https://www.faz.net/-gtl-9orct

Beachvolleyball-WM in Hamburg : „Diese Jungs haben die magische Formel“

  • -Aktualisiert am

Jubel in Hamburg: Clemens Wickler (links vorne) und Julius Thole stehen im Halbfinale. Bild: EPA

12.000 Fans in Hamburg sind völlig begeistert. Julius Thole und Clemens Wickler stehen bei der Beachvolleyball-WM im Halbfinale. Nach dem Sieg über zwei Legenden bekommen die Deutschen ein großes Lob.

          2 Min.

          Aus Julius Tholes Mund klingt alles immer so wunderbar einfach: „Wir gehen jetzt duschen, dann essen wir Penne Bolognese, gehen zur Therapie und schlafen. Danach unterhalten wir uns mit unseren Trainern über die Taktik für das Halbfinale.“ Es waren die Minuten nach einem weiteren grandiosen Match, das der 22 Jahre alte Hamburger zusammen mit dem zwei Jahre älteren Starnberger Clemens Wickler auf dem Sand des Beachvolleyballstadions am Rothenbaum gezeigt hatte: 2:0 (21:17, 21:18) gegen die erfahrenen Allesgewinner aus Amerika, Phil Dalhausser und Nick Lucena. Halbfinale!

          Da nicht viel Zeit bleibt, bis an diesem Samstag um 18.30 Uhr das vorweggenommene Endspiel gegen die überragenden Norweger Anders Berntsen Mol und Christian Sandlie Sörum beginnt, verließen Thole/Wickler schnell den Court, um ihr Vorbereitungsprogramm abzuspulen. Die „Thole! Wickler!“-Chöre vom Vormittag dürften ihnen dabei noch in den Ohren geklingelt haben. „Es ist unbeschreiblich, dass 12.000 Leute kommen, um Beachvolleyball zu sehen. Und wir sind ein großer Faktor davon“, sagte Thole, der um die Ecke zur Grundschule ging und gemeinsam mit Wickler für den Eimsbütteler Turnverband (ETV) startet – mehr Lokalkolorit kann ein Sportler kaum mitbringen.

          Mit erstaunlicher Souveränität besiegten sie am Donnerstag in der Zwischenrunde die niederländischen Weltmeister von 2013, dann am Freitagabend nach einer Glanzleistung die Brasilianer Alison (Olympiasieger 2016) und Alvaro Filho und nun am Samstagmittag die 39 Jahre alten Dahlhausser/Lucena, zwei Legenden der Tour. Phil Dalhausser, der in seiner langen Karriere schon mehr als eine Million Dollar Preisgeld eingesammelt hat, sagte: „Diese Jungs haben die magische Formel. Sie sind sehr gut und sehr jung. Wenn ich denke, wie ich in ihrem Alter gespielt habe – furchtbar. Ich wollte den Ball nur so hart wie möglich schlagen. Diese beiden aber hatten auf jede Frage eine Antwort.“

          Das kann man so sagen. Bei geschlossenem Dach und langen Schlangen enttäuschter Fans vor der Arena, die nicht mehr hineinkonnten, dominierten Thole/Wickler die Partie ähnlich souverän wie am Freitag das Achtelfinale. Thole blockte, Wickler grub Bälle aus und bewies wieder, dass er nicht nur ein klasse Abwehr-, sondern auch ein variantenreicher Angriffsspieler ist. 9:8, 15:13, 21:18: Thole/Wickler gingen ihren Weg weiter. Aber was in diesen Tagen so leicht aussieht, ist das Ergebnis jahrelanger Arbeit mit einem großen Trainer- und Betreuer-Team samt Psychologin, die geholfen hat, den Erwartungsdruck der Öffentlichkeit auszuhalten. Die beiden haben sich von der fairen, lauten, mitreißenden Stimmung nie ablenken lassen und zu sehr in der Gunst der Fans gebadet. Hinzu kommt, dass sie sich sportlich und charakterlich bestens ergänzen.

          Und ganz ohne Anspannung spazieren Sonnyboy Thole und der nachdenklichere Wickler dann doch nichts durchs Turnier. „Ich habe mir vor dem Spiel ganz schön in die Hose gemacht“, sagte Wickler, „und vor dem zweiten Satz denkst du schon mal drüber nach, dass es jetzt Richtung Halbfinale geht. Aber du spürst die Energie von den Rängen und möchtest das immer wieder haben. Jetzt haben wir noch zwei Spiele bekommen.“

          Drei Thole-Blocks am Stück zogen Dahlhausser/Lucena im zweiten Satz den Zahn. Der Lärm wurde ohrenbetäubend, das Publikum spürte, dass die Deutschen noch einen Schritt weitergehen würden. Unfair wurde es nie. Die Annahme der Deutschen blieb hochwertig, Wickler punktete mit Angriffsschlägen. Ein wenig Glück und der Heimvorteil kamen hinzu: Um 12.40 Uhr stand das junge Duo nach Julius Tholes verwandeltem Machtball im Halbfinale. Das gelang vor einem Jahr auch. Am Ende wurde es Rang vier. Damals war indes Julius Thole noch wesentlich weniger athletisch als heute, auch seine Blocks waren viel zaghafter als jetzt in den K.o.-Spielen.

          „Es ist schon überraschend, wie schnell die beiden auf diesem Niveau angekommen sind“, sagte Julius Brink, an der Seite Jonas Reckermanns Olympiasieger 2012 in London. Dass Julius Thole und Clemens Wickler in Hamburg wertvolle Argumente für eine Olympia-Nominierung 2020 gesammelt haben, ist ein angenehmer Begleiteffekt.

          Frauen-Finale: Pavan/Melissa lösen Ludwig/Walkenhorst ab

          Sarah Pavan und Melissa Humana-Paredes haