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Berlin-Marathon : Zu früh im roten Bereich

Sein größtes Rennen: Guye Adola Bild: AFP

Die Maschinerie zwischen Tempomacher und Spitzenläufer gerät beim Berlin-Marathon ins Stocken: Der Äthiopier Guye Adola distanziert zwar Kenenisa Bekele, läuft aber am Weltrekord vorbei.

          3 Min.

          So sehen überbordender Optimismus und Übermut aus: drei austrainierte Läufer in den schwarz-weißen Trikots der Tempomacher des Berlin-Marathons in der strahlenden Sonne des frühen Wahlsonntags. Sie legten vom ersten Meter an ein solches Tempo vor, dass sie und die Topathleten in ihrem Windschatten, wenn sie denn durchgehalten hätten, den Weltrekord um zehn, zwanzig Sekunden unterboten hätten. 2:55 Minuten brauchten sie für die ersten tausend Meter, 1:00:48 Stunden für den Halbmarathon. Damit lagen sie nach 21,1 Kilometern 17 Sekunden unter der Vergleichszeit von Eliud Kipchoge von 2018, als dieser den Weltrekord auf 2:01:39 Stunden verbesserte.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Das war selbst für den Topfavoriten Kenenisa Bekele zu schnell. Nach 17,5 Kilometern ließ der Äthiopier abreißen; bei seinem Sieg vor zwei Jahren war er hier lediglich zwei Sekunden über dem Rekord geblieben. Diesmal musste er realisieren, dass drei Monate Vorbereitung nicht ausreichten. Zwar kam er noch einmal zurück an die Spitze. Das war bei Kilometer 26, rund zwölf Minuten nachdem Renndirektor Mark Milde, im Fahrradsattel bei der Spitze geblieben, den übermütigsten der Pacemaker zurückbeorderte. Er war in einer übermütigen Attacke davongelaufen.

          Das ging nicht gut. Üblicherweise bilden Tempomacher und Spitzenläufer eine fein abgestimmte Maschinerie, in der sich Entschlossenheit und Opferbereitschaft verbinden. Schließlich wandeln sie auf dem schmalen Grat zwischen Bestleistung und Überforderung. Diesmal drehten sie, so scheint es, von Anfang an im roten Bereich.

          Entsprechend stockte die Maschine in der Sonne von Berlin. Mehr als vier Minuten mehr als für die erste Hälfte brauchte Guye Adola für die zweite, und damit war der Läufer aus Äthiopien noch der Schnellste. Seine Siegeszeit von 2:05:45 Stunden ist die erste des Berlin-Marathons über 2:05 Stunden seit 2010. Über die Siegprämie von 20.000 Dollar hinaus erhält er keinen Zeitbonus. Bekele kämpfte sich zwischenzeitlich zurück an die Spitze und wurde, da er Adola ziehen und den Kenianer Bethwel Yegon (2:06:14) passieren lassen musste, Dritter.

          Kenenisa Bekele im Ziel: veritabler Ferrari-Motor, allerdings mit gebrauchtem Chassis
          Kenenisa Bekele im Ziel: veritabler Ferrari-Motor, allerdings mit gebrauchtem Chassis : Bild: AP

          Sein Manager Jos Hermens hatte vor dem Rennen geschwärmt, Bekele verfüge mit seinen 39 Jahren über einen veritablen Ferrari-Motor, allerdings ein gebrauchtes Chassis. Die Zeit von 2:06:47 Stunden, gut fünf Minuten über seiner Bestzeit und dem angestrebten Weltrekord, lädt zu der Analogie ein: Bekeles Motor zündete offenbar nicht auf allen Zylindern.

          Um so verblüffender sein Selbstbewusstsein. In einem Jahr werde er seinen Trainingsrückstand aufgeholt haben und Pläne angehen, die über den Marathon-Weltrekord hinausreichten, kündigte er am Sonntag in Berlin an. „Bevor ich in Ruhestand gehe, will ich noch etwas erreichen. Alle sprechen von sub2“, sagte er in Anspielung auf das Projekt, in dem Eliud Kipchoge in einer Art Laborversuch die Marathon-Distanz in weniger als zwei Stunden gelaufen ist. „Ich weiß, dass ich es kann. Ich bin zuversichtlich. Lasst es uns probieren.“ 2022 wird Bekele vierzig Jahre alt.

          „Alle starben“

          Wie weit er von der Realität des Laufes entfernt war, zeigten auch seine Bemerkungen über die Leistung der Tempomacher. Er selbst hatte bei der Organisation des Rennens darum gebeten, dass eine Durchgangszeit für den Halbmarathon von sechzig Minuten erreicht wird, bestätigte Renndirektor Milde. Als die Spitze den Wendepunkt des Rennens erreichte, war Bekele nicht mehr dabei. Für die erste Hälfte des Rennens brauchte er 61 Minuten, für die zweite 65:47 Minuten. „Das ist nicht sehr ausgewogen“, kommentierte Bekele. „Es zeigt: Alle starben.“ Die Leistung der Tempomacher lobte er dennoch als perfekt: „Für jemanden, der Weltrekord laufen will, war das optimal.“ Er machte nicht den Eindruck, als wäre er derjenige gewesen, der das vorhatte.

          Um die Leistung einzuordnen: 2:06 Stunden unterbot als Erster Khalid Khannouchi vor 22 Jahren in Chicago in 2:05:42 Stunden. Als Paul Tergat 2003 in Berlin als Erster den Berlin-Marathon in weniger als 2:05 Stunden lief, war das Weltrekord (2:04:55). Und seit Patrick Makau 2011, ebenfalls in Berlin, den Weltrekord auf 2:03:38 drückte, hatte kein Sieger in der deutschen Hauptstadt länger gebraucht als 2:04:15 Stunden (Geoffrey Mutai 2012).

          Bekele wies noch vor zwei Tagen darauf hin, dass sich in den vergangenen Jahren die Technologie mit Karbonplatten in den Sohlen der Laufschuhe derart verbessert und verbreitet habe, dass Läuferinnen und Läufer heute unter völlig anderen Bedingungen anträten als er in seinen frühen Jahren. Am Sonntag war davon nichts zu sehen.

          Das Rennen der Frauen gewann die äthiopische Debütantin Gotytom Gebreslase in 2:20:09 Stunden vor ihren Landsleuten Hiwot Gebrekidan (2:21:23) und Helen Tola (2:23:05).

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