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BG Göttingen : Geplantes Chaos

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Beobachter bezeichneten den Stil der BG Göttingen als Harakiri oder Chaos. Doch die Resultate geben den Niedersachsen Recht: sie führen die Tabelle der Basketball-Bundesliga an. Vater des Erfolgs ist Trainer John Patrick.

          Revolutionen bahnen sich meist im Stillen an. Schon in der vergangenen Saison praktizierte die BG Göttingen, Aufsteiger in die Basketball-Bundesliga, einen Spielstil, den Beobachter wahlweise als Harakiri oder Chaos bezeichneten. Das fiel nicht weiter auf, weil der Neuling die Saison auf Rang 14 beendete. Inzwischen aber schaut die gesamte Konkurrenz auf das Göttinger Modell und muss dabei den Kopf in den Nacken legen. Die Niedersachsen führen die Tabelle an. Ihr atemraubender Tempo-Basketball sucht in der Liga seinesgleichen.

          Mit bis zu vier Guards - keiner von ihnen ist größer als 1,95 Meter - lässt Trainer John Patrick gleichzeitig spielen. Sie praktizieren über die kompletten 40 Spielminuten eine sogenannte Ganzfeldpresse, die jedem Gegner die Luft zum Atmen nimmt. Kein gegnerisches Team trifft diese Spielweise unvorbereitet, schließlich praktiziert Patrick diesen Power-Basketball mit kleinen und beweglichen Spielern schon seit Zweitligazeiten.

          Fundamentale Drills und außergewöhnliche Fitness

          Paderborns Trainer Douglas Spradley beispielsweise bereitete sich auf das Spiel gegen Göttingen vor, indem er im Training „fünf gegen sieben“ spielen ließ, um den unheimlichen Druck der Göttinger nachzuahmen. Genutzt hat es nichts, Paderborn verlor am letzten Spieltag der Hinrunde 75:81. Der ehemalige Profi Spradley sprach auch nach der Niederlage von einem „organisierten Chaos“, aber der respektvolle Unterton war nicht zu überhören. Auch Jan Pommer, Geschäftsführer der BBL, ist im doppelten Sinne von Göttingens Geschwindigkeit beeindruckt: „Sowohl von der auf dem Parkett als auch von der Tatsache, wie schnell sich dieses Konzept in der Tabelle auszahlt. Göttingen zermürbt seine Gegner.“

          Für John Patrick hat diese Art und Weise, den Gegner mit einer derart intensiven Defensivarbeit zu Fehlern zu verleiten, nichts mit Chaos zu tun. „Wir machen keine außergewöhnlichen Dinge. Wir legen sehr viel Wert auf fundamentale Drills und eine außergewöhnliche Fitness der Spieler.“

          Er setzt auf Eigenverantwortung und Intelligenz

          Patricks Prototyp eines für sein System idealen Spielers ist Kyle Bailey. Der Kapitän der Göttinger ist nach einem unerquicklichen Ausflug zum Ligarivalen Ulm zur BG zurückgekehrt und seitdem der unumstrittene Chef auf dem Parkett. „Kyle ist der Garant für unseren Erfolg“, sagt auch Marc Franz, einer der Geschäftsführer der „Starting Five GmbH“, die sich seit dem Bundesliga-Aufstieg um die finanziellen Geschicke des Klubs kümmert. Bailey wird seit dem Gewinn der Zweitliga-Meisterschaft 2006 von den Fans als Held verehrt.

          Der smarte Amerikaner eignet sich nicht zuletzt wegen seiner Beziehung zu der amerikanischen Fußball-Nationalspielerin Leslie Osborne, einst vom amerikanischen Sportsender ESPN zur „attraktivsten Athletin“ gekürt, als Galionsfigur. Um so mehr, weil er seine Position nicht ausnutzt. „Trotz seines Status ist Kyle sehr kritikfähig, was ihn zu einem Vorbild für die anderen macht“, sagt der Coach.

          „Wir waren das Power-Haus der Liga“

          Vater des Erfolgs ist jedoch John Patrick, der sich selbst als „sehr, sehr konservativ“ bezeichnet. „Ich habe nur ein paar Regeln, die ich aber konsequent durchziehe.“ Eine davon lautet: Wenn ein Spieler keine Energie mehr hat, kann er sich selbst auswechseln. Und wenn er sich wieder fit fühlt, auch selbst wieder einwechseln. Was wie ein Scherz klingt, hat bei Patrick Methode. Er setzt auf die Eigenverantwortung und die Intelligenz seiner Spieler. Seine Profis, sagt Patrick, „trainieren härter als die meisten anderen BBL-Spieler“. Patrick ist ein akribischer Arbeiter, den unkonzentrierte Spieler zur Weißglut treiben können: „Im Training werde ich dann auch schon mal laut und sage ihnen meine Meinung.“

          Wer die Einstellung von John Patrick verstehen will, muss in den Annalen bis zu dessen eigenen Highschool-Tagen zurückblättern. Mit der DeMatha Catholic High School in Maryland wurde der Amerikaner, am 29. Februar 1968 geboren, Champion. „Wir waren das Power-Haus der Liga“, erzählt der Vater von fünf Kindern. Sein Team dominierte die Gegner mit ebenjenem Stil, den Patrick heute in Göttingen spielen lässt.

          „Wir sind noch nicht da, wo wir sein könnten“

          In Niedersachsen hat der Amerikaner nicht nur eine sportliche Heimat gefunden. „Ich glaube, dass es für Familien kein besseres Leben als in Deutschland geben kann.“ Sein „Heimweh“ nach Göttingen und zur Familie war der entscheidende Grund, warum er Japan, wo er 2006 Toyota Alvark zur Meisterschaft führte, nach einem Jahr wieder den Rücken kehrte. Als Trainer und Sportdirektor in Personalunion setzt er nun in der ehemaligen Basketball-Hochburg Göttingen (dem Meister 1980, 1983 und 1984) seine Vorstellungen von attraktivem Basketball um, und das mit einem der kleinsten Etats der Liga.

          Die Teilnahme an den Play-offs scheint der BG nicht mehr zu nehmen zu sein, was Geschäftsführer Franz als „gigantischen Erfolg“ werten würde. Patrick denkt jedoch schon weiter, er will Göttingen, das am Donnerstag beim Auswärtsspiel in Trier seine Tabellenführung ausbauen kann, mittelfristig auf die internationale Bühne führen. Für den Trainer sind das keine Hirngespinste, denn er sieht das Potential seines Teams noch lange nicht ausgeschöpft: „Wir sind noch nicht da, wo wir sein könnten.“ Mit der Play-off-Runde will er sich erst beschäftigen, wenn es so weit ist. Sollten die Göttinger mit ihrer „Small ball“-Taktik auch dort für Furore sorgen, dann würde die Göttinger Revolution wohl auch andere packen.

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