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Vielseitigkeits-EM : Von der Diva zur Lady

  • -Aktualisiert am

Traumnote in Strzegom: Bettina Hoy und Seigneur Medicott. Bild: dpa

Bettina Hoy bewältigt die Dressur-Aufgabe bei der EM der Vielseitigkeitsreiter mit Bravour – und bewegt sich mit ihrem Pferd Seigneur Medicott in einer eigenen Welt.

          Die Dressur ist nicht unbedingt die Lieblingsdisziplin der meisten Vielseitigkeitsreiter. Am liebsten heizen sie durchs Gelände. Bei den Europameisterschaften dieser Tage im polnischen Ort Strzegom konnte man aber ein seltenes Schauspiel erleben: Bettina Hoy bewältigte mit Seigneur Medicott ihre Dressur-Aufgabe mit lachendem Gesicht, auch im Publikum fingen viele an mitzulächeln. Die Aufgabe, die so viel mit Disziplin und Perfektionismus zu tun hat, schien die Reiterin zu beschwingen.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Seigneur Medicott nahm ihre Stimmung an, er ging leicht, locker und elastisch, wie man sich das von einem Dressurpferd wünscht. „Wenn ich auf dem Pferd sitze“, sagt Bettina Hoy, „dann gibt es nur ihn und mich. Dann sind wir in unserer eigenen Zone.“ Zusammen begeisterten sie auch die Richter: Mit 24,6 Punkten wurden sie mit einer Dressur-Traumnote belohnt. Vor Cross Country und Springen liegt sie in Führung. Wenn die Meute an diesem Samstag ins Gelände geht, hat Bettina Hoy gute Karten – obwohl natürlich die 5700 Meter lange Strecke mit ihren 40 Sprüngen eine Menge Tücken bereithält. Dazu ist der Wetterbericht unerfreulich: Es soll regnen.

          Sommer 1997 – das ist eine besondere Erinnerung für Bettina Hoy. Schon vor 20 Jahren wurde sie in Burghley Europameisterin. Auch seinerzeit war sie beschwingt, aber natürlich auf viel jugendlichere Weise als heute. Sie war 34 Jahre alt, hieß noch Bettina Overesch, hatte langes blondes Haar und verbreitete ihren ganz speziellen Glamour. Zur Vorbereitung auf die Titelkämpfe war sie nach England gegangen, um mit dem Australier Andrew Hoy zu trainieren. Aus der professionellen Beziehung wurde schnell Liebe – beflügelt von der positiven Energie, ritt sie auf Watermill Stream zu ihrem bisher einzigen internationalen Einzeltitel. Nach einer langen Verlobungszeit heirateten die beiden.

          Gemeinsam bestritten sie einen Turnierstall in Gatcombe Park, auf dem Anwesen der britischen Prinzessin Anne. Dramatischer Höhepunkt von Bettina Hoys bisheriger Karriere: ihr Auftritt bei Olympia in Athen 2004, ihren dritten Spielen. Damals verloren sie und die deutsche Mannschaft Doppel-Gold wegen eines Missgeschicks: Sie hatte vor dem abschließenden Springen zweimal die Startlinie überquert. Und heute? Bettina Hoy ist inzwischen 54 Jahre alt, ihre Haare sind kurz und braun, auf den ersten Blick ist sie ein ganz anderer Typ Frau. Andrew Hoy ist auch in Strzegom unterwegs – als Trainer der spanischen Mannschaft. Allerdings würdigen die einst Liebenden einander keines Blickes. Schon vor gut fünf Jahren gaben sie die Trennung bekannt. Beide begannen ein ganz neues Leben.

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          Und doch: Bettina Hoy wirkt glücklich, entspannt, aus der Diva ist eine Lady geworden. In Strzegom gehört sie zu einer Mannschaft von Hochkarätern, an zweiter Stelle rangiert nach der Dressur Ingrid Klimke auf Hale Bob mit 30,3 Punkten vor Titelsammler Michael Jung auf Rocana (32,8), auch Julia Krajewski mit Samourai du Thot liegt als Neunte nicht weit zurück (36,3). Bettina Hoy genießt die erlesene Gesellschaft. „Ich bin stolz und glücklich, zu einer solchen Mannschaft zu gehören“, sagt sie. „Wir motivieren uns gegenseitig und bringen uns dazu, unser Limit voll auszuschöpfen.“

          Nach der Trennung von Andrew Hoy hatte sie einen Teil ihrer Pferde verloren. „Aber die Leute, die von meinem Comeback reden, irren sich“, betont sie. „Ich war nie weg.“ Mit ihren Pferden Seigneur Medicott und Designer ist sie sogar ganz da. Mit beiden wurde sie für die EM nominiert. Sie entschied sich für den braunen Westfalenwallach, weil er wendiger und im kurvigen Gelände noch besser zu steuern ist. Die EM in Strzegom könnte zum Höhepunkt und Abschied ihrer Partnerschaft werden. Unfreiwillig. Seigneur Medicott steht zum Verkauf. Bettina Hoy zuckt mit den Schultern. So ist es eben. „Ich reite ihn, als ob er mein eigenes Pferd wäre“, sagt sie.

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          Die einstige Drama-Queen hat gelernt, das Leben so zu akzeptieren, wie es ist. Inzwischen wohnt sie in Rheine wieder in ihrem Elternhaus und betreut ihre Mutter und den an Demenz erkrankten Vater. Seitdem sind Reitturniere ihr Urlaub. „Das ist Entspannung pur“, sagt sie. Nachts genießt sie hier den erholsamen Schlaf, ohne die permanente Wachsamkeit, die ihr die Sorge um den Vater abnötigt. Wenn sie unterwegs ist, springt ihr Bruder bei der Betreuung ein. „Ich will es genießen, den Kopf frei zu haben“, sagt sie. „Ich bin alles geritten und muss niemandem mehr etwas beweisen, am wenigsten mir selbst.“ Und je weniger Druck man aufbaut, desto lockerer geht man an die Aufgaben heran. Natürlich gibt sie trotzdem alles: Der Ehrgeiz, sagt sie, sei ungebrochen.

          Auch in Strzegom kümmert sich Bettina Hoy um andere Leute: Als niederländische Nationaltrainerin betreut sie zwei aufstrebende Reiterinnen. „Das macht mir wahnsinnigen Spaß“, sagt sie. Zudem sichert ihr der neue Job eine wirtschaftliche Grundlage. Sollten die niederländischen Vielseitigkeitsreiter im nächsten Jahr bei der Weltmeisterschaft, wenn es um die Olympia-Qualifikation geht, die Erwartungen des Verbandes erfüllen, gibt es eine Fortsetzung und womöglich einen sanften Übergang von der aktiven Rolle ganz zur Trainerin. Aber auch die Doppelbelastung wird ihr nicht zu viel. „Je mehr ich zu tun habe, desto besser“, sagt sie.

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