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Bergsteiger Robert Jasper : Eine Nacht im Zelt am Abgrund

  • -Aktualisiert am

Luftiges Zuhause: Robert Jasper und seine Ehefrau Daniela hängen am Eiger. Dort zieht es sie schon seit Jahrzehnten hin. Dieses Foto entstand 1999. Bild: Robert Bösch

1000 Meter Luft und nur den dünnen Zeltboden unter sich: Das ist nichts, was Robert Jasper zittrige Knie bereitet. Der Bergsteiger kann die Nächte im wackligen Hängezelt sogar genießen – wenn er sich an eine wichtige Regel hält.

          5 Min.

          „Oh, das ist schwierig“, ruft Robert Jasper ins Telefon, und schickt ein Lachen hinterher. „Ganz schwierig. Besonders im Hängezelt.“ Dass Männer, wenn sie älter werden, nachts öfter mal raus müssen, ist nichts Neues. Was machen sie aber, wenn unter ihnen und einer hauchdünnen Zeltplane 1000 luftige Meter liegen? „Im Hängezelt bewegst du dich so wenig wie möglich“, sagt Jasper, „und wenn du da nachts aufstehst und irgendetwas probierst, kann das Ganze kippen. Außerdem ist es eiskalt. In Spitzbergen hatten wir minus 40 Grad Celsius, da willst du gar nicht aus deinem Schlafsack klettern.“

          Und wenn man nun aber doch mal muss, dort oben, am Berg, am Hang, eingeklemmt neben dem Partner in einem winzigen Hängezelt? Robert Jasper sagt: „Wir haben zur Not eine Pieselflasche.“ Den Rest überlässt der 47 Jahre alte Bergprofi der Phantasie des Fragers. Er hat auf seinen unzähligen Touren durch die Bergwelten dieser Erde ohnehin eine andere Strategie gewählt. Wenig trinken. Er sagt: „Es ist auf eigentlich allen Touren so, dass du zu wenig Zeit zum Trinken hast. Insofern musst du auch nachts nicht raus.“

          Robert Jasper ist seinen Hausberg, den Eiger, 2015 auf der schwierigsten bekannten Nordwandroute durchstiegen. Diesmal zusammen mit Roger Schaeli und Simon Gietl. Sechs Jahre hatten sie sich vorbereitet. In diesem Sommer klappte es endlich mit der „Odyssey 8a+“ genannten Besteigung. „Ich habe eine gewisse Zufriedenheit erreicht, was den Eiger betrifft“, sagt Jasper. Das soll etwas heißen. Er war 18 Mal oben, er kennt alle Routen, auch die allerschwersten, er hat Geschwindigkeitsrekorde aufgestellt, auch allein. „Ich bin am Eiger zu Hause“, sagt er über seinen 3970 Meter hohen Lieblingsberg in den Berner Alpen.

          Die sagenumwobene Nordwand, 1800 Meter schroffer, steil aufragender Fels, lässt ihn seit seiner ersten Durchsteigung 1991 nicht mehr los. „Ich kehre dorthin immer wieder zurück“, sagt Jasper. Die Nordwand ist auch sein Job: Er hat gerade ein Buch über seine Abenteuer geschrieben, er hält Vorträge über Risikomanagement, er arbeitet als Trainer und Bergführer. Jasper ist ein alpiner Zehnkämpfer. Vom Eisklettern über das Bergsteigen bis zu ausgedehnten Expeditionen Richtung Nord- und Südpol hat er vieles ausprobiert. Wenn er die Bilder seiner Laufbahn anschaut, sprudelt es aus ihm heraus.

          „Der Gedanke ans Essen kommt sofort“

          Das Hängezelt wird vor allem für Nächte oder als Basis an steilen, vertikalen Wänden benötigt und von einem schmalen Absatz aus aufgebaut. Es wird an Haken gesichert, und auch der Bergsteiger bleibt die ganze Zeit am Fixseil. Geschlafen wird mit dem Klettergurt. Doppelt hält besser. Im Zelt herrscht drangvolle Enge, man schläft dort drinnen Kopf an Fuß – auch wenn Jasper wie auf dem Bild mit seiner Frau Daniela am Eiger unterwegs ist. „Total romantisch, oder?“, fragt er und schiebt nach: „Wenn man erst einmal drinnen ist, gegessen hat und in seinen Schlafsack kriecht, denkst du nicht, dass du rausstürzen könntest und dann den freien Fall bis zum Wandfuß hättest. Ich bin immer erschöpft und müde, rede mir ein, in einer Hängematte am Strand zu liegen. Das Zelt schaukelt leicht. Man liegt in seinem alpinen Zuhause.“

          Das etwa acht Kilogramm schwere Hängezelt kommt dabei auf längeren Expeditionen immer wieder zum Einsatz. Und was für einen Laien unvorstellbar ist, gehört für ihn zu einer Standardsituation des Kletterns. Etwa zehn Minuten braucht er, um das Zelt aufzubauen. Alle Handgriffe sitzen, da verheddert sich nichts. „Am Berg ist es normal, wenn die Verhältnisse nicht super sind“, sagt er, „man friert, man ist nach 20 Stunden Kletterei müde, man hat Hunger. Der Gedanke ans Essen kommt eigentlich sofort, wenn man eine Pause macht. Es ist da drinnen im Zelt ein ziemliches Gefummel. Du machst Wasser in einem kleinen Kocher heiß und schüttest einen Viertel Liter in die Tüte Astronautenkost. Dabei musst du aufpassen, dass du den Schlafsack nicht abfackelst. Am Berg gibt es kein 5-Sterne-Menü.“

