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Berlin-Marathon : Das Wetter bremst Kenias laufende Botschafter

Kenianischer Doppelsieg: Makau vor Mutai Bild: REUTERS

Patrick Makau und Geoffrey Mutai sind auch beim Berlin-Marathon vorne - aber der Rekord von Haile Gebrselassie bleibt unangetastet. Bei den Frauen setzt sich die Äthiopierin Aberu Kebede durch. Sabrina Mockenhaupt läuft persönliche Bestzeit.

          3 Min.

          Das Projekt Kenia beim Berlin-Marathon ist nicht ganz aufgegangen. Zwar siegte der Kenianer Patrick Makau vor seinem Landsmann Geoffrey Mutai und weiteren rund 40.000 Läuferinnen und Läufern. Doch mit der Nachfolge des viermaligen Siegers Haile Gebrselassie war es eigentlich nicht getan. Schließlich hatten die beiden, die im April bei ihrem Doppelsieg in Rotterdam die bis heute gültigen Jahresbestzeiten gelaufen waren (2:04:48 und 2:04:55 Stunden), nun den Weltrekord angreifen wollen. Doch Gebrselassie wird weiterhin der Einzige bleiben, der je die 42,195 Kilometer eines Marathons in weniger als 124 Minuten (2:03:59) gelaufen ist.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Makau war am Sonntag nach 2:05:08 Stunden im Ziel hinter dem Brandenburger Tor. „Unter solchen Bedingungen bin ich noch nie gelaufen“, klagte er. „Ich hatte Muskelkrämpfe und Gegenwind; ich musste wirklich hart arbeiten für diesen Sieg.“ Mutai, der ihm zwei Sekunden später folgte, ergänzte: „Meine Beine haben so weh getan, dass ich froh war, dass das Rennen zu Ende war.“ Beide waren im Ziel dennoch in Jubelstimmung, nicht nur wegen ihres zweiten Doppelsieges.

          Premierminister Odinga als Tempomacher

          Auf der Ziellinie fiel ihnen ein mächtiger Mann in die Arme, der dort in einer gelben Regenjacke und mit einen breitkrempigen Hut auf sie gewartet hatte: Raila Odinga, der Premierminister ihres Landes. Er hatte zwischen einer Konferenz in Hamburg und seiner Rückkehr nach Nairobi einen kurzen Abstecher zum Berlin-Marathon gemacht. „Die Läufer sind Botschafter Kenias“, sagte er. „Deshalb ist es wichtig, dass unsere Athleten, die Athleten Afrikas, in dieser immer enger verbundenen Welt, erfolgreich sind.“

          Glücklicher Sieger Makau: „Berlin ist meine Stadt”
          Glücklicher Sieger Makau: „Berlin ist meine Stadt” : Bild: dapd

          Bevor Präsident Mwai Kibaki sich im Dezember 2008 verdächtig schnell zum Wahlsieger erklärte und Odinga zum Premierminister machte, hatte dieser für sein politisches Engagement schon mal im Gefängnis sitzen und das Land verlassen müssen. Jüngsten Umfragen zufolge soll er die Zustimmung der Hälfte der kenianischen Wähler und damit die Favoritenrolle für die Wahl 2012 haben. Als Makau und Mutai am Tag vor dem Rennen erfuhren, dass er nach Berlin kommen würde, sagte der eine zum anderen: „Jetzt müssen wir wirklich Weltrekord laufen.“

          „Ich mag das Wetter nicht, aber ich mag die Stadt und die Leute“

          Als Renndirektor Mark Milde ihnen sieben Kilometer vor dem Ziel zurief, dass dort Odinga warte, hängten sie sofort den später drittplazierten Äthiopier Bazu Worku ab (2:05:25). Mit leuchtenden Augen erzählte der 25 Jahre alte Makau später, dass er beim Training regelmäßig am Privathaus Odingas vorbei laufe. „Aber ich hatte ihn noch nie gesprochen und ihm noch nie die Hand geschüttelt. Es war etwas Besonderes, ihn zu treffen.“ Der drei Jahre ältere Mutai schwärmte gar: „Wegen Raila bin ich schneller gelaufen. Dass ich ihn getroffen habe, ist die beste Erinnerung meines Lebens.“ Stolz trugen die beiden, nachdem sie 42,195 Kilometer mit Tempo zwanzig durch die Stadt gerannt waren, auch noch im Laufschritt die Flagge Kenias die Straße des 17. Juni auf und ab.

          Zwei Mal hat Makau den Halbmarathon in Berlin gewonnen, zwei Mal die 25 Kilometer in den Straßen der Stadt. Nun, da ihm der fünfte und größte Sieg 70.000 Euro Preisgeld und Prämien beschert hat, nutzt er die Dienstreise zu seiner ersten Woche Urlaub in der deutschen Hauptstadt. „Ich mag das Wetter nicht, aber ich mag die Stadt und die Leute“, sagte er und versprach, die Denkmäler, den Zoo und das Olympiastadion mit dem zu vergleichen, was Kenia zu bieten hat.

          „Trotz des beschissenen Wetters eine Super-Atmosphäre“

          Sehenswürdigkeiten der Stadt bekamen die Fernsehzuschauer schon am Sonntag reichlich zu sehen. Der Regen und tief hängende Wolken verhinderten nicht nur Rekorde, sondern auch die brillante überregionale Fernsehübertragung, die sich die Veranstalter des Marathons von ihrem Wechsel zu n-tv und Eurosport versprochen hatten. Die Hubschrauber mit Kameras und Übertragungstechnik konnten nicht abheben, das Fernsehen überbrückte die Ausfälle mit Archivbildern. „Trotz des beschissenen Wetters eine Super-Atmosphäre“, fand der Schauspieler Til Schweiger, nachdem er den Startschuss gegeben hatte. Der Massenbewegung Marathon war das Wetter einerlei. Ihre Protagonisten sitzen nicht vor dem Fernseher, sondern sind laufend unterwegs - in Berlin von neun Uhr morgens bis weit über Toresschluss um drei Uhr nachmittags hinaus.

          Doch auch den weiblichen Spitzenkräften verhagelte die Kälte bessere Zeiten. Die Äthiopierin Aberu Kebede verbesserte sich bei ihrem Sieg in 2:23,58 Stunden immerhin um 28 Sekunden, Sabrina Mockenhaupt, Vierte in 2:26:21, lief bei verschlepptem Anfangstempo eine Sekunde schneller als bei ihrer Bestzeit vor zwei Jahren in Frankfurt. „Auch wenn ich nicht Dritte geworden bin, bin ich zufrieden“, resümierte sie.

          Zu schnell war ein Mittvierziger im Ziel. Der völlig unbekannte Läufer rannte als vermeintlich erster deutscher Teilnehmer ins Ziel, nach 2:17 Stunden auf Platz 17. Da ihm einige Zwischenzeiten fehlten, strichen die Veranstalter ihn vorsorglich aus der Wertung.

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