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Bergsteigen : Und jetzt der Kangchendzönga

Sie arbeitete als Krankenschwester damals, für die Expeditionen mußte sie über Jahre alles an Geld, Zeit und Urlaubstagen zusammenkratzen. Um fit zu bleiben, fuhr sie morgens um halb vier mit dem Rad zur Arbeit, zwei Stunden und 700 Höhenmeter über einen Paß. "Ich wollte wenigstens körperlich bestmöglich vorbereitet sein", sagt sie. "Was Gerlinde auszeichnet", sagt Ralf Dujmovits, "ist vor allem ihre mentale Stärke, die auf ihrer enormen körperlichen Leistungsfähigkeit basiert." Keiner kann das besser beurteilen als er. Dujmovits ist einer der erfolgreichsten deutschen Höhenbergsteiger, er stand auf den beiden höchsten Bergen der Welt, Mount Everest und K2. Und er ist Kletter- und Lebenspartner Gerlinde Kaltenbrunners, er hat - wie etwa im Mai 2005 in der 2000 Meter hohen Südwand des Shisha Pangma (8013 Meter) - ihre Stärke in kritischen Situationen erlebt.

Da saßen sie fest, auf 7.400 Meter Höhe. Draußen minus 35 Grad, Sturm, Schneefall und das Donnern der Lawinen. Drinnen Kaltenbrunner, Dujmovits und der Japaner Hirotaka Takeuchi, dick eingemummt, eng aneinandergequetscht. Einen Tag und eine Nacht lang umdrehen auf Kommando, feuchte Schlafsäcke und der von der Innenwand herabrieselnde Rauhreif. Die Zeit dehnt sich endlos. Mehr als 600 Höhenmeter schwierigster Kletterei in sauerstoffarmer Luft stehen ihnen noch bevor. "Erstmals kommen Zweifel in mir auf", schreibt Dujmovits ins Expeditionstagebuch. "Selten habe ich vor einem Gipfelaufstieg schlechter geschlafen." Und: "Gerlinde hält die Moral aufrecht und läßt sich nicht wirklich einschüchtern." In die Handkamera spricht sie: "Ich bin sehr optimistisch." Der Kopf entscheide bei aller körperlichen Leistungsbereitschaft in solchen Situationen über Erfolg oder Rückzug, sagt Gerlinde Kaltenbrunner. "Man muß die Nerven bewahren." Zwei Tage später stehen sie auf dem Gipfel des Shisha Pangma und steigen auf der Nordseite ab - die erste Süd-Nord-Überschreitung. "Da oben in der Sonne", sagt sie, "hab' ich gemeint, mir gehört die Welt."

„Glücklich ist ein schwacher Ausdruck für unsere Gefühle“

Die drei sind im Alpinstil unterwegs - ohne künstlichen Sauerstoff, ohne Fixseile, ohne Hochträger. "Rucksack auf und los in die Wand, das ist ein super Gefühl", sagt Gerlinde Kaltenbrunner. "Ich könnte mir nichts anderes mehr vorstellen." Schon gar nicht die Verwendung künstlichen Sauerstoffs, mit dem man sich auf 8.000 Meter fühlt wie auf 6.500. Im Mai 2005 waren sie auf der Nordseite des Mount Everest unterwegs. Nach dem Erfolg an des Shisha Pangma wollten sie dort auf einer technisch schwierigen Route aufsteigen, mußten dann aber wegen zu starken Winds auf den Normalweg ausweichen. Und trauten ihren Augen nicht: Am Nordsattel, auf 7000 Meter Höhe, stießen sie in einer Mulde auf eine Zeltstadt. Bald kam ihnen der erste Bergsteiger mit Sauerstoffmaske entgegen, und weil sie das in dieser Höhe kurios fanden, fotografierten sie ihn. Dann sahen sie noch einen und noch einen, irgendwann fotografierten sie die paar ohne Maske. "Ich hab' gedacht, ich bin im Film", sagt sie über die Auswüchse des Everest-Tourismus.

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