanischen Football-Profiliga (NFL) sind Trainer und Scouts angereist, um die besten College-Spieler zu sichten und sie in verschiedenen Trainingseinheiten zu testen. Aus dem riesigen Football-Stadion der Universität, das 80.000 Zuschauer fasst, berichtet der Fernsehsender ESPN insgesamt sechs Stunden live. In den Vereinigten Staaten suchen sie den nächsten Superstar. Ein Kandidat ist der 22 Jahre alte Berliner Björn Werner.

          Am diesem Donnerstag findet der Draft, das alljährliche Auswahlverfahren, statt, bei dem die NFL-Profiklubs die besten Nachwuchsspieler unter Vertrag nehmen. Aufgrund seines herausragenden Talents wird Björn Werner dabei höchstwahrscheinlich als einer der Allerersten gewählt werden. Auf einen Schlag wird er dann vom Studenten zum Profi, ausgestattet mit einem millionenschweren Vertrag. „Ich werde plötzlich ganz viel Geld haben“, sagt Werner: „Hoffentlich werde ich damit auch vernünftig umgehen und am Boden bleiben können.“

          Geld hatte er früher wenig. Aus einfachen Verhältnissen stammend, wächst Werner in den Berliner Problembezirken Wedding und Reinickendorf auf. Weil er schon als Kind groß und kräftig ist, nehmen ihn Freunde in die Football-Jugend der Berlin Adler mit. „Mich hat dieser Sport sofort fasziniert“, sagt Werner begeistert, „seit frühester Jugend ist mein Traum die NFL.“

          Nur 900 Dollar Talentförderung monatlich

          Im Alter von 16 beschließt er, in die Vereinigten Staaten umzuziehen und Profi zu werden. Zunächst erhält er ein Stipendium von einer Highschool im Bundesstaat Connecticut, dann wechselt er an die Universität von Tallahassee, in die Hauptstadt Floridas. Dort hat er angefangen, Business-Management zu studieren. „Aber die volle Konzentration galt natürlich dem Football.“ Werner trainiert und spielt fortan wie ein Profi, wird aber bezahlt wie ein Amateur.

          Nur 900 Dollar Talentförderung zahlt ihm die Florida State University monatlich. Zum Vergleich: Der Cheftrainer von Werners Studentenmannschaft verdient fünf Millionen Dollar im Jahr. College-Football ist ein amerikanisches Phänomen. In den Vereinigten Staaten gibt es keine Jugend- oder Amateurvereine. Der Nachwuchs für die Profis wird an den Universitäten ausgebildet. Bei den Spielen sind Stadien und Einschaltquoten oft größer als in der NFL.

          „The Germinator“ oder „Berlin Wall“

          Ein Milliardengeschäft. Die Einnahmen verwenden die Universitäten für Trainer, Lehrkräfte und studentische Einrichtungen. Die Spieler selbst aber sind Amateure und wohl auch deswegen meist viel beliebter als die oft verwöhnten und manchmal verzogenen Profis. Björn Werner hat seit drei Jahren eigene Autogrammkarten und hat sich längst landesweit einen Namen gemacht.

          Im Fernsehen nennen ihn die Kommentatoren „The Germinator“ oder „Berlin Wall“. Mit Körpermaßen von 1,92 Meter Größe und 120 Kilogramm Gewicht ist er als Abwehrspieler dafür zuständig, den Quarterback, den gegnerischen Spielmacher, zu stoppen. „Da kommen dir dann Typen entgegen, die noch größer und noch viel schwerer sind als ich. An denen muss man irgendwie vorbeikommen, sonst packen die dich mit ihren großen Händen, und Schlimmes kann passieren“, sagt Werner - und grinst dabei selbstbewusst.

          „Er ist einer der Besten“

          Anfang des Jahres hat er mit seiner Mannschaft in Miami vor mehr als 90.000 Zuschauern die College-Meisterschaft Orange Bowl gewonnen. Anschließend wurde Werner zum besten Defensivspieler der Saison gewählt. „Björn ist der geborene Anführer“, schwärmt sein Trainer Jimbo Fisher, „er ist einer der Besten, die je für unsere Universität gespielt haben und wird lange in der NFL tätig sein.“

          Noch aber lebt Werner in einer Studenten-WG. Nahe der Uni wohnt er in einem kleinen Häuschen gemeinsam mit zwei männlichen Mitbewohnern und seiner Jugendliebe Denise, die damals aus Berlin mitgekommen ist. Mittlerweile sind beide verheiratet und teilen sich ein winziges Zimmer, das mit Postern von Football-Stars geschmückt ist. „Das Leben beginnt jetzt endlich“, sagt Denise Werner, die ebenfalls Management studiert: „Bislang waren immer Geldprobleme da. Doch schon ganz bald werden wir ein eigenes Haus haben. Ich bin aufgeregt und freue mich total auf die NFL.“

          „Fast alle wollen mich haben“

          Für die NFL muss sich Werner am Pro Day aber noch einmal beweisen. Noch einmal tief Luft holen. Der Tag ist fast geschafft, seine Mannschaftskameraden haben ihre Tests bereits hinter sich. Björn Werner steht nun allein auf der Mittellinie im Stadion seiner Universität. Vom Spielfeldrand aus beobachten ihn die Trainer und Scouts der 32 NFL-Klubs. Auf Kommando läuft Werner nun rückwärts, der Football kommt geflogen.

          Scheinbar unerreichbar, doch im letzten Moment greift Werner zu und trägt den Ball danach sicher unter dem Arm. Die Mitspieler applaudieren. Den letzten Test bestanden. „Ob ich beim Draft als Erster oder als Letzter ausgewählt werde, das ist mir egal“, sagt Werner: „Mir haben fast alle Vereine signalisiert, dass sie mich gerne haben wollen. Ich werde definitiv nächste Saison irgendwo in der NFL spielen.“

          „Ich werde das dann lieber abgeben“

          Nach den Interviews ist ein Sportmagazin mit Werner zum Fotoshooting verabredet. Schon jetzt wird er teilweise wie ein Star behandelt - und demnächst auch dementsprechend bezahlt. „Ich habe viele Verwandte in meiner Familie, denen ich mit meinem Geld helfen werde“, sagt Werner: „Ich werde das dann lieber abgeben, anstatt mir selbst fünf Autos zu kaufen.“ Der große Junge und das große Geld. Am Montag wird er nach New York fliegen, wo der NFL-Draft traditionell in der Radio City Music Hall veranstaltet wird. Und ab Donnerstag ist Björn Werner dann Millionär.

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