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Reitsport : Pferde-Sklaven beim Distanzreiten

  • -Aktualisiert am

„Katastrophale Verletzungen werden immer üblicher“: Die Tierärzte warnen vor den Folgen des Ehrgeizes Bild: Picture-Alliance

Titelsponsor, Teilnehmer und Luxuszuschauer aus Dubai: Das Distanzreiten ist bei den Weltreiterspielen in arabischer Hand. Tierärzte protestieren offen gegen falschen Ehrgeiz.

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          Arabische Distanzreiter sind wie Hurrikane. Nicht aufzuhalten. Bezüglich des Tropensturms Florence kann man bei den Weltreiterspielen in Tryon (North Carolina) aber wenigstens noch hoffen, dass er seinen zerstörerischen Weg woanders suchen möge als mitten durch das größte Pferdesportereignis der Welt, das am Dienstag eröffnet wurde. Mit den arabischen Distanzreitern aber ist das anders. Ganz sicher werden an diesem Mittwoch die Gäste aus den Wüstenregionen die Weltreiterspiele einen Tag lang heimsuchen anlässlich der Weltmeisterschaft in ihrer Lieblingsdisziplin, und es zeigt sich, dass niemand ihrer Erobererkraft auf Dauer widerstehen kann.

          Evi Simeoni

          Sportredakteurin.

          Zwar war dem Verband der Vereinigten Arabischen Emirate 2015 sogar vom Weltverband FEI eine Besinnungssperre auferlegt worden, weil Fälle von Tierquälerei und Sportbetrug sich unerträglich häuften. Tatsächlich scheint der Partner Pferd dort eher als Sklave Pferd gesehen zu werden. Aber die Zerwürfnisse sind ausgestanden. Es sieht ganz so aus, als hätte Scheich Muhammad al-Maktoum aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Herrscher von Dubai, die feindliche Übernahme einer ganzen Disziplin abgeschlossen. Er war selbst vor acht Jahren Weltmeister, damals bereits 61 Jahre alt, aber mit imponierendem Sitzfleisch ausgestattet. Aus einem Sport für naturverbundene Freaks ist ein Luxus-Event für Reiche geworden.

          Auch die sechs deutschen Tierärzte, die am 5. September einen offenen Brief an die FEI geschrieben haben, werden nicht viel ausrichten können angesichts der Geldströme, die aus den Wüstenstaaten in diesen Sport münden. „Für viele Reiter“, schrieben die im Distanzsport engagierten Veterinäre in ihrem Appell, sei „dieser Wettkampf kein Wettkampf mehr, ... in dem das Wohl des Pferdes nicht gefährdet wird.“ Es gehe nicht mehr darum, dass ein Reiter die Ausdauer und Fitness seines Pferdes im Verhältnis zur Zeit, zur Distanz, zum Terrain und den Wetterbedingungen sorgfältig einsetze. Die Fähigkeit des Reiters, taktisch vorzugehen, sei nicht mehr gefragt. Die Strecken in vielen herausragenden Wettbewerben, auch in Tryon, seien so präpariert, dass sie gerade und flach verliefen. Dadurch werde viel schneller geritten.

          Tierärzte warnen

          „Höhere Geschwindigkeit erhöht das Risiko, das Pferd zu überlasten.“ Und: „Katastrophale Verletzungen werden immer üblicher.“ Tatsächlich kam erst vor gut drei Wochen wieder ein Distanzpferd bei einem hochrangigen Wettbewerb ums Leben. Die Stute Perla, geritten vom Spanier Omar Blanco Rodrigo und im Besitz von Juma’s Team, kollabierte während eines 120-Kilometer-Ritts in Euston Park in der englischen Grafschaft Suffolk und starb. Die Großveranstaltung, die mehrere Ritte umfasste, wurde hauptsächlich finanziert von Scheich Muhammad aus Dubai. Und Juma’s Team ist sein Rennstall. In dem offenen Brief der Tierärzte wird denn auch eindringlich der Verdacht geäußert, dass die finanziellen Verstrickungen Abhängigkeiten verursachen könnten. Angeblich würden Funktionäre und Tierärzte mit kritischer Haltung vom Weltverband FEI nicht mehr eingesetzt.

          Vorbereitung im Morgengrauen: Distanzreiten sorgt bei all den schönen Bildern für Diskussionen Bilderstrecke

          Der Veranstalter der Weltreiterspiele in Person des amerikanischen Geschäftsmannes Mark Bellissimo jubelt der Delegation aus Dubai trotzdem zu. Er sei entzückt, ließ er wissen, dass die Meydan-Gruppe aus Dubai als Titelsponsor der Distanz-WM in Tryon auftrete. Zumal der „Royal Pavillon“, wie Bellissimo den Bau nennt, der die Scheichs für einen Tag beherbergen wird, ein „neues Zuschauererlebnis“ mit sich bringen werde. Meydan veranstaltet nicht nur millionenschwere Galopprennen – beim Dubai World Cup geht es um 35 Millionen Dollar – und sponsert diverse Distanzwettbewerbe, sondern bietet unter anderem auch Luxusresidenzen in Dubai an, alles in Zusammenhang mit Pferden und Sport. Und so geht es bei den Weltreiterspielen nicht nur um die „Meydan-Endurance“.

          Die letzte Runde des über 160 Kilometer führenden Rennens wird zudem als „Meydan-Loop“ in die WM-Geschichte eingehen. Und wenn alles nach Wunsch geht, wird einer der Söhne Scheich Muhammads am Abend als neuer Weltmeister feststehen – gegen die Sportkameraden aus Oman, Bahrein, Kuweit, Qatar oder Saudi-Arabien. Womöglich wird es gar Kronprinz Hamdan, der bereits vor vier Jahren den Titel holte und im April das Test-Event gewonnen hat. Oder doch einer seiner beiden mitreitenden Brüder? Zu fein zu solch einer Maktoum-Show wären sie sich ganz sicher nicht, nach dem einleuchtenden Motto: Wer zahlt, gewinnt.

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