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„Geheimer“ Laufwettbewerb : Das Ziel ist die Bushaltestelle

Etwas weniger schnell als erhofft: Alina Reh ist nach ihrem Lauf enttäuscht. Bild: Cecilia Wenig

Subversive Organisation eines Rekordversuchs: In Berlin bleibt ein wegen Corona geheim gehaltener Laufwettbewerb nicht ganz geheim. Alina Reh und Amanal Petros verpassen ihre Ziele.

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          Die wenigen Ausflügler, die am Sonntagmorgen in Rauchfangswerder im Südosten von Berlin auf Läufergruppen stießen, dürften sich gewundert haben. Da war nichts zu sehen von entspanntem Joggen oder eifrigem Kilometerfressen, wie es in fortschreitender Corona-Krise und zunehmend sommerlichem Klima derzeit überall praktiziert wird. Auf der dichtbewaldeten Dahme-Halbinsel an der Wassergrenze Berlins zu Brandenburg schienen Läuferinnen und Läufer zu sprinten, mitten auf einer einsamen, schnurgeraden Straße ins Nichts.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Den Pulks von zehn, elf Athleten fuhren auf dem Schmöckwitzer Damm ein Auto mit digitaler Zeitanzeige und ein Motorrad voraus. Radfahrer jagten mit, und auf der Straße waren mit Klebestreifen ein Startfeld mit Boxen, einige Distanzen und ein Ziel markiert, das frei zu halten der Fahrer des dort pendelnden Busses versprochen hatte. Das war wichtig, denn der Strich lag direkt vor der Haltestelle mitten im Wald.

          Respektvoll warteten Autofahrer, bis ein Ordner mit Mund-Nase-Schutz darauf aufmerksam machte, dass die Straße frei und nicht gesperrt war. Manchmal blieben sie stehen, bis ein freundlicher Herr mit Schnauzbart unter dem Corona-Schutz Läuferinnen und Läufer mit einem Stoß aus der Pressluft-Sirene auf den Weg geschickt hatte.

          Österreichischer Rekord

          Am Freitag hatte die Website von German Road Races kryptisch Rekordversuche von Alina Reh und Amanal Petros über fünf Kilometer angekündigt. „Um angesichts der Corona-Krise und den geltenden Schutzbestimmungen Zuschaueransammlungen zu vermeiden“, hieß es dort, „können weder Ort und Zeit des Rennens publiziert werden.“ Wer sich daran erinnerte, dass eine Handvoll Berliner Lauffanatiker am ersten Juni-Wochenende mit dem „10K Berlin Invitational“ auf Rauchfangswerder überrascht hatte, konnte ahnen, dass sich die Strecke bewährt hatte.

          „Ich bin sofort aufgesprungen, als ich davon gehört habe“, sagte der Salzburger Marathonläufer Peter Herzog im Ziel an der Bushaltestelle. „In Corona-Zeiten nimmt man jede Strecke gern.“ Das Ergebnis auf der Distanz, die er von Berufs wegen mehr als achtmal hintereinander läuft, 13:54 Minuten, war sein erstes in diesem Jahr und der einzige Rekord des Tages, der österreichische.

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          Irina Mikitenko, die längst abgetretene Herrscherin des deutschen Straßenlaufs, und der Mann mit der Hupe bleiben im Besitz der deutschen Bestzeiten. Sie lief vor zehn Jahren zweimal 15:16 auf der Strecke, auf der erst seit 2019 international Rekorde geführt werden. Jens-Peter Herold, Olympia-Dritter über 1500 Meter von Seoul 1988, brauchte 1990 für die Distanz 14:09. „Ich war von den Socken, als ich hörte, dass ich mit dieser Zeit immer noch Rekordhalter bin“, sagte er. Die Einladung, als Starter an dem geheimen Rennen mitzuwirken, dürfte umso schöner gewesen sein, als Herold die Bestzeit, von der er sich verabschieden sollte, zurück mit nach Hause nach Neuruppin nahm.

          Alina Reh ist enttäuscht

          Alina Reh und Amanal Petros kamen ihren Zielen nicht nahe. Die Läuferin von der Schwäbischen Alb, Erste in 15:22 Minuten, klagte: „Ich habe was riskiert, und es ging nicht ganz auf. Ich bin extrem enttäuscht.“ Vor fünf Wochen war sie, zehn Kilometer hin und her auf dem Schmöckwitzer Damm, an der Rückkehr des Straßenlaufs aus dem Lockdown triumphal beteiligt und siegte in 31:26 Minuten. Seitdem hat sie mit ihrem neuen Trainer André Höhne härter denn je trainiert.

          Trotzdem – oder gerade deshalb – war am Sonntag auf dem letzten der fünf Kilometer plötzlich Schluss mit Optimismus und schnellem Lauf. „Vor ein paar Wochen bin ich im Training schneller gerannt“, sagte Alina Reh, „und es fühlte sich deutlich lockerer an.“ Nun habe sie sich eine Zeit unter 15 Minuten zugetraut und sei deshalb schnell angegangen, erzählte sie ratlos. In zwei Wochen wird sie in Regensburg versuchen, auf der Bahn so schnell zu sein. Petros dagegen, Vierter in 14:17 Minuten, erzählte, dass der Ausfall von Meisterschaften und Rennen ihn Disziplin und Ehrgeiz gekostet hätten. Zeitweilig habe er bis zehn Uhr geschlafen und sei nur vierzig Kilometer pro Woche gelaufen – ein Viertel dessen, was Alina Reh derzeit leistet. Rauchfangswerder zeigte auch ihm, wo er steht.

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