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Berufsboxen : Die Eroberung Amerikas - Teil zwei

  • -Aktualisiert am

Warten auf Klitschko: Lennox Lewis Bild: AP

Die Klitschkos wollen Amerika erobern. Die Botschaft ist nicht neu. Doch ein gerissener Muskel von Kirk Johnson hat bewirkt, daß die Chance greifbar nahe ist und Witali Klitschko sich ins Fäustchen lachen kann.

          3 Min.

          von hartmut scherzer
          Frankfurt. Die Klitschkos wollen Amerika erobern. Die Botschaft ist nicht neu. "Unser Ziel heißt USA", hatte der Hamburger Promoter Klaus-Peter Kohl schon 1996 in Atlanta verkündet, als der Universum-Chef bei den Olympischen Spielen den großen Coup gelandet und diese intelligenten Riesen aus Kiew unter Vertrag genommen hatte. Bei jedem bedeutenden Feldzug zur Eroberung Amerikas wurde Larry Merchant, der weißhaarige Star-Kommentator des Abonnementsenders HBO (Home Box Office), beauftragt, die kolossalen Umhauer aus der Ukraine zu begleiten.
          Doch immer dann, wenn der scharfe Analytiker der amerikanischen Öffentlichkeit dieses Doppelpack made in Germany gerade als die attraktive Zukunft des darbenden Schwergewichts und damit des Bezahlfernsehens präsentieren wollte, scheiterte die Mission. Wie zuletzt in Hannover. Wladimir Klitschko, gerade mit einem lukrativen Vertrag für neun Kämpfe von HBO eingekauft, stürzte unter den linken Hieben eines Polizisten aus Pretoria namens Corrie Sanders viermal zu Boden und ins Bodenlose. Merchant, der all die faszinierenden Attribute dieses Apolls vollmundig gepriesen hatte, mußte nun kleinlaut darauf verweisen, was der Prinz der Königsklasse nicht hat: ein stabiles Kinn.
          An den großen Bruder mag Merchant am liebsten nicht denken, nicht daran, wie er Witali Klitschko vor drei Jahren in Berlin mit seinen zynischen Kommentaren - fast schon ehrenrührig - vernichtet hatte. "Klitschko hatte nicht einmal Luft für drei Runden", höhnte der Star-Kritiker: "Er hat keinesfalls die Klasse eines Holyfield oder Lewis und besitzt nicht die Mentalität eines Champions. Er gehört nicht in diese Liga. Witali Klitschko hat gekämpft wie ein Amateur. Es ist mir unverständlich, wie einer so klar führend aufgeben kann." Wegen eines Muskelrisses im linken Schultergelenk war der WBO-Champion zur zehnten Runde gegen den jetzigen IBF-Weltmeister Chris Byrd nicht mehr angetreten. Bis heute seine einzige Niederlage gegenüber 32 Siegen, davon 31 durch K. o. Mit bebender Stimme mußte der derart Gedemütigte seine Ehre verteidigen: "Ich bin kein Weichei."
          Nun also, drei Jahre später, nach fünf Siegen und einem Bandscheibenvorfall, soll Witali Klitschko auf einmal eine harte Nuß für Lennox Lewis sein. Wozu ein gerissener Muskel doch gut sein kann - wenn es nicht der eigene ist. Kirk Johnson erlitt diese schmerzhafte Verletzung an der Brust beim Sparring gegen Ray Austin und mußte den Titelkampf gegen Lewis absagen. Da lacht sich Witali Klitschko nun ins Fäustchen. Der Weltmeister im Schwergewicht (WBC) konnte nicht anders, als sich seinem offiziellen Herausforderer am nächsten Samstag im Staples Center von Los Angeles zu stellen. Das sollte bereits im April geschehen. Alles schien "eingetütet", wie Kohl verlauten ließ. Doch der 37 Jahre alte Champion überlegte es sich anders und zog es vor, sich ein Jahr nach dem K.-o.-Triumph über Mike Tyson erst einmal gegen den Kanadier Johnson aufzuwärmen. Der Hüne aus Kiew - neuerdings mit Wohnsitz Los Angeles - sollte weiter warten.
          Die Pflichtverteidigung gegen den älteren Klitschko war nach dem letzten Stand der Dinge erst für den Herbst vorgesehen. Um das Interesse dafür zu schüren und sein Image in Amerika aufzupäppeln, wurde der ehemalige WBO-Champion ins Rahmen- und damit ins Fernsehprogramm der Lennox-Lewis-Show genommen. Witali Klitschko sollte sich gegen den unbesiegten Cedric Boswell als Herausforderer des HBO-Superstars bewähren. Denn was lag nun näher, als den Rahmenkämpfer zum Ersatzmann für den verletzten Hauptkämpfer zu machen? HBO wollte einen wertvollen Einschalttermin zur besten Sendezeit nicht aufgeben, Lewis nicht sieben Wochen lang umsonst in seinem Camp in Scotrun, Pennsylvania, den Ringrost abgekratzt haben. Für einen Siebenunddreißigjährigen ist das schließlich eine ganz schöne Plackerei. Also wurden sich alle schnell einig. HBO stockte Lewis' Salär von 5,5 auf sieben Millionen Dollar auf, erhöhte Klitschkos Börse auf 1,4 Millionen Dollar und überließ ihm die deutschen Fernsehrechte (ZDF).
          Der Weltmeister und sein Trainer Emanuel Steward studierten einige Kampfvideos von Witali Klitschko und gaben ihr Einverständnis. Was für das Selbstbewußtsein des Champions spricht. "Der Kampf wird nicht über die Runden gehen", tönte Lewis. "Ich werde nicht für Überstunden bezahlt. Klitschko fordert mich schon seit geraumer Zeit heraus, aber jetzt ist er in großen Schwierigkeiten. Denn am 21. Juni wird er herausfinden, was es heißt, gegen einen A-Klasse-Champion zu kämpfen."
          Lewis dürfte beim Studium der Videos auch festgestellt haben, daß Klitschko zwar mit imponierender Kraft und Größe gesegnet ist, sein statischer, etwas steifer Boxstil und die Blöße über der meist hängenden linken Faust wie geschaffen sind für seinen rechten Donnerschlag, jenen Schwinger, im Fachjargon "Cross" genannt, mit dem der Champion zuletzt Mike Tyson und davor Hasim Rahman k. o schlug. Steward heuerte schnell "einige lange Kerls" zum Sparring an, denn Lewis (1,96 Meter) wird von Klitschko (2,02 Meter) zumindest an Körpergröße überragt. "Ich denke, Lennox wird Klitschko bis zur fünften Runde erledigen", prophezeite Steward.
          Witali Klitschko gibt sich gelassen und ist "sehr, sehr glücklich über die Gelegenheit", endlich gegen Lennox Lewis zu kämpfen. "Das ist seit vielen Jahren mein Traum gewesen." Für den Doktor der Sportwissenschaften ist der Kampf dennoch nichts Außergewöhnliches: "Lewis ist Weltmeister und hat einen großen Namen. Das war's auch schon. Er ist auch nur ein Mensch. Keiner ist perfekt. Jeder hat Schwächen." Seine Zuversicht läßt er sich nicht nehmen, gemäß seiner Philosophie: "Wer an eine Niederlage denkt, hat schon verloren. Ich lebe jeden Tag mit dem Gedanken an den Sieg. Ich bin überzeugt: Ich werde siegen." Nur nicht, mag sich Larry Merchant wünschen. Denn wie will der Kommentator seinem Publikum dann die Sensation erklären: ein Weichei als Weltmeister?







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