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Rücktritt der Olympiasiegerin : Die Befreiung der Laura Dahlmeier

Von einer Last befreit: Laura Dahlmeier beendet ihr Biathlon-Karriere. Bild: dpa

Doppel-Olympiasiegerin Laura Dahlmeier beendet mit nur 25 Jahren ihre Biathlon-Karriere. Sie verspüre nicht mehr die nötige hundertprozentige Leidenschaft. Der Gedanken ans Karriereende begleitete sie schon lange.

          Der Berg ruft. Und jetzt muss Laura Dahlmeier keine Kompromisse mehr eingehen. Muss nicht mehr zusehen, ob der Gipfelsturm halbwegs in den Trainingsplan passt, muss ihre Touren nicht mehr mühsam ins enge Zeitkorsett einer Spitzensportlerin einpressen, sondern kann sich ganz ihrer wahren Leidenschaft hingeben. Weil ein wichtiges Kapitel ihres Lebens jetzt geschlossen ist. Am Freitag hat die Biathletin aus Garmisch-Partenkirchen das Ende ihrer eindrucksvollen Karriere bekanntgegeben – mit 25 Jahren.

          Weil ihr, die mit zwei olympischen Goldmedaillen, sieben WM-Titeln, einem Gesamt-Weltcup- und 20 Weltcupsiegen nahezu alles erreicht hat, die Ziele ausgegangen seien. Ewig im Hamsterrad des Erfolges umherrennen, wie etwa Ole Einar Björndalen, das wollte Laura Dahlmeier ohnehin nicht. Es gab für sie immer ein Leben neben Sport. Und jetzt, zwei Monate nach Saisonschluss, ist die Zeit reif, „Servus zu sagen! Nach einer unfassbar harten Saison voller Höhen und Tiefen verspüre ich nicht mehr die hundertprozentige Leidenschaft, die für den Profisport erforderlich ist. Aus diesem Grund habe ich nach längerem Überlegen entschieden, meine aktive Biathlon-Karriere zu beenden“.

          Aufhören seit Pyeongchang ein Thema

          Dieser Rücktritt ist längst keine Überraschung mehr. Allenfalls der Zeitpunkt. Schon bei Olympia 2018 im eisigen Pyeongchang hatte Laura Dahlmeier durchblicken lassen, dass es das gewesen sein könnte. Zweimal Gold – Kindheitstraum erfüllt. Was soll da noch kommen? Sie hat dann doch ein Jahr drangehängt, weil sie nach längerer Auszeit gespürt hatte, dass „das Feuer noch brennt“. Diese Flamme am Leben zu erhalten, war eine ihrer härtesten Prüfungen. So eine Achterbahnfahrt wie in ihrer letzten Saison hatte sie noch nicht erlebt. Mal oben und voller Hoffnung, mal unten und voller Zweifel.

          Es begann mit einer Risswunde nach einem Sturz mit dem Mountainbike, die sich entzündete, dann folgte eine Weisheitszahn-OP, dazu kamen immer wieder Infekte –das Immunsystem war im Keller. Laura Dahlmeier landete sogar im Krankenhaus, und es gab eine Zeit, da dachte sie, dass es das war mit dem Leistungssport. Sie hat sich aufgerappelt, hat bei ihren sporadischen Einsätzen im Weltcup mal für Furore, mal für Ernüchterung gesorgt. „Ich weiß was es bedeutet, sich immer wieder zurück zu kämpfen“, sagt Laura Dahlmeier. Lauter „kleine Leidenswege“, lauter Kraftakte. Es war fast ein kleines Wunder, dass sie bei der Biathlon-Weltmeisterschaft in Östersund im März noch einmal zwei Bronzemedaillen gewann. Aber schon da hatte mancher erwartet, dass sie ihren Rücktritt bereits beim Saisonfinale in Oslo bekanntgeben würde. Jetzt hat sie es mit Verspätung getan.

          Was nichts daran ändert, dass der deutsche Biathlon-Sport sein nächstes Aushängeschild weit vor der Zeit verliert. Auch ihre Vorgängerin Magdalena Neuer, immer noch Rekord-Weltmeisterin, beendete 2012 ihre große Laufbahn im Alter von nur 25 Jahren. Was die beiden verschiedenen Charaktere eint, ist ihre Abneigung gegen die Begleiterscheinungen ihres Sports. Die Vereinnahmung durch die Öffentlichkeit, der Mangel an Privatsphäre, der Rummel. Für den Deutschen Skiverband (DSV) ist Laura Dahlmeiers Rücktritt ein herber Verlust. „Natürlich hatten wir gehofft, dass Laura ihre Karriere noch für ein, zwei Jahre fortsetzt“, sagte Bernd Eisenbichler, Sportlicher Leiter Biathlon. „Dass Laura diese Entscheidung getroffen hat, ist schade, aber selbstverständlich respektieren wir ihre Beweggründe.“

          Besser aufgestellt als nach Neuner-Rücktritt

          Allerdings sind die deutschen Biathletinnen anno 2019 – zumindest kurzfristig – besser aufgestellt als sieben Jahre zuvor. Langlauf-Umsteigerin Denise Herrmann ist in Östersund Verfolgungs-Weltmeisterin geworden und dürfte dem DSV mit ihren 30 Jahren zumindest ein paar Jahre Zeit verschaffen, um neue Talente zu finden und zu entwickeln. Denise Herrmann weiß aber nur zu gut, was auf sie zukommt. „Die Messlatte hast du verdammt hoch gehängt,“ schrieb sie auf Instagram.

          Laura Dahlmeier präsentiert in Hochfilzen in Österreich ihre WM-Medaillen 2017.

          Laura Dahlmeier sucht ihre Herausforderungen jetzt sicher mehr in der Vertikalen. Es gibt so viele Berge und Gipfel, die erobert werden wollen. In der Hinsicht werden ihr die Ziele so schnell nicht ausgehen. Die Eigernordwand steht ganz oben auf ihrer Wunschliste. „Genieße die Freizeit in den Bergen. Wir sehen uns“, schrieb der elfmalige Weltmeister Fourcade. Vielleicht hat er damit ihren offiziellen Abschied gemeint. Im Dezember bei der Team-Challenge Auf Schalke wird Laura Dahlmeier ihre letzten Biathlonrunden drehen.

          Laura Dahlmeiers Erklärung im Wortlaut

          "Liebe Fans, Freunde, Partner und Wegbegleiter - es ist Zeit Servus zu sagen! Nach einer unfassbar harten Saison voller Höhen und Tiefen verspüre ich nicht mehr die hundertprozentige Leidenschaft, die für den Profisport erforderlich ist. Aus diesem Grund habe ich nach längerem Überlegen entschieden, meine aktive Biathlon-Karriere zu beenden. Seit meinen Kindestagen habe ich mich voll und ganz dem Biathlon verschrieben, durfte wahnsinnig tolle und intensive Momente erleben und lernte wunderbare Wegbegleiter und Unterstützer kennen, ohne die das alles nicht möglich gewesen wäre. Vielen Dank für all die Jahre, die ich in diesem Sport verbringen durfte - sie haben mich zu dem gemacht, was ich bin! Um Platz für neue Abenteuer zu schaffen, ist es nun für mich an der Zeit, das Kapitel Biathlon zu schließen. Ich freue mich auf das, was jetzt wartet - see you out there! Bis bald, Eure Laura."

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