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Benjamin Werndl : Gut aussehen mit Ken

  • -Aktualisiert am

Benjamin Werndl auf Daily Mirror Bild: Picture-Alliance

Benjamin Werndl und Jessica von Bredow-Werndl sind Kinder einer erfolgreichen Unternehmerfamilie. Sie entdeckten früh den Reitsport für sich, brillierten darin als Jugendliche – und machen dann Ernst.

          Brüderchen und Schwesterchen – das halten die meisten Leute für ein Märchen. Im tiefen, idyllischen Bayern aber, in der Nähe von Rosenheim, scheint dieses Märchen gelebt zu werden. Auf einem schmucken Anwesen in Aubenhausen wohnen Brüderchen und Schwesterchen umgeben von Kindern und Tieren und mit Frau und Mann, arbeiten einträchtig Hand in Hand und helfen sich gegenseitig, wo immer sie können. Benjamin Werndl, der Bruder, hat sogar eine ganz praktische Erklärung, warum das so ist. „Wir brauchen einander“, sagt er. „Natürlich streiten wir auch manchmal wie alle Geschwister. Aber beim nächsten Pferd vertragen wir uns wieder.“ Er und Schwester Jessica von Bredow-Werndl, Kinder einer erfolgreichen Unternehmerfamilie, entdeckten früh den Reitsport für sich, brillierten darin als Kinder und Jugendliche, und beide machten anschließend Ernst.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Benjamin Werndl und Jessica von Bredow-Werndl, sie 33 und er 34 Jahre alt, betreiben zusammen einen Ausbildungsstall für Dressurpferde, und der Bruder versichert, dass sich der Betrieb seit knapp zehn Jahren trage. Von den Eltern bekamen sie die Anlage – alles andere mussten sie sich selbst erarbeiten. „Wir haben sehr viel Kraft hineingesteckt“, sagt er. Dass seine Schwester im vergangenen Jahr Mannschafts-Weltmeisterin und Dritte des Weltcup-Finales in Paris geworden sei, sähen sie deshalb als gemeinsamen Erfolg. „Das ist unsere Stärke.“ Aber dieses Wochenende gehört jetzt einmal ihm allein. Beim Weltcup-Finale in Göteborg reitet Benjamin Werndl erstmals um einen großen internationalen Titel. Schwesterchen ist zu Hause geblieben.

          Mit seinem schwarzen Wallach Daily Mirror ist Benjamin Werndl gerade noch so ins Feld gerutscht. Sammy Davis jr., das Pferd der eigentlich für Göteborg vorgesehenen Reiterin Dorothee Schneider, wurde nach einem Infekt nicht rechtzeitig fit. Und jetzt will er seine Chance nutzen. „Ich habe nichts zu verlieren“, sagt er. Also könne er sich darauf konzentrieren, das umzusetzen, was er sich vorgenommen habe. „Leichtigkeit und Eleganz“ seines Pferdes will er hervorheben. „Wir wollen uns im Viereck nicht klein machen, sondern groß machen, uns zeigen“, sagt er. Am Freitag, im Grand Prix, wo es hauptsächlich um die Startreihenfolge für das Kür-Finale an diesem Samstag ging, erzielten sie nach einigen Schnitzern noch 73,758 Prozentpunkte und sind Elfte. In der Kür werden die beiden gleich mit einem Highlight beginnen: einer doppelten Galopp-Pirouette, begleitet von einem langen Trommelwirbel.

          „Ich habe noch nie ein Pferd geritten mit solch einem Galopp“, sagt Werndl. Gewaltig, voller Wucht ist dieser Galopp und lässt sich doch auch auf kontrollierte Weise zurücknehmen. Die Piaffen dagegen will Werndl noch verbessern. „Ich habe das Gefühl, dass wir noch nicht da sind, wo wir sein können.“ Der westfälische Wallach, im Stall wegen seines fabelhaften Aussehens nur „Ken“ genannt, ist zwar schon 15 Jahre alt, aber immer noch entwicklungsfähig. Erst vor zweieinhalb Jahren kam er nach Aubenhausen. Die Besitzerin, die Schweizerin Flora Keller, wollte, dass er sich dort von einer gravierenden Verletzung erholte. „Wir sind Reha-technisch sehr gut aufgestellt“, sagt Werndl. Im Aquatrainer begann Daily Mirror, Form aufzubauen. Als er wieder fit war, ließ die Besitzerin ihn in Werndls Obhut. Sie ist im Übrigen die Halbschwester von Beatrice Birchler-Keller, der wiederum Daleera gehört, die Stute, mit der Jessica von Bredow-Werndl die Olympischen Spiele nächstes Jahr in Tokio anpeilt. Familienbande, wohin man schaut.

          Und wo, fragt man sich, ist bei alldem der Haken? Beide Geschwister gerieten auf dem Weg von der Juniorenklasse – 2005 belegten sie Platz eins und zwei bei den Europameisterschaften – in den großen Sport in eine Krise. „Wir haben uns nur noch über den Erfolg definiert.“ Aber so glanzvoll, wie ihre Laufbahnen begonnen hatten, ging es nicht weiter. Alles habe auf den Kippe gestanden. Das Training bei der sechsfachen Olympiasiegerin Isabell Werth habe ihnen in dieser Zeit sehr viel geholfen, sagt Werndl. „Sie hat uns aufgefangen.“ Allein durchs Zuschauen könne man bei ihr schon sehr viel lernen.

          Auch der Zugang der Geschwister zu sich selbst und den Pferden wurde dadurch realistischer. „Rückschläge bringen einen weiter“, sagt Werndl heute. „Ich will bescheiden und dankbar sein“, sagt er, „und demütig. Das bringen einem die Pferde bei – die Demut.“ Die Familienähnlichkeit ist dabei unverkennbar. Das sind Worte, die genauso gut aus dem Mund seiner Schwester stammen könnten, diese Mischung aus philosophischem Ansatz und Selbstoptimierung. Dahinter mag auch der Persönlichkeitscoach stehen, den beide seit Jahren regelmäßig zu Rate ziehen. Er hat ihnen beigebracht, wie man sich frei macht vom Druck des Perfektionismus: „Der Erfolg kommt, seit wir ihn losgelassen haben.“

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