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Berlin-Marathon : Auf den Spuren von Gebrselassie

Kenenisa Bekele gewinnt den Berlin-Marathon Bild: AP

Den Favoriten hat er geschlagen, am Ende langt es dennoch nicht für den Weltrekord: Kenenisa Bekele verpasst ihn um sechs Sekunden – für eine andere Bestmarke reicht es aber.

          3 Min.

          „Vielleicht habe ich enttäuscht“, sagte Kenenisa Bekele, nachdem er den Berlin-Marathon gewonnen hatte. „Ich habe den Weltrekord um sechs Sekunden verpasst.“ In Wirklichkeit aber hat sich der Äthiopier mit seinem Triumph als der vielleicht stärkste Läufer der Welt und der Geschichte etabliert. Nach langer Leidenszeit.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          In 2:03:03 Sekunden ist der dreimalige Olympiasieger aus Äthiopien am Sonntag auf den Straßen Berlins die zweitbeste Zeit gelaufen, die je für die Distanz von 42,195 Kilometer gemessen wurde. Allein der Kenianer Dennis Kimetto war mit seinen 2:02:57 von Berlin 2014 jemals schneller. Mehr als diese kleine Differenz zum Weltrekord opferten Bekele und der Kenianer Wilson Kipsang in einem Duell, das den Lauf so spannend machte, wie ein Marathon selten ist. Zwei Mal zog Kipsang jenseits der dreißig Kilometer weg, als von Tempomachern und anderen Konkurrenten nichts mehr zu sehen war. Zwei Mal kämpfte sich Bekele zurück, schloss auf zu dem Mann, der vor drei Jahren in Berlin den Weltrekord auf 2:03:23 Stunden verbessert hatte.

          Hintereinander, nebeneinander liefen sie durch die Mitte der Hauptstadt, bis Bekele mit einem Antritt weniger als zweitausend Meter vor dem Ziel am Brandenburger Tor das Rennen entschied. Kipsang kam zehn Sekunden nach dem Sieger ins Ziel; nur drei Marathonläufer waren je schneller als er. „Wir sind ein phantastisches Rennen gelaufen“, sagte Kipsang strahlend. „Den Weltrekord holen wir nächstes Mal.“

          Die Frage wird sein, ob die Bestzeit dann noch zu haben sein wird. Denn in seinem fünften Lauf auf dieser Distanz – sein Debüt gab er im April 2014 in Paris in 2:05:04 – scheint Bekele den Gipfel der Meisterschaft auch im Straßenlauf erreicht zu haben. „Meine Zukunft hat hier in Berlin begonnen“, sagte er, „wieder einmal.“ Vor sieben Jahren gewann er bei der Weltmeisterschaft im Olympiastadion von Berlin die Titel über 5000 und 10000 Meter; das war keinem Läufer vor ihm gelungen.

          Aus Miteinander wird Gegeneinander

          Ruhig, fast entspannt hielt Bekele sich am Sonntag drei Viertel des Rennens in der von drei Tempomachern angeführten Spitzengruppe. Dann nahm er die Herausforderung an, die Kipsang mit seinen Angriffen aussprach; der Kenianer wusste, dass er nicht auf den Endspurt Bekeles warten durfte. Und Bekele bewies, dass er damit Recht hatte. Das Duell der beiden, ihr Lauern, ihre Rhythmuswechsel ruinierten den sorgfältig vorbereiteten Plan für den Weltrekord. Dass aus dem Miteinander ein Gegeneinander wurde, war dieses Scheitern wert. Von „zwei Giganten“ schwärmte Renndirektor Mark Milde nach dem Rennen.

          Wilson Kipsang wollte den Weltrekord. Am Ende wurde er Zweiter
          Wilson Kipsang wollte den Weltrekord. Am Ende wurde er Zweiter : Bild: dpa

          Bekele kämpft nicht nur gegen seine Konkurrenten, sondern auch darum, endlich aus dem Schatten zu treten, den sein überlebensgroßer Landsmann Haile Gebrselassie bis heute auf ihn wirft. Ihn endlich zu übertreffen, ist die Mission, die ihn treibt. Elf Mal wurde er Weltmeister im Querfeldeinlauf, so häufig wie niemand sonst. Bei seinem Weltmeisterschafts-Debüt auf der Bahn 2003 in Paris gewann er mit 21 Jahren den Titel über 10000 Meter vor Gebrselassie und blieb acht Jahre unbesiegt. Erst eine hartnäckige Entzündung seiner Achillessehne machte ihn angreifbar. 2011 beendete er, geschlagen, seine Bahn-Karriere, in der er gleichwohl Gebrselassie mit drei zu zwei Olympiasiegen und fünf zu vier Weltmeisterschaften übertroffen hatte. Seine Weltrekorde über 5000 Meter (12:37,35) und 10.000 Meter (26:17,53) sind seit mehr als einem Jahrzehnt unerreicht.

          Am Sonntag übertraf er, endlich Straßenläufer von Format, die Bestzeit des großen Haile von 2:03:59 Stunden; den Weltrekord von 2008. „Endlich habe ich den äthiopischen Rekord gebrochen“, sagte er. „Das ist wirklich ein großes Ding.“

          Entzündung an der Verse

          Sobald Bekele die aktuelle Bestzeit unterbietet, was seit Sonntag möglich scheint, ist er unumstritten die Nummer eins. Die Chance, den Champion von gestern mit dem Olympiasieg im Marathon zu übertreffen, ruinierte der äthiopische Verband. Er nahm Bekele nicht in die Mannschaft für Rio 2016 auf, weil dieser, immer noch nicht vollständig kuriert, beim London-Marathon in 2:06:36 Dritter geworden war. Als Kipsang nun sagte, die beiden würden sich bestimmt beim Weltmeisterschafts-Marathon 2017 in London wiedersehen, erwiderte Bekele bitter: „Vielleicht hat der Äthiopische Verband andere Kriterien.“

          Berlin-Marathon : Sieger verfehlt Weltrekord knapp

          Nur sein engstes Umfeld wisse, welche Herausforderungen er im Training meistern müsse, sagte Bekele. Seit Jahren leidet er unter der Entzündung und ihren Folgen; so ernst war es zwischenzeitlich, dass Bekele das vorzeitige Ende seiner Karriere drohte. Die Entzündung in der linken Ferse griff auf seine Wade über und strahlte bis in den Rücken aus. Nun verriet er, dass er die Attacken von Kipsang nicht mitgegangen sei, weil er seit Kilometer 25 Schmerzen in den Oberschenkeln gespürt und Krämpfe gefürchtet habe. „Ich konnte mich nicht auf den Weltrekord konzentrieren“, sagte er. Es ging allein um den Sieg. Der Zweikampf hat dem Marathon gut getan.

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