https://www.faz.net/aktuell/sport/mehr-sport/berlin-marathon-die-aera-makau-loest-die-legende-gebrselassie-ab-11369604.html

Berlin-Marathon : Die Ära Makau löst die Legende Gebrselassie ab

So schnell war noch keiner: Patrick Makau stellt in Berlin einen neuen Marathon-Weltrekord auf Bild: dpa

Der Berlin-Marathon liefert mal wieder einen Weltrekord: Der Kenianer Patrick Makau ist nun der offiziell schnellste Läufer über 42,195 Kilometer.

          3 Min.

          Der Sturz des Königs war grausam, und er war schnell vollzogen. Patrick Makau wechselte nach 27 Kilometern des Berlin-Marathons am Sonntag ein, zwei Mal scharf die Straßenseite. Dann hatte er Haile Gebrselassie abgeschüttelt. Als der Kenianer danach so machtvoll antrat, dass die Tempomacher sich Mühe geben mussten, mitzuhalten, war es um den Mann geschehen, der seit zwanzig Jahren die Welt des Langlaufs beherrscht: Allein auf der Lentzeallee in Berlin-Dahlem, am südlichsten Punkt der 42,195 Kilometer langen Strecke, blieb Gebrselassie fassungslos stehen - er hielt sich den Leib und schien sich zu übergeben. Renndirektor Mark Milde stoppte mit dem Fahrrad neben ihm und redete ihm gut zu. Zwar rannte Gebrselassie noch einmal los, doch ins Ziel kam der 37 Jahre alte Äthiopier nicht mehr. Hinter der Ziellinie westlich des Brandenburger Tors ließ sich, während Gebrselassie ins Hotel gefahren wurde, der elf Jahre jüngere Makau feiern. Er hatte bei seinem dritten Marathonsieg, dem zweiten in Berlin, nicht nur Gebrselassie geschlagen, sondern obendrein dessen Weltrekord gebrochen. Nach 2:03:38 Stunden war er im Ziel, 21 Sekunden schneller als Gebrselassie vor drei Jahren ebenfalls in Berlin. „Ich habe eine Legende besiegt“, sagte Makau, „eines meiner Vorbilder“.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Auch die schnellste Frau der Welt musste sich geschlagen geben. Doch Paula Radcliffe hatte es besser als Gebrselassie. Sie kam ins Ziel. In 2:23:46 Stunden wurde sie zwar lediglich Dritte; doch die beiden Läuferinnen vor ihr blieben immerhin weit über dem Weltrekord der Britin von 2003 (2:15:25 Stunden). Schnellste des Tages war in 2:19:44 Stunden die Kenianerin Florence Kiplagat, mit 24 vierzehn Jahre jünger als Paula Radcliffe. Auch sie machte von Anfang an Tempo, dem Irina Mikitenko mit der ganzen Erfahrung ihrer 39 Jahre und neun Marathonläufe wohlweislich nicht folgte. So hatte sie genug Puste, auf den letzten Kilometern noch Paula Radcliffe zu überholen; in 2:22:18 Stunden wurde sie Zweite und gab sich zuversichtlich, bei den Olympischen Spielen von London im nächsten Jahr eine Rolle zu spielen. „Man kann nicht sagen, dass ich sehr glücklich bin“, gestand sie. „Aber ich bin zufrieden.“

          „Eine neue Ära hat begonnen“, räumte Gebrselassies Manager Jos Hermens ein. „Aber es war nicht das Ende von Haile.“ Da sein Läufer an Atemnot gelitten habe, habe er ihm empfohlen, bis zur nächsten Verpflegungsstation zu laufen und zu trinken. Als ein paar Schlucke Wasser nicht halfen, habe er zur Aufgabe geraten. Bei Kilometer 35 stieg Haile Gebrselassie in ein Auto. Anders als im Herbst vergangenen Jahres in New York, als er nach seinem Ausscheiden wegen einer Knieentzündung seinen Rücktritt bekannt gab, vermied er nun Begegnungen mit den Medien. Stattdessen erklärte Hermens, dass Gebrselassie die erste Attacke von Belastungsasthma seit einem Dreivierteljahr erlitten habe. Im Januar soll er beim Dubai-Marathon die Qualifikation für die Olympischen Spielen in London noch einmal angehen. Als Favorit auf die Goldmedaille, wie er von sich selbst sprach, kann er spätestens seit Sonntag nicht mehr gelten. „Er wird immer der größte Langläufer bleiben, den die Welt je gesehen hat“, lobte Paula Radcliffe. Es klang fast schon wie ein Nachruf.

          Irina Mikitenko: Als Zweite froh wie eine Siegerin:
          Irina Mikitenko: Als Zweite froh wie eine Siegerin: : Bild: REUTERS

          Das Maß aller Dinge im Marathon ist Patrick Makau. Im Gegensatz zu Florence Kiplagat hat er sich früh und entschlossen auf Straßenlauf konzentriert. „Wir haben so viele gute Läufer in Kenia, es war für mich unmöglich, in die Nationalmannschaft zu kommen“, sagte er in dieser Woche in Berlin. „Wie anders wäre ich aus Kenia heraus gekommen als mit Straßenläufen?“ Und wie anders wäre er der Armut seiner bäuerlichen Familie entkommen als mit schnellen Läufen? „Ich habe gesehen, dass es den Familien der anderen Läufer durch die Erfolge besser ging.“ Nach seinem zweiten Sieg bei den 25 Kilometern von Berlin versprach er schon 2007, hier den Marathon-Weltrekord zu holen. Vier Jahre später hat er die Ankündigung wahr gemacht und dafür allein an Prämien 90.000 Euro eingestrichen; das Antrittsgeld für den Vorjahressieger und Sponsor-Boni gehen extra.

          Die „alten Damen“ wehren sich

          So ist es auch für Florence Kiplagat keine Frage, wo ihre läuferische Zukunft liegt. Obwohl sie 2006 bei der Junioren-Weltmeisterschaft über 5000 Meter die Silbermedaille gewann, 2009 Cross-Weltmeisterin wurde und bei der Weltmeisterschaft von Berlin über 10.000 Meter startete, der Strecke, auf der sie in 30:11,53 Minuten den kenianischen Rekord hält, will sie beim Straßenlauf bleiben. „Wenn ich in Spikes laufe, bekomme ich Muskelprobleme“, sagte sie nach ihrem Sieg. „Meine Zukunft ist der Marathon.“ Auch die 40.000 Euro Siegprämie dürften ihr Lust auf mehr gemacht haben.

          Die alten Damen allerdings wollen von Wachablösung nichts wissen. „Abwarten!“, riet Irina Mikitenko. „Sie ist ganz gut durchgekommen. Aber sie muss erst ein paar Jahre laufen, um zu zeigen, dass sie eine richtige Marathonläuferin ist.“ Und Paula Radcliffe gestand zwar: „Ich habe ein bisschen gelitten zwischen Kilometer dreißig und vierzig.“ Doch sie habe ein schlimmes Jahr hinter sich und werde 2012, bei ihren fünften Olympischen Spielen, besser vorbereitet sein. Die Königin wehrt sich noch gegen den Sturz.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          André Ventura: gegen Subventionen, gegen „Zigeuner“, gegen Abtreibung, gegen Einwanderung und gegen Feministen

          Portugal vor der Wahl : Nicht mehr immun gegen den Rechtspopulismus

          Der Portugiese André Ventura setzt auf radikale Thesen und Konfrontation. Mit seiner Chega-Partei könnte er nun von einer vorgezogenen Neuwahl profitieren – und in Portugal eine populistische Rechte etablieren.