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Berliner Füchse : Gegen jede Wahrscheinlichkeit

Berlins Geschäftsführer Bob Hanning: „Wir sind in der Realität” Bild: dpa

Die Berliner Füchse verblüffen die Handball-Bundesliga. Vater des Erfolges ist Geschäftsführer Bob Hanning, der seinem Team nach dem Sieg gegen Kiel nun „brutale Spiele“ prophezeit - schon an diesem Dienstag gegen Flensburg-Handewitt.

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          Die letzten großen Schlagzeilen, die im Zusammenhang mit den Berliner Füchsen in der vergangenen Saison durch die Hauptstadt geisterten, hatten sie ihrem Präsidenten zu verdanken. Im Abstiegskampf von Hertha BSC meldete sich auf einmal völlig unvermittelt Frank Steffel zu Wort, und das Mitglied des Sportausschusses des Bundestags - und einst auch Bürgermeister-Kandidat der Hauptstadt - präsentierte einen abenteuerlichen Rettungsplan. 20 Millionen Euro sollten auf äußerst seltsame und populistische Weise zusammenkommen und Hertha in der Fußball-Bundesliga halten. Beides hat bekanntlich nicht so gut geklappt.

          Michael Horeni

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Aber nun macht Steffels eigener Klub durch handfeste und strategisch erstklassige Arbeit von sich reden: Die Berliner Füchse schlugen den deutschen Vorzeigeklub THW Kiel 26:23, zum ersten Mal in ihrer Geschichte. Der sensationell anmutende Erfolg bedeutete zudem den fünften Sieg im fünften Saisonspiel - und so präsentieren sich die Berliner am Dienstag (20.45 Uhr) weiter als Tabellenführer beim Spitzenspiel bei der SG Flensburg-Handewitt, dem Zweiten der Handball-Bundesliga. Viele Fans und Freunde der Berliner dürften dabei ein T-Shirt tragen, das sofort nach dem überschwänglich gefeierten Erfolg gegen den THW Kiel in den Handel gekommen ist.

          „ChampionsLeague-Sieger-Besieger“ steht drauf. Es kostet fünfzehn Euro. „Dieser Sieg ist Gold wert“, sagt Geschäftsführer Bob Hanning. Er sieht ihn als Meilenstein. Und auch Bundestrainer Heiner Brand sagt: „Ich habe die Füchse noch nie so gut gesehen.“ Die Geschichte des Füchse-Aufstiegs ist eine Geschichte gegen jede Wahrscheinlichkeit. Aus einem von der Insolvenz bedrohten und sportlich am Rande des Abstiegs aus der zweiten Liga taumelnden Klubs ist in wenigen Jahren der Tabellenführer der besten Liga der Welt geworden, der trotz vergleichsweise bescheidener Investitionen dem internationalen Geschäft immer näher kommt.

          Die Stütze des Teams: Nationaltorhüter Silvio Heinevetter
          Die Stütze des Teams: Nationaltorhüter Silvio Heinevetter : Bild: dpa

          Entwicklungsmotor Bob Hanning

          Dieser Berliner Aufstieg hat viel mit Hanning zu tun. Hanning nennt sich Geschäftsführer, tatsächlich ist er der Motor einer Entwicklung, die den Füchsen ein neues Selbstbewusstsein beschert hat. „Dieses Spiel war der Durchbruch für den Handball in Berlin. Wir haben uns auf der Bundesligakarte festgesetzt“, sagte Kapitän Torsten Laen nach einer begeisternden Begegnung vor 9000 Zuschauern in der Max-Schmeling-Halle. Und Hanning stellt zufrieden fest: „Wir sind jetzt kein Projekt mehr, sondern ein Verein.“

          Hanning kann man auch als einen Mann beschreiben, der den Erfolg im Handball anzieht. Als Trainer hat der 42 Jahre alte Geschäftsführer, gleichzeitig auch Vizepräsident der Handball-Bundesliga, Aufstiege in alle Ligen bewerkstelligt, von der Verbands- bis in die Bundesliga. Er war Assistent in der Nationalmannschaft von Heiner Brand, und im Jahr 2004 gewann er mit dem HSV Hamburg den Supercup. Im Jahr danach begann er sein Berliner Projekt. Er wurde Manager und Mitbegründer der Füchse, zudem trainiert er derzeit die A-Jugend des Klubs, und in der vergangenen Saison wurde er mit den Jungs, als B-Jugend, schon deutscher Meister.

