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Sensation von Kipchoge : Der Lauf seines Lebens

Eliud Kipchoge beim 45. Berlin Marathon Bild: AP

Ein Weltrekord wie für die Ewigkeit: Eliud Kipchoge bewältigt den Marathon in Berlin in 2:01:39 Stunden. Damit ist der Kenianer der erste Läufer, der unter einer schier magischen Marke bleibt.

          2:01:39 Stunden – das ist die beeindruckendste Zahl des Marathon-Wochenendes von Berlin mit reichlich 44.000 Teilnehmern, ein Weltrekord wie für die Ewigkeit. Eliud Kipchoge, der 33 Jahre alte Marathon-Olympiasieger aus Kenia, erweist sich mit dieser Zeit als Usain Bolt der Langstrecke. Mit dieser Bestzeit ist er in eine Dimension vorgedrungen, die niemand sonst erreichen zu können scheint und die viel mehr wert ist als die 90.000 Euro, die Kipchoge an Sieg- und Rekordprämie vom Veranstalter erhielt. Um 1:18 Minuten unterbot er damit die bisherige, vier Jahre alte Bestmarke seines Landsmannes Dennis Kimetto.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Seit er bei der Unternehmung „Breaking2“ seines Sponsors Nike auf dem Formel-1-Kurs von Monza im Windschatten einer Armada von Tempomachern im vergangenen Jahr die Schallmauer von zwei Stunden nur um 25 Sekunden verpasste, sind er und die Laufwelt davon überzeugt, dass Kipchoge der schnellste Marathonläufer der Welt und der Geschichte ist. Seit Paul Tergat beim Berlin-Marathon 2003 den ersten offiziell anerkannten Weltrekord von 2:04:55 Stunden lief, ist dieser nun sechsmal verbessert worden – stets in Berlin. Auch deshalb verzichten Läufer wie Haile Gebrselassie (2007 2:04:27 und 2008 2:03:59), Patrick Makau (2011 2:03:38), Wilson Kipsang (2013 2:03:23) und Kimetto (2014 2:02:57) auf die wesentlich höheren Antrittsgelder bei den Herbstmarathons von Chicago und New York. Auf der flachen und wenig kurvenreichen Strecke durch Berlin können sie ihren Marktwert nachhaltig steigern. Vielleicht liegen Bestzeiten in der Berliner Luft. Auch der Jamaikaner Bolt ist seine phantastischen Weltrekorde – 9,58 Sekunden über 100 Meter und 19,19 über 200 – in Berlin gelaufen, bei der Weltmeisterschaft 2009 im Olympiastadion.

          „Ich bin dankbar“, sagte Kipchoge am Sonntag im Ziel am Brandenburger Tor, „dankbar, dass ich meinen Teil zu diesem Erfolg beitragen konnte.“ In der ihm eigenen Bescheidenheit dankte er seinem Trainer Patrick Sang, der ihn im Ziel erwartet hatte, seinem Team, seinem Sponsor und dem Veranstalter des Laufes. „Ich bin froh, dass ich den Rekord nicht zum dritten Mal verpasst habe“, fuhr er fort. „Ich war wirklich vorbereitet. Ich habe mir gesagt: Ich bin Eliud Kipchoge, und ich laufe mein eigenes Rennen.“ Vier Jahre lang waren die 2:02:57 Stunden von Kimetto die schier unerreichbare Orientierungsmarke des Marathons. Nun hat Kipchoge einen Rekord aufgestellt, der für lange Zeit unangreifbar sein dürfte.

          Seit seinem Debüt beim Hamburg-Marathon 2013 (in 2:05:30) hat Kipchoge zehn seiner elf Läufe über die 42,195 Kilometer gewonnen – und bei seiner einzigen Niederlage, Platz zwei in Berlin im selben Jahr (2:04:05), hatten viele Zuschauer den Eindruck, Kipchoge habe sich zurückgehalten, um seinen Freund Kipsang nicht bei dessen Weltrekord zu stören. Kipsang wurde diesmal Dritter in 2:06:48 Stunden, 25 Sekunden hinter seinem Landsmann Amos Kipruto. Zweimal war Kipchoge seitdem in Berlin angetreten, um den Rekord Kimettos zu brechen – und hatte stets Pech. 2015 quollen schon auf den ersten Kilometern die Innensohlen aus seinen Schuhen, Kipchoge gewann das Rennen unter Schmerzen in 2:04 Stunden.

          Im vergangenen Jahr ging sein Rekordversuch in Regen und Kälte unter (2:03:32). Seine bisherige Bestzeit von 2:03:05 lief er beim London-Marathon 2016, in dem Jahr, in dem er auch Olympiasieger wurde. Bereits 2003 wurde Kipchoge in Paris Weltmeister über 5000 Meter. Jeden einzelnen Kilometer lief Kipchoge am Sonntag in weniger als drei Minuten. Seine schnellsten tausend Meter waren die von Kilometer 21 bis 22, kurz bevor sein dritter und letzter Tempomacher ausstieg. Er brauchte dafür nur 2:36 Minuten. Die erste Hälfte der Strecke brachte er in 61 Minuten und fünf Sekunden hinter sich, die zweite in 60 Minuten und 34 Sekunden. Für den letzten der 42 Kilometer brauchte er nicht mehr als 2:50 Minuten. Sein Rekord entspricht, umgerechnet in die Maße von Bolt, 421 Hundert-Meter-Läufen hintereinander weg in je 17,3 Sekunden.

          Das Rennen der Frauen gewann wie bereits 2017 und 2015 die Kenianerin Gladys Cherono. In 2:18:11 Stunden war sie so schnell wie noch keine Frau in Berlin; sie besiegte die Äthiopierinnen Ruti Aga (2:18:34) und Tirunesh Dibaba (2:18:55), dreimal Olympiasiegerin und fünfmal Weltmeisterin auf der Bahn. Berlin ist der erste Marathon der Welt, bei dem drei Frauen 2:19 Stunden unterboten.

          Kipchoge, der hellste Stern am Himmel des Marathons, zeigte am Ziel seiner Mühen einen seltenen Ausbruch von Stolz und Freude, als er mit erhobenen Zeigefingern über die Linie lief und nach dem Zerreißen des Zielbandes jubelnd über die Straße des 17. Juni seinem Trainer entgegen sprang. Der Mann, der mit Disziplin und langem Atem ein Millionenvermögen erlaufen hat, gilt als Muster der Bescheidenheit. Er lebt praktisch in dem einfachen Trainingslager von Coach Sang in Kaptagat im Hochland Kenias. Lediglich am Wochenende fährt Kipchoge nach Hause. Ansonsten teilt er sich ein Zimmer mit einem Trainingspartner, kocht, wenn er an der Reihe ist, und wischt auch schon mal die Toilette. Dabei soll es bleiben, mindestens bis Tokio 2020. Kipchoge will dort – was wohl? – einen historischen zweiten Olympiasieg.

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