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Betreuung im WTA-Tennis : Ein Date mit dem Coach

  • -Aktualisiert am

Angelique Kerber ist mit der jetzigen Trainerbetreuung zufrieden. Bild: AFP

Die Betreuung auf dem Platz im Frauentennis hat sich bewährt – auch Angelique Kerber hat davon schon profitiert. Der WTA-Chef kann sich nun noch mehr Einfluss des Trainers vorstellen. Einige finden das gar nicht gut.

          Es gibt die Momente, in denen der interessierte Zuschauer am Fernsehschirm mitten im Geschehen landet. Die Spielerin beantragt, ihren Coach zu sehen, der macht sich auf den Weg zum Platz, je nach Charakter oder Dringlichkeit der Situation tut er das im Laufschritt oder eher mit Weile – und dann geht’s los. Die Zuschauer im Stadion sehen den Monolog, den Dialog oder den Streit, aber sie hören nichts davon. Die Mikrofone, mit denen die Coachs verkabelt sind, übertragen den Ton nur fürs Fernsehen.

          Seit acht Jahren ist bei den Turnieren im Frauentennis mit Ausnahme der Grand-Slam-Turniere das sogenannte „on-court-coaching“ erlaubt. Einmal während eines Satzes oder nach dem Ende desselben – oder falls die Gegnerin gerade eine Auszeit zur Behandlung in Anspruch nimmt – kann eine Spielerin ihren Coach auf den Platz rufen. Gewöhnlich passiert das, wenn es für sie gerade nicht so gut läuft und wenn sie findet, ein paar aufmunternde oder beruhigende Worte könnten helfen. Manchmal wird aber auch ein hitziger Wortwechsel daraus. So wie vor ein paar Tagen in Miami zwischen Garbiñe Muguruza und Sam Sumyk. Die Spanierin und ihr französischer Coach kommunizierten auf sehr direkte Art, aufgeschnappt von den Mikrofonen. Muguruza maulte, und Sumyk konterte: „Wehe, du sagst mir noch einmal, dass ich, verdammt noch mal, den Mund halten soll.“

          Kerbers Trainer Torben Beltz

          Das Vergnügen beim Blick hinter die Kulissen ist für den Zuschauer ohnehin nicht immer gleich groß, unabhängig davon, ob eher vulkanisch veranlagte Menschen wie Sumyk oder ruhige, einfühlsame Vertreter wie der Australier Darren Cahill bei der Arbeit sind, der Simona Halep betreut. Die richtige Sprache gehört dazu. Englisch geht immer, auch Französisch und Deutsch – oder Japanisch für den immer größer werdenden asiatischen Markt. Russisch oder Polnisch? Wenn der Vater und Coach von Caroline Wozniacki, Piotr, während des Seitenwechsels in einer Flut von Sätzen mit seiner Tochter spricht, versteht die Mehrheit der Zuschauer Bahnhof.

          Da es ja höchst unterschiedlich ist, was der Mensch braucht, um wieder in die richtige Spur zu kommen, muss Streit nicht zwangsläufig in die falsche Richtung führen. Auch gern genutzt, um die Spielerin in einer Krisensituation zu entspannen – der Überraschungseffekt. Julia Görges berichtete in Indian Wells, ihr Coach Michael Geserer habe während einer Auszeit auf einmal die Tour de France erwähnt, und so verblüfft sie im ersten Moment gewesen sei – der Trick habe funktioniert. Dieser Gedanke, der nichts mit dem Spiel und seinen Problemen zu tun hatte, brachte ein paar Sekunden Ruhe, und diese kleine Ruhe kann in Stresssituationen ungeheuer wertvoll sein.

          Der amerikanische Chef der Dachorganisation des Frauentennis WTA findet, die Auszeit mit dem Coach habe sich sehr bewährt und er wolle auf jeden Fall daran festhalten. Steve Simon sagt: „Die Zuschauer wollen Zugang zu unserem Sport haben, wir haben tolle Persönlichkeiten unter den Coachs, und es kann für den Sport ja nur gut sein, sie zu zeigen.“ Er weiß, dass er den Puristen widerspricht, zu denen auch Roger Federer gehört, der wie viele aus dem Geschäft eine klare Meinung gegen das „on-court-coaching“ vertritt. Es gehöre doch zu den reizvollen Besonderheiten des Tennis, dass jeder Spieler selbst und ohne Hilfe einen Weg zum Sieg finden müsse, lautet das Credo.

          WTA-Chef Steve Simon

          „Ja, ich weiß“, entgegnet Simon. Wenn es nach ihm geht, dann soll im Frauentennis in Zukunft sogar noch mehr möglich sein. Er könne sich vorstellen, auch Zeichen und Hinweise aus der Spielerbox, also von der Tribüne aus, zu erlauben. Inoffiziell gebe es das ja immer schon, das sei doch bekannt. „Wir kennen diese Zeichen. Zeigt die Banane nach links oder nach rechts? Kratze ich mich am Kopf? Zuerst hatte ich meine Kappe mit dem Schirm nach hinten auf, jetzt zeigt der Schirm nach vorn. Das gibt es doch alles.“ Wer das nicht wolle und auch die aktuelle Regel abschaffen wolle, der solle doch am besten die Trainer während des Spiels in eine Suite setzen, wo sie die Spielerin nicht finden könne. „Leute, lasst uns realistisch sein. Coaching gehört zum Sport, und die Leute wollen hinter die Kulissen sehen.“

          Angelique Kerber sagt, ja, von Steve Simons Plänen habe sie gehört, aber sie könne mit der Idee auf Anhieb nicht viel anfangen. „Ich glaub, das wäre zu viel.“ Grundsätzlich sei „on-court-coaching“ eine Möglichkeit, die sie gern nutze, um sich mit ihrem Trainer Torben Beltz auszutauschen. Aber es sei auch nicht immer einfach, die richtige Dosis zu finden. „Es gab Situationen, die mir wirklich geholfen haben, doch es kann auch anders kommen, wenn man den Coach holt und komplett aus dem Rhythmus kommt.“ Aber jeder hat die Wahl; noch gibt es zum Glück keine Regel, dass man zur Unterhaltung des verehrten Publikums den Coach rufen muss.

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