          Berlinalisierung - die Arbeit fruchtet

          Die Arbeit mit dem Nachwuchs ist eine der drei Säulen des Konzepts, mit denen Hanning die „Top 7“ aufmischen will, die führenden Klubs mit teilweise enormen Etats: Kiel, Flensburg-Handewitt, Rhein-Neckar Löwen, Hamburg, Magdeburg, Gummersbach und Großwallstadt. Die Jugendarbeit läuft für den Film- und Theaterliebhaber unter dem Titel „Berlinalisierung“. Die Füchse wollen sich ihren Nachwuchs vor allem selbst ausbilden, und wenn dann einem Talent wie dem 19 Jahre alten Johannes Selin gegen Kiel der entscheidende Treffer gelingt, dann ist das für Hanning eine wunderbare Bestätigung. „Auf diesen Moment habe ich fünf Jahre gewartet - den Beweis der Berlinalisierung des Teams.“

          Zur Berlinalisierung gehört auch das Bekenntnis zum sozialen Engagement in der Stadt, auch die Gesellschafter müssten „mehr geben als Geld“. Gemeinsam überlegen sie mit dem Verein, wie ein geeignetes Engagement aussehen kann. „Wir haben einen ganzheitlichen Ansatz“, sagt Hanning, „wir machen das schon ein bisschen anders.“ Die zweite Säule hängt mit dem Jugendaufbau zusammen, die „sportliche Weiterentwicklung“. Im Vorjahr kam Nationaltorwart Silvio Heinevetter zu den Füchsen, er ist der Rückhalt der Mannschaft. In dieser Saison verstärkten sich die Berliner wiederum punktuell und recht preisgünstig mit dem Isländer Alexander Petersson, dem Kroaten Denis Spoljaric und dem deutschen Nationalspieler Sven-Sören Christophersen.

          „Wir sind in der Realität“

          „Den großen Sprung haben wir in der vergangenen Saison gemacht“, sagt Hanning über den großen Erfolg der vielen kleinen Schritte seit dem Aufstieg 2007. Zuletzt erreichten sie mit 40 Punkten (zehn mehr als in der Saison zuvor) Platz neun, nur zwei Tore fehlten zum internationalen Geschäft. „In der Formel 1 wären das vier Sekunden pro Runde“, sagt Hanning, „jetzt sind wir im Zehntelsekundenbereich.“ Mit anderen Worten: Jeder weitere Schritt nach oben wird schwieriger. Vor allem, wenn auch die dritte, wirtschaftliche Säule stehen soll: „die schwarze Null“.

          Trotz der Berliner Begeisterung über den Traumstart ist bei Hanning von Träumereien wenig zu spüren. Die ersten vier Siege seien allesamt gegen Gegner zustande gekommen, die man schlagen müsse, wenn man in den Europapokal wolle. Der Kieler Triumph sei eine besondere Sache, aber erst in den kommenden Wochen werde sich die Qualität des Teams zeigen.

          „Brutale sechs Spiele“, sagt der Geschäftsführer zu den Herausforderungen, die über Flensburg, Großwallstadt, Hamburg, Rhein-Neckar Löwen und Gummersbach führen. Da müsse man versuchen, so unbeschadet wie möglich durchzukommen. Und seine Heimspiele gewinnen. Aber eine Garantie ist der Sieg gegen Kiel dafür natürlich auch nicht. „Nach diesen Spielen muss niemand kommen und mir sagen: Willkommen in der Realität“, sagt Hanning. „Wir sind in der Realität.“

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