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Betrugsvorwürfe bei der EM : Schach mit Ansage

  • -Aktualisiert am

Fortschreitende Isolierung der Spieler: Foto vom Rematch zwischen Kasparow (l.) und Karpow in Valencia 2009 Bild: AP

Paranoide Atmosphäre bei der Schach-EM: Weil die Schachprogramme immer besser werden, müssen die Spieler immer stärker isoliert werden. Nun wurde der Franzose Feller fünf Jahre gesperrt - er soll Zugvorschläge per SMS erhalten haben.

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          Frühlingshafte Wärme, Savoyer Küche, das gediegene Ambiente einer Kurstadt, kompetente Organisatoren - alles könnte wunderbar sein bei der Schach-Europameisterschaft in Aix-les-Bains, wäre da nicht die vom ersten Tag an paranoide Atmosphäre. Es geht um Betrug oder vielmehr die Möglichkeit zum Betrug. In offenen Briefen werden strengere Vorkehrungen gefordert. Teilnehmer werden verdächtigt, während der Partien unerlaubte Hilfe zu erhalten. Und immer wieder fällt der Name Sebastien Feller.

          Der 20 Jahre alte Franzose wurde drei Tage vor der EM von seinem eigenen Verband für fünf Jahre gesperrt. Bei der Schacholympiade im vorigen Herbst soll er vom Mannschaftskapitän Arnaud Hauchard Züge signalisiert bekommen haben. Belegt ist, dass Hauchard von einem Kollegen namens Cyril Marzolo, der Fellers im Internet übertragene Positionen verfolgen konnte, Textnachrichten mit Zugvorschlägen erhielt. Es waren pro Partie rund zwanzig solcher SMS. Sie wurden entdeckt, weil Marzolo ein Mobiltelefon verwendete, das der Vizepräsidentin Joanna Pomian gehört. Und die Zugvorschläge deckten sich nahezu komplett mit denen eines der spielstärksten Schachprogramme. Der Verbandspräsident Jean Claude Moingt will während einer einzelnen Partie als Augenzeuge Hauchards Signale an Feller entdeckt und entschlüsselt haben: Hinter welchem Spieler der Kapitän stehen blieb, habe erst die Linie und dann die Reihe des Zielfeldes signalisiert.

          Feller weist alles als persönlich motivierte Intrige zurück und ficht das Urteil nicht nur gegenüber seinem Verband, sondern auch gerichtlich an. Zur EM ist die Sperre daher zumindest noch nicht in Kraft. Vor den beiden letzten Runden der EM liegt Feller nur einen halben Punkt hinter den Führenden. Seinen Gegnern ist das Aufeinandertreffen offenbar unangenehm. Der spanische Großmeister Francisco Vallejo initiierte einen von Dutzenden Kollegen unterzeichneten Forderungskatalog an die Veranstalter und mitverantwortliche Schachverbände just am Vorabend seiner Partie gegen Feller.

          Der Zuschauer weiß besser Bescheid als der Spieler

          Die Betrugsvorkehrungen in Aix-les-Bains sind relativ lax. Auf Metalldetektoren, die bei manchem Großturnier schon im Einsatz sind, wurde verzichtet. Mobiltelefone und andere elektronische Geräte dürften eigentlich weder von Aktiven noch von Zuschauern in den Saal mitgebracht werden. Vallejo und seine Kollegen fordern, die Internetübertragung einer Partie auf Wunsch eines Spielers zu unterlassen. Eine Verzögerung der Zuganzeige um 15 Minuten, die den Betrug erschwert und wie sie etwa bei den Dortmunder Schachtagen seit Jahren üblich ist, wird bei der EM teilweise praktiziert. Ursache des Problems ist das hohe Schachniveau von Computersoftware. Mit ihrer Hilfe oder dank ihres Einsatzes durch Kommentatoren weiß heute ein schachkundiger Zuschauer oft besser Bescheid, was auf dem Brett möglich ist, als die Spieler selbst. Weil schon einzelne Hinweise in kritischen Momenten laut Weltmeister Viswanathan Anand entscheiden können, läuft es auf eine fortschreitende Isolierung der Spieler hinaus, wie sie während WM-Kämpfen üblich ist.

          Einer anderen Art Betrug, nämlich Partieabsprachen, ist mit alldem nicht beizukommen. Sie trugen zuletzt dazu bei, dass Buchmacher Schach kaum noch anbieten. Fast alle Teilnehmer der letzten Ausscheidung für das im Mai anstehende Kandidatenturnier glauben, dass ein Spieler seine Qualifikation einem geschenkten Punkt verdankt. Die Großmeister haben die Indizien noch am Spielort diskutiert und sich geeinigt, dass keiner von ihnen den Fall an die Öffentlichkeit bringt.

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