          Suchbild mit Bergsteiger: Robert Jasper ist am Eiger zuhause. Bilderstrecke
          Suchbild mit Bergsteiger: Robert Jasper ist am Eiger zuhause. :

          Viel geredet oder diskutiert werde nicht mehr, sagt Jasper, nicht mit seiner Frau über die beiden kleinen Kinder, nicht mit seinem häufigen Kletterpartner Stefan Glowacz über den nächsten Tag. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Schlafen. Wobei: Es kommt schon vor, dass er so aufgedreht von den Erlebnissen des Tages ist, dass er wach im Schlafsack auf dem dünnen Zeltboden liegt und nachdenkt. Allerdings ist Robert Jasper mit zunehmendem Alter ein Schnell-Einschläfer geworden.

          „Früher habe ich mir Tage vor den Touren so viele Gedanken gemacht, dass ich zu Hause oder im Hotel nicht schlafen konnte“, sagt er, „das ist jetzt anders.“ Und verglichen mit Nächten, die er kauernd an einem Felsabsatz oder stehend angelehnt an der Wand verbrachte, bibbernd auf das Morgengrauen wartend, sind Nächte im Hängezelt fast schon wieder Luxus. „Reißverschluss zu, abschalten“, sagt Jasper, „das Zelt kann sich wie eine geborgene Oase anfühlen.“

          Robert Jasper: „Es ist zu kalt zum Stinken“

          Das Gefühl von Freiheit ist für Robert Jasper immer wieder eine besondere Belohnung. Wenn er mit Gattin Daniela auf einem schmalen Felsband neben dem Hängezelt sitzt und beide in ihren Mahlzeiten löffeln. „Im Biwak oder beim Essen bist du völlig bei dir“, sagt Jasper. „Ich fühle mich da oben wie ein Kondor, der auf die Welt schaut. Da kommen die größten Emotionen hoch. Angst habe ich keine. Das ist trainierbar. Dieses mentale Geschick entwickelt man mit den Jahren am Berg. Wir sind so erfahren, dass der Blick nach unten keinen schockt. Außerdem sind wir immer angeseilt. Sogar an mehreren Haken in der Wand. Das überprüfe ich immer ganz akribisch. Du genießt da oben in der Wand die Auszeit und freust dich im Idealfall über dein Essen.“

          Weniger über Spaghetti mit Tomatensauce. Das ist Jasper zu langweilig. „Fischtopf Rügen“ ist schon besser, einen ganz guten Couscous gebe es zudem noch beim Hersteller. Meistens bestellt Jasper Mischungen dieser Astronautenkost. Dann sind alle zufrieden. „Für mich ist es da oben dann eher ein gemütliches Kochen im Freien“, sagt er.

          Spürt er die Entbehrungen noch, denen er sich aussetzt? Die Gefahren? Steinschlag, Kälte, Wetterumschwünge, Erschöpfung? Als Berg-Junkie sieht sich Robert Jasper nicht; er ist in der Szene als jemand bekannt, der sich sehr gut vorbereitet, nie zu viel riskiert. Er kann viele Geschichten aufwendiger Expeditionen erzählen, von denen er ohne eine einzige Kletter-Minute nach Hause fuhr. „Du musst immer alles, oder so viel wie möglich, einkalkulieren“, sagt Robert Jasper, „Klettern und Bergsteigen ist immer der Aufbruch in ein großes Abenteuer. Die Frage ist: Was kommt 100 Meter über mir? Genau das macht den Reiz aus.“ Im Februar in Patagonien war das Wetter so schlecht, dass er und Stefan Glowacz unverrichteter Dinge zurück nach Deutschland reisten.

          Gibt es unterwegs mal eine Sehnsucht nach der warmen Stube? Das sind wohl eher die Gedanken eines Amateurs, obwohl der höfliche Schwarzwälder es so nie sagen würde. Jasper antwortet: „Natürlich ist es oft richtig ungemütlich. Am Eiger bei minus 20 Grad kondensiert dein Atem im Zelt zu Eiskristallen. Du hast keinen Platz, es ist windig. Wenn das Wetter total unangenehm ist, verkriechst du dich im Zelt und hoffst, dass es besser wird.“ Bei aller Entbehrung - die großartigen Momente, die bleiben: „Ich habe durch das Bergsteigen die Freiheit gewonnen, einen anderen Blick aufs Leben zu werfen. Das meiste bleibt auch im Gedächtnis. Wenn ich das Bild mit Daniela sehe, spüre ich alle meine Gefühle sofort wieder, obwohl es viele Jahre her ist. Das war unser luftiges Zuhause für eine Nacht.“

          Zum Abschluss noch eine Frage vom Laien. Wer als Hochleistungssportler am Berg unterwegs ist, der schwitzt. Aber die Dusche danach, die ist noch eine Spur unmöglicher als der Toilettengang in der Nacht. Oder? Solche Fragen bringen Robert Jasper zum Lachen. „Hygiene am Berg ist ganz schwierig“, antwortet er. „Da es meist sehr kalt ist, würde das Wasser beim Waschen am Körper anfrieren. Deshalb lassen wir das Waschen ganz sein. Man könnte auch sagen: Es ist zu kalt zum Stinken.“ Gerade bei langen Touren wächst so auch die Vorfreude auf die Segnungen des Alltags. Eine Dusche. Und eine Toilette.

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