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Beerbaum im F.A.Z.-Gespräch : "Es war kein Doping"

  • Aktualisiert am

Beerbaum sieht „eine Verkettung von Leichtsinnigkeiten” Bild: REUTERS

Olympiasieger Ludger Beerbaum im F.A.Z.-Gespräch über Medikation im Springreiten und die Schuldfrage im Fall Goldfever. Die Goldmedaille der deutschen Equipe ist gefährdet. Beerbaum kämpft um seinen Ruf.

          Seit vergangenen Donnsterstag ist die Welt des Springreiters Ludger Beerbaum aus den Fugen. Da erfuhr der 41 Jahre alte Springreiter per Telefon, daß die Analyse der A-Probe, die seinem Pferd Goldfever beim Mannschafts-Olympiasieg in Athen entnommen worden war, Spuren des Wirkstoffs Betamethason aufwies. Dieser Stoff war offenbar über eine kortisonhaltige Salbe in das Blut des Pferdes gelangt. Die Goldmedaille der deutschen Equipe ist nun massiv gefährdet. Und Beerbaum muß um seinen Ruf als untadeliger Pferdemann kämpfen.

          Sie sind mit einer positiven Dopingprobe konfrontiert. Trotzdem wehren Sie sich gegen den Vorwurf, ein Dopingsünder zu sein. Wie begründen Sie das?

          Ich versuche aufzuzeigen, daß man in diesem Fall die Relationen wahren und Mittel und Wirkung abwägen muß. Es handelt sich in meinem Fall nicht um Doping. Zumindest, wer sich ein moralisches Urteil bilden will, sollte auch fragen, ob die Substanz, mit der Goldfever behandelt wurde, leistungsbeeinflussend war. Das war nicht der Fall. Ich habe mir im Wettkampf damit keinen Vorteil verschafft oder den Wettbewerb verzerrt. Dieses Thema ist mir sogar wichtiger als der Verlust der olympischen Goldmedaille - mit meinen Mannschaftskollegen habe ich bereits gesprochen.

          Die Kategorie der "verbotenen Medikation", unter die Ihr Vergehen im Reglement des Internationalen Verbandes fällt - und die nicht gleichbedeutend mit dem landläufigen Doping-Begriff ist - wurde unseres Wissens deswegen eingeführt, weil man verhindern will, daß kranke Pferde an den Start gebracht werden.

          Genau.

          Wie krank war also Goldfever in Athen?

          Er war nicht so krank, daß er nicht auch ohne Behandlung hätte starten können - die wunde Stelle in der Fesselbeuge hatte etwa die Größe eines Zwanzig-Cent-Stücks. Natürlich wäre sie ohne Behandldung etwas wunder und rauh geworden, so wie ein Ekzem. Um das zu verhindern und dem Pferd etwas Gutes zu tun, haben wir die Stelle mit der Salbe behandelt. Wenn ich gewußt hätte, welche Folgen das haben kann, hätte ich natürlich gesagt: Laß bloß die Salbe weg.

          Goldfever hätte im Nationenpreis also auch eine Null-Fehler-Runde geschafft ohne Salbe?

          Auf jeden Fall.

          Sie hätten ihm also lieber Schmerzen zumuten sollen, um dem Reglement zu genügen?

          Wahrscheinlich hätte er keine Schmerzen gehabt, es wäre vielleicht nur unangenehm für ihn gewesen. Dies ist auch nicht der Punkt, der mir zu schaffen macht. Es sind Fehler in einem anderen Bereich gemacht worden, das ist offensichtlich und da gibt es nichts zu beschönigen: Alle Beteiligten sind mit der Behandlung der wunden Stelle zu leichtfertig umgegangen. Es war eine Verkettung von Leichtsinnigkeiten.

          Das verwundert bei einem erfahrenen Profi wie Ihnen mit einem so erfahrenen Umfeld.

          Mit der Zeit wird mir immer klarer, woran es lag. Die Tatsache, daß hier Menschen in verschiedenen Aufgabenbereichen zusammenarbeiten, die sich jahrelang kennen, eng zusammenarbeiten, auch Freunde sind und einer sich blind auf den anderen verlassen hat, hat dazu geführt, daß wir jetzt das Problem haben. Beide Tierärzte, mein Haustierarzt Rüdiger Brems und der offizielle Mannschaftsarzt in Athen, Björn Nolting, haben sich auf die Erfahrung meiner Pflegerin Marie verlassen. Marie wiederum verließ sich auf das Urteil der Tierärzte, die meinten, bei dem hohen Körpergewicht eines Pferdes wird es kein Problem geben, wenn man die Salbe zwischendurch mal anwendet. An diesem Punkt fängt es an, kritisch zu werden. Der eine Tierarzt hätte fragen müssen: "Wie oft wurde das Mittel schon angewandt?" Der andere hätte sagen müssen: "Laß das auf dem Turnier weg, das Risiko steigt mit häufigerer Anwendung - und wenn es wirklich nötig wird, die Salbe zu verabreichen, dann melde die Medikation bei den FEI-Tierärzten an." Diese Kommunikation ist ausgeblieben.

          Beruht die Fehleinschätzung von Haustierarzt Rüdiger Brems und Mannschaftstierarzt Björn Nolting also auf der häufigen Anwendung der Salbe?

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