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Kipchoge beim Berlin-Marathon : Noch ein Weltrekord?

König der Ehrgeizigen:. Eliud Kipchoge bei seinem Sieg 2017 hinter dem Brandenburger Tor Bild: picture alliance / Soeren Stache/dpa

Eliud Kipchoge hat im Marathon alles gewonnen. Nun kehrt der zweimalige Olympiasieger an einen für ihn besonderen Ort zurück. Auch mit 37 Jahren sagt er: „Ich will immer noch schnell rennen.“

          3 Min.

          Die Straßen Berlins gehören den Jungen, den Ehrgeizigen. Jedenfalls im Marathon. Wer sich international einen Namen machen will, wer eine Qualifikation schaffen will, wer eine herausragende Bestzeit braucht, um sich interessant zu machen für die Straßenläufe mit den großen Budgets, läuft den Berlin-Marathon mit seinen ebenen Straßen, flachen Strecken und weiten Kurven.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Seit der Weltverband der Leichtathleten im Marathon Weltrekorde anerkennt, seit Paul Tergat 2003 die 42,195 Kilometer in 2:04:55 Stunden lief, stammen alle sieben Rekorde der Männer aus der Hauptstadt Deutschlands. Zuletzt verbesserte Eliud Kipchoge den Rekord 2018 auf 2:01:39 Stunden. Als 2019 Kenenisa Bekele diese Zeit um lediglich zwei Sekunden verpasste, als sein äthiopischer Landsmann Birhanu Legese in 2:02:48 die drittbeste Marathonzeit der Geschichte lief, geschah auch dies in Berlin.

          Marathon unter zwei Stunden

          Von den sechs Läufern, die je das Ziel eines Marathons in weniger als 2:03 Stunden erreichten, taten das vier auf der Runde von der Straße des 17. Juni zum Brandenburger Tor. An diesem Sonntag (09.00 Uhr live in der ARD) wird nun ausgerechnet derjenige wieder in Berlin antreten, der alles gewonnen und alles erreicht hat: Eliud Kipchoge.

          Der Kenianer ist Olympiasieger von Rio 2016 und Tokio 2021, hält nicht nur den Weltrekord, sondern ist als einziger Mensch die Marathondistanz in weniger als zwei Stunden gelaufen – in einem nicht den Marathonregeln entsprechenden Großversuch im Prater von Wien 2019.

          37 Jahre alt, muss Kipchoge seit Jahren mehr Fragen über das Ende seiner Karriere beantworten als über neue Ziele. Nun sagt er: „Ich will immer noch schnell rennen. Berlin gibt mir die Möglichkeit, meine Grenzen zu verschieben. Ich will Menschen inspirieren. Je mehr ich leiste, desto besser gelingt mir das.“ Wenn das nicht bedeutet: Weltrekord!

          18 Marathons ist Kipchoge gelaufen, seit er 2012 auf die Straße wechselte. Junioren-Weltmeister im Cross von 2002, Weltmeister über 5000 Meter von Paris 2003, Bronze- und Silbermedaillengewinner der Olympischen Spiele von Athen 2004 und Peking 2008, hatte er sich für London 2012 nicht qualifizieren können. 16 Marathons hat er seitdem gewonnen; darunter viermal London, viermal Berlin und zuletzt im März den von Tokio in 2:02:40, der drittbesten Zeit seines Lebens.

          Lesen und trainieren

          Spätestens dieses Resultat dürfte ihm signalisiert haben, dass er in den zweieinhalb Jahren, bis er vierzig wird, noch einige großartige Rennen in den Beinen hat und es noch nicht an der Zeit ist, die Karriere austrudeln zu lassen. Die Frage, warum er lächelt, wenn es im Rennen am härtesten und schmerzhaftesten wird, erwidert Kipchoge: „Der Trick ist, das zu lieben, was ich tue.“

          „Noch bin ich hungrig aufs Laufen“, sagt er im Gespräch in Berlin: „Ich will noch einige Marathons laufen. Mein Kopf sagt: Inspiriere die junge Generation.“ Der Kopf also. So diszipliniert, wie er trainiert, so diszipliniert liest Kipchoge. Zweimal am Tag nimmt er sich Zeit für die Lektüre von Ratgebern, Management-Literatur und Autobiographien. Mit seiner Stiftung unterstützt er die Gründer von Schulbibliotheken.

          Eliud Kipchoge bei einem Event in Kenia.
          Eliud Kipchoge bei einem Event in Kenia. : Bild: EPA

          Junge Menschen sollen die Möglichkeit erhalten, durch das geschriebene Wort die Welt kennenzulernen. Für ihn ist die Lektüre keine phantastische Reise. Seinem Entdecker und Trainer Patrick Sang fiel bei dem sechzehnjährigen Kipchoge nicht herausragendes Talent auf, sondern eiserner Durchhaltewille. Diesen trainiert Kipchoge zwanzig Jahre später immer noch. Seine eindrucksvollste Lektüre, ein Buch, das sein Leben verändert habe, erzählt er, war „Who Moved My Cheese“ (deutsch: „Die Mäusestrategie für Manager“) von Spencer Johnson.

          Es habe ihn gelehrt, nicht nur die großen technologischen und gesellschaftlichen Veränderungen als Aufforderung zu verstehen, sich zu entwickeln. Es habe ihn auch in die Lage versetzt, mit jeder Situation fertig zu werden. Trainingsmethoden mögen sich geändert haben, Finessen der Ernährung, neue Materialien mögen den Bau von Schuhen ermöglicht haben, die das Laufen signifikant schneller machen – für Eliud Kipchoge ist immer noch sein Kopf der größte Muskel und stärkste Antrieb.

          „Monza hat meine Gedankenwelt geöffnet“, sagt Kipchoge über den phantastischen Versuch, mithilfe von wechselnden Tempomachern, Windschatten durch ein Elektrofahrzeug und weitere optimierte Bedingungen auf der Autorennstrecke in Italien das Projekt „breaking2“ zu realisieren: die Marathondistanz in weniger als zwei Stunden zu bewältigen.

          Kipchoge blieb 25 Sekunden über zwei Stunden, doch er verstand das nicht als Scheitern. „Man kann ein Ziel auf Papier schreiben, man kann es in die Wirklichkeit umsetzen, und man kann es erreichen“, sagt er im Rückblick. Nicht nur die Werbeabteilung seines Sponsors, er selbst vertritt seitdem die Überzeugung, dass dieser Lauf die Wahrnehmung der menschlichen Möglichkeiten verändert und Millionen Menschen gezeigt habe: Es gibt keine Grenzen.

          Knapp zweieinhalb Jahre nach Monza, dreizehn Monate nach seinem Weltrekord von Berlin, im Oktober 2019 unterbot Kipchoge beim nächsten Feldversuch in Wien die zwei Stunden um zwanzig Sekunden. Nun also sein fünfter Lauf in Berlin: Anlauf für den nächsten Rekord?

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