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Bewerber für 2016 : Smalltalk als olympische Kerndisziplin

  • -Aktualisiert am

Wer darf die Ringe 2016 ergreifen? Chicago, Rio, Tokio und Madrid bewerben sich um Olympia Bild: AFP

Chicago, Tokio, Rio de Janeiro oder Madrid? Bei der Präsentation der Bewerberstädte für die Olympischen Sommerspiele 2016 wird Lausanne zur Bühne der Berater. Dabei gibt es drei Kategorien - und nicht alle Lobbyisten sind auch gut.

          „Entschuldigung - kennen wir uns nicht? Nein? Dann wird es aber höchste Zeit.“ Ein solcher oder ähnlicher Verbalaufschlag für ein fruchtbares Gespräch wird rings um die olympische Familie ziemlich regelmäßig im Smalltalk-Spielfeld plaziert. Schließlich können gute Kontakte viel Geld wert sein, denn der Bedarf an Beratern, Stimmungsmachern und Lobbyisten ist riesig.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          In dieser Woche sitzen sie wieder strategisch gut positioniert und absolut dazugehörig in den Coffee Shops und Lounges der Hotels in Lausanne, einige schwadronieren auch im Pressebereich des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) herum und netzwerken, was das Zeug hält. Es geht schließlich um viel. Einige versuchen, das Klima für die aktuellen Bewerber zu sondieren und zu verbessern, schließlich präsentierten sich gut drei Monate vor der Entscheidung hier bis zum Donnerstagnachmittag hinter verschlossenen Türen die vier Olympiabewerber für die Sommerspiele 2016: Chicago, Tokio, Rio de Janeiro und Madrid.

          Und es winken neue Aufträge: Durch die olympischen Gänge wandelt dieser Tage zum Beispiel auch Bernhard Schwank, einer der Geschäftsführer der Münchner Bewerbungsgesellschaft für die Winterspiele 2018. „Hallo, kennen wir uns nicht?“ Nach eigenen Angaben ist Schwank schon von 20 bis 25 Leuten angesprochen worden, die ihm ihre Beraterdienste anboten. „Sie sind überall.“ Die Schlagworte kommen ihm schon geläufig von der Zunge: „Positioning, Branding, Strategy. Entschuldigung, so ist die Sprache in dieser Branche.“

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          „Bei der Präsentation werden wir auf authentische Leute setzen“

          Die mehr als 90 IOC-Mitglieder können sich also derzeit nur am Rande über die Tragfähigkeit der Konzepte informieren. Hauptsächlich erfahren sie, ob der internationale Beraterstab gut gearbeitet hat. „Ohne sie“, sagt ein Insider, „wären sie noch nicht einmal in der Lage, den Fragebogen des IOC richtig auszufüllen.“ Allerdings gibt es mindestens drei Kategorien von Beratern. Erstens die soliden und kompetenten technischen Planer. Zweitens die hochprofessionellen Präsentationsprofis. Und drittens die unseriösen und korrupten Schaumschläger, die auf dem undurchsichtigen Marktplatz der Abhängigkeiten auch schon einmal Stimmen von IOC-Mitgliedern anbieten.

          Die einen - etwa das Frankfurter Planungsbüro Speer und Partner, das für München eine technische Machbarkeitsstudie erarbeitet hat - sind für einen Bewerber unentbehrlich. Die Zweiten, oft in vielen Bewerbungsschlachten erprobt, können den Kunden zwar auf ein lackiertes Niveau bringen, kosten aber ein großes Stück eigene Identität. Die Letzteren sind überflüssig und zersetzend.

          Thomas Bach, gleichzeitig Vizepräsident des IOC und als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes einer der wichtigsten Motoren der Münchner Bewerbung, wäre die ständig wiederkehrenden Gesichter hinter den Säulen der internationalen Hotellobbys am liebsten los. „Aber das können Sie nicht kontrollieren.“ Als Repräsentant der Münchner Bewerbung will er jedenfalls keinen der bekannten Public-Relations-Berater sehen. „Wir brauchen natürlich technische Hilfe. Aber im Bereich Präsentation werden wir auf authentische Leute aus Deutschland setzen.“ Die perfekt durchgestylte Vorbereitung gebe der Bewertungskommission des IOC und später den Mitgliedern nur wenige Möglichkeiten, festzustellen, wo die ureigenen Stärken einer Bewerbung eigentlich lägen.

          Bewerber Chicago und der Obama-Faktor? Don't worry!

          So konnte es kommen, dass Chicago 2016 seit Monaten neben dem unklaren Obama-Faktor ein höchst unangenehmes zweites Unterscheidungsmerkmal mit sich herumschleppt: Als einziger der vier Bewerber kann er keine staatlichen Finanzgarantien für das Olympiabudget bieten. In Lausanne hat das Komitee bei seiner Präsentation aber nun gekontert. Es stimme, sagte Bewerbungsschef Pat Ryan, man habe nur eigene Garantien für 500 Millionen Dollar und für 250 Millionen durch den Staat Illinois aufzubieten.

          Nun aber habe Chicago ein ganz neues Modell ausgearbeitet: Für bis zu zwei Milliarden stünden Privatleute und private Unternehmen ein. „Das ist besser für die Steuerzahler und ein stärkerer finanzieller Schutz für die Spiele“, sagte Ryan in Lausanne. Und der Obama-Faktor? Don't worry. Auch das politische Trumpf-Ass der Bewerbung ist weiterhin im Spiel. Die Berater haben gut gearbeitet.

          Einen Tag vor dem Präsentationsmarathon am IOC-Sitz gab die amerikanische Regierung bekannt, dass es im Weißen Haus künftig ein Büro geben wird, das sich um die Olympischen Spiele, die Paralympics und den Jugendsport kümmern wird. „Darauf sind wir stolz“, erklärte Ryan. Ob diese Nachricht auch die IOC-Mitglieder begeistert hat? Das wissen sie nicht. Und sie werden auch nach den Präsentationen keine Ahnung haben, an welcher Stelle im Vierer-Rennen sie stehen. „Das weiß nur Gott allein“, sagt Ichiro Kono, der Bewerbungschef von Tokio. Ersatzweise wendet man sich am besten an den Lobbyisten seiner Wahl.

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