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Finale der Beachvolleyball-WM : Ein neues Weltklasse-Duo für Deutschland

  • -Aktualisiert am

Am Ende reicht es für Julius Thole (links) und Clemens Wickler nicht ganz zum WM-Titel. Bild: dpa

Trotz der Final-Niederlage sind Julius Thole und Clemens Wickler die große Überraschung bei der Beachvolleyball-WM in Hamburg. Dahinter klafft bei beiden Geschlechtern derzeit allerdings eine große Lücke.

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          Den gemeinsamen Flug nach Zürich am Montag früh hatte Julius Thole noch am Samstagabend storniert und auf abends umgebucht. An diesem Dienstag startet das Major-Turnier in Gstaad. Thole wird dort mit seinem Partner Clemens Wickler antreten. An den ursprünglichen Reiseplänen lässt sich ablesen, dass der traumhafte Verlauf dieser Beachvolleyball-WM unerwartet kam – dass sie am Finaltag noch im Rennen sein würden, erschien dem deutschen Duo offenbar utopisch.

          Doch die Reise trug sie über Siege gegen Holland, Brasilien und Amerika bis ins Finale am Sonntagnachmittag. Hier stoppte der Höhenflug abrupt, denn Julius Thole knüpfte weder im Block noch im Angriff an die Qualitäten der vergangenen Woche an. Wickler quasi allein, das war zu wenig. So verlor das deutsche Nationalteam 1:2 gegen Wjatscheslaw Krasilnikow und Oleg Stojanowski (21:19, 17:21, 11:15). Die neuen russischen Titelträger bekommen als Team 60.000 Dollar Prämie, Thole/Wickler 45.000 Dollar. Russland hat damit einen Startplatz bei den Olympischen Spielen 2020 sicher.

          Es war eine verdiente Niederlage. Spieler des Finales war der 28 Jahre alte Krasilnikow. Der Lärm der 12000 Zuschauer am Rothenbaum ließ ihn unbeeindruckt. Er stellte Thole/Wickler vor unlösbare Aufgaben und blieb praktisch fehlerlos. Beim 8:7 im Tie-Break sah es nach einem glücklichen Ende für die Deutschen aus, doch Stojanowskis harte Aufschläge und Tholes Kraftlosigkeit bescherten Russland fünf Punkte in Folge. Das holten die Hamburger Publikumslieblinge nicht mehr auf. „Uns hat die Aufschlagqualität gefehlt, die die Russen hatten“, sagte Julius Thole.

          Doch 90 Minuten nach dem Spiel sah die Welt bei einer größeren Ladung Erdbeerkuchen in der Spieler-Lounge schon wieder besser aus. „Dieses Turnier wird unser ganzes Leben in Erinnerung bleiben“, sagte Clemens Wickler. „Schon Platz vier beim Welttour-Finale vor einem Jahr war cool. Aber was wir hier erlebt haben und mitnehmen können, ist überragend.“

          Das neue Aushängeschild des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) soll in der Entwicklung zukünftiger Erfolgsduos Vorbild sein. Die Professionalität Thole/Wicklers möchte Niclas Hildebrand zur Messlatte für alle anderen Teams machen. „Sie leben 365 Tage im Jahr Beachvolleyball. Das ist, ohne ins Detail zu gehen, nicht bei jedem anderen Paar so“, sagte der Sportdirektor Beach.

          Sein Fazit dieser WM fiel deswegen durchwachsen aus. Mentale Stärke hatte ihm bei vielen Teams gefehlt – der „Killerinstinkt“. Hildebrand sagte: „Wir müssen Stärken und Schwächen klar benennen. Ich bin überzeugt, dass das der Weg ist, wenn du zu den Gewinnern gehören willst.“ Ein schärferer Ton also im DVV, gepaart mit klaren Zielvorgaben.

          Bei den Frauen schieden fünf der sechs Teams in der Zwischenrunde aus, nur Karla Borger und Julia Sude kamen ins Achtelfinale: „Die breite Masse ist da“, sagte Hildebrand, „aber uns fehlt ein Klasse-Team.“ Laura Ludwig und Magdalena Kozuch enttäuschten bei ihrem Aus in der Runde der letzten 32. Trotzdem wird sich das neue Duo auf den steinigen Weg nach Tokio machen. Ob es danach eine Wiedervereinigung Laura Ludwigs mit Kira Walkenhorst gibt, steht in den Sternen. In Hamburg deutete Olympiasiegerin Walkenhorst das immerhin an. Walkenhorst arbeitet täglich an ihrem Comeback nach ihrer Verletzung. Bei den Männern freut sich Hildebrand natürlich über das neue Weltklasse-Duo, aber: „Unsere anderen Teams spielen zwischen Platz 15 und 30. Da gehören sie auch hin.“

          Was möglich ist, haben Thole/Wickler nachgewiesen: „Sie waren vor einem Jahr noch in Qualifikationsturnieren unterwegs und standen auf Platz 65. Das Talent war schon da, aber den Durchbruch haben sie mit Willen und Leidenschaft erreicht“, sagte Hildebrand. Das wäre ohne ein Team hinter dem Team unmöglich gewesen. Die Trainer Eric Koreng und Martin Olejnak, Markus Dieckmann als Mentor, Sportpsychologin Anett Szigeti und Jürgen Wagner für die Athletik, dazu zwei Physiotherapeuten – sie alle kümmern sich um Thole/Wickler. 150.000 Euro kostet diese Konstruktion im Jahr, etwa 70 Prozent davon trägt der DVV, den Rest wirbt Thole/Wicklers Management ein. „Wir sind als Verband dicht an dem Team dran. Die beiden ziehen aus jedem Bereich ihres Stabs das Beste heraus“, erklärte Hildebrand.

          So fahren Thole/Wickler alle paar Wochen zu ihrem Mentor Dieckmann nach Düsseldorf, um vor allem an der mentalen Stärke im Spiel zu arbeiten. Abzulesen war das am Samstagabend im Halbfinale, als Wickler seinen Aufschlag spät im dritten Satz umstellte. Die von Dieckmann implementierte Variante „Mehr Mut“ führte letztlich zum Sieg und Finaleinzug. Dort allerdings endete der Weg dieser Jungs von nebenan, die sich auf der Anlage so gar nicht wie Stars gerierten: „Wir sind keine Fußballer und schirmen uns mit Kopfhörern ab“, sagte Wickler.

          Ein deutsches Team im Endspiel war nicht nur für den DVV ein Hauptgewinn, sondern auch für Hannes Jagerhofer. Er veranstaltet im vierten Jahr die Welttour der Beachvolleyballer. 130.000 Zuschauern sind an zehn Tagen bei freiem Eintritt an den Rothenbaum gekommen und haben friedlich, fair und frenetisch Beachvolleyball gefeiert. Viele Enttäuschte standen draußen Schlange und kamen nicht hinein. „Hamburg muss fix im Kalender der Major-Tour sein, das steht für uns fest“, sagte Jagerhofer. Neben Gstaad und Wien wird Hamburg auch im nächsten Jahr wieder sein Beachvolleyball-Fest feiern können, dann wahrscheinlich in der letzten Juniwoche.

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