https://www.faz.net/-gtl-89ned

Bergsteiger Robert Jasper : Eine Nacht im Zelt am Abgrund

  • -Aktualisiert am
Suchbild mit Bergsteiger: Robert Jasper ist am Eiger zuhause. Bilderstrecke
Suchbild mit Bergsteiger: Robert Jasper ist am Eiger zuhause. :

Viel geredet oder diskutiert werde nicht mehr, sagt Jasper, nicht mit seiner Frau über die beiden kleinen Kinder, nicht mit seinem häufigen Kletterpartner Stefan Glowacz über den nächsten Tag. Jeder hängt seinen Gedanken nach. Schlafen. Wobei: Es kommt schon vor, dass er so aufgedreht von den Erlebnissen des Tages ist, dass er wach im Schlafsack auf dem dünnen Zeltboden liegt und nachdenkt. Allerdings ist Robert Jasper mit zunehmendem Alter ein Schnell-Einschläfer geworden.

„Früher habe ich mir Tage vor den Touren so viele Gedanken gemacht, dass ich zu Hause oder im Hotel nicht schlafen konnte“, sagt er, „das ist jetzt anders.“ Und verglichen mit Nächten, die er kauernd an einem Felsabsatz oder stehend angelehnt an der Wand verbrachte, bibbernd auf das Morgengrauen wartend, sind Nächte im Hängezelt fast schon wieder Luxus. „Reißverschluss zu, abschalten“, sagt Jasper, „das Zelt kann sich wie eine geborgene Oase anfühlen.“

Robert Jasper: „Es ist zu kalt zum Stinken“

Das Gefühl von Freiheit ist für Robert Jasper immer wieder eine besondere Belohnung. Wenn er mit Gattin Daniela auf einem schmalen Felsband neben dem Hängezelt sitzt und beide in ihren Mahlzeiten löffeln. „Im Biwak oder beim Essen bist du völlig bei dir“, sagt Jasper. „Ich fühle mich da oben wie ein Kondor, der auf die Welt schaut. Da kommen die größten Emotionen hoch. Angst habe ich keine. Das ist trainierbar. Dieses mentale Geschick entwickelt man mit den Jahren am Berg. Wir sind so erfahren, dass der Blick nach unten keinen schockt. Außerdem sind wir immer angeseilt. Sogar an mehreren Haken in der Wand. Das überprüfe ich immer ganz akribisch. Du genießt da oben in der Wand die Auszeit und freust dich im Idealfall über dein Essen.“

Weniger über Spaghetti mit Tomatensauce. Das ist Jasper zu langweilig. „Fischtopf Rügen“ ist schon besser, einen ganz guten Couscous gebe es zudem noch beim Hersteller. Meistens bestellt Jasper Mischungen dieser Astronautenkost. Dann sind alle zufrieden. „Für mich ist es da oben dann eher ein gemütliches Kochen im Freien“, sagt er.

Spürt er die Entbehrungen noch, denen er sich aussetzt? Die Gefahren? Steinschlag, Kälte, Wetterumschwünge, Erschöpfung? Als Berg-Junkie sieht sich Robert Jasper nicht; er ist in der Szene als jemand bekannt, der sich sehr gut vorbereitet, nie zu viel riskiert. Er kann viele Geschichten aufwendiger Expeditionen erzählen, von denen er ohne eine einzige Kletter-Minute nach Hause fuhr. „Du musst immer alles, oder so viel wie möglich, einkalkulieren“, sagt Robert Jasper, „Klettern und Bergsteigen ist immer der Aufbruch in ein großes Abenteuer. Die Frage ist: Was kommt 100 Meter über mir? Genau das macht den Reiz aus.“ Im Februar in Patagonien war das Wetter so schlecht, dass er und Stefan Glowacz unverrichteter Dinge zurück nach Deutschland reisten.

Gibt es unterwegs mal eine Sehnsucht nach der warmen Stube? Das sind wohl eher die Gedanken eines Amateurs, obwohl der höfliche Schwarzwälder es so nie sagen würde. Jasper antwortet: „Natürlich ist es oft richtig ungemütlich. Am Eiger bei minus 20 Grad kondensiert dein Atem im Zelt zu Eiskristallen. Du hast keinen Platz, es ist windig. Wenn das Wetter total unangenehm ist, verkriechst du dich im Zelt und hoffst, dass es besser wird.“ Bei aller Entbehrung - die großartigen Momente, die bleiben: „Ich habe durch das Bergsteigen die Freiheit gewonnen, einen anderen Blick aufs Leben zu werfen. Das meiste bleibt auch im Gedächtnis. Wenn ich das Bild mit Daniela sehe, spüre ich alle meine Gefühle sofort wieder, obwohl es viele Jahre her ist. Das war unser luftiges Zuhause für eine Nacht.“

Zum Abschluss noch eine Frage vom Laien. Wer als Hochleistungssportler am Berg unterwegs ist, der schwitzt. Aber die Dusche danach, die ist noch eine Spur unmöglicher als der Toilettengang in der Nacht. Oder? Solche Fragen bringen Robert Jasper zum Lachen. „Hygiene am Berg ist ganz schwierig“, antwortet er. „Da es meist sehr kalt ist, würde das Wasser beim Waschen am Körper anfrieren. Deshalb lassen wir das Waschen ganz sein. Man könnte auch sagen: Es ist zu kalt zum Stinken.“ Gerade bei langen Touren wächst so auch die Vorfreude auf die Segnungen des Alltags. Eine Dusche. Und eine Toilette.

Weitere Themen

Eine Alternative zur Serengeti?

Artenschutz durch Tourismus : Eine Alternative zur Serengeti?

Ruanda empfängt wieder Safari-Touristen. Im Akagera-Nationalpark sind sie allein in einer immer wilder werdenden Welt, die seit Jahren auch große Tiere anzieht. Ist das Schutzgebiet eine Alternative zur Serengeti?

Topmeldungen

 Der Sarg des getöteten Wissenschaftlers am Sonntag in der iranischen Stadt Mashhad

Mord an Atomwissenschaftler : Ein Stich ins iranische Herz

Der „Vater“ des iranischen Atomprogramms wird Opfer eines Anschlags. Kaum jemand zweifelt daran, dass Israel dahinter steckt. Das Attentat ist auch ein Fingerzeig für Joe Biden und seinen Umgang mit Iran.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.