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Bergsteigen : Und jetzt der Kangchendzönga

Eingebrannt in ihr Gedächtnis hat sich der Versuch am Everest aber aus einem anderen Grund. Drei Tage warteten sie damals auf 7.000 Meter, dann paßte das Wetter. Es war der 1. Juni, minus 42 Grad, fast windstill. Kaltenbrunner, Dujmovits und Takeuchi stiegen auf. Auf 7700 Meter Höhe brach der Japaner plötzlich zusammen. Kaltenbrunner und Dujmovits bauten das Zelt auf, im Sturm, das Wetter hatte sich verschlechtert. Zuerst glaubten sie an eine Unterkühlung. Doch Kopfschmerzen, Gleichgewichtsstörungen, Orientierungslosigkeit deuteten auf etwas anderes: Takeuchi hatte ein Höhenhirnödem entwickelt - unbehandelt führt es schnell zum Tod. An einen Abstieg war wegen des dichten Schneefalls nicht zu denken. "Hiro stöhnt, schreit teilweise vor Kopfschmerzen, ist dann nicht mehr ansprechbar", schrieb Dujmovits ins Tagebuch. Takeuchi war bewußtlos, konnte nichts trinken. Gerlinde Kaltenbrunner spritzte ihm das Kortisonpräparat Dexamethason. "Als Hiro endlich wieder reagiert hat, habe ich nur noch geweint." Die ganze Nacht blieben sie wach, schmolzen Schnee, gaben ihm zu trinken. "Ich war so froh, als es endlich Morgen wurde." Takeuchi erreichte das Basislager. "Glücklich", schreibt Dujmovits, "ist ein schwacher Ausdruck für unsere Gefühle." Gerlinde Kaltenbrunner sagt: "Dieser Moment war großartiger, als der Gipfelerfolg je gewesen wäre."

In ihrer Welt ist niemand vor einem Unglück gefeit

Es ist nicht ihre erste Konfrontation mit dem Tod. Einmal, 2001 beim Abstieg vom Makalu (8.463 Meter), versuchte sie einen völlig erschöpften österreichischen Kollegen vom Gipfelgang abzubringen. Vergeblich. "Er war so dicht dran, er wollte unbedingt weiter." Sie war die letzte, die ihn lebend sah. In ihrer Welt ist niemand vor einem Unglück gefeit, vor einem Eisbruch, einer Lawine, einem Steinschlag. Sie verläßt sich auf das Gespür, das sie mit den Jahren entwickelt hat - bei Touren wie an der Annapurna I (8091 Meter) etwa, dem wegen Lawinen und Eisblöcken gefährlichsten Achttausender. Dort ließ sie sich von perfekten Wetterbedingungen zu einem Gipfelgang verleiten, von dem sie heute sagt: "Da stand der Erfolg in keinem Verhältnis zum Risiko, das wir eingingen."

Sie hat daraus gelernt. Schon deshalb geht das von manchen Medien ausgerufene Rennen um die erste Frau, die alle 14 Achttausender besteigt, an ihren Zielen vorbei. "Es gehört immer auch Glück dazu, auf einem Achttausender zu stehen." In diesen Tagen versucht sie ihr Glück an der Südseite des Kangchendzönga (8586 Meter), an dessen Nordseite sie vor drei Jahren gescheitert war. Auch Takeuchi wird dabeisein, nach langer Überlegung, Ralf Dujmovits auch, dazu der Finne Veikka Gustafsson. Es ist ihr wichtig, mit Freunden unterwegs zu sein, auf die sie sich in kritischen Situationen verlassen kann. "Das muß zusammenpassen, gerade im Alpinstil." Und die vierzehn Achttausender? "Natürlich wäre das ein großer Traum", sagt sie. "Aber ich mache mir keine Gedanken darüber, wann es soweit sein wird. Ich konzentriere mich von einem Berg auf den anderen." Auch der Hinweis auf die Spanierin Edurne Pasaban, mit ebenfalls acht Achttausendern ihre Konkurrentin, bringt sie nicht aus der Ruhe. "Es spielt keine Rolle, ob ich das als erste schaffe. Für mich ist es wichtig, daß ich es in meinem Stil schaffe. Ob als erste, als fünfte oder als zehnte, ist egal." Gerlinde Kaltenbrunner tut einfach das, was ihr am meisten Spaß macht im Leben. Daß sie dabei auch noch außergewöhnlich gut ist, die Beste der Welt womöglich - schön. Ihr Glück hängt davon nicht ab.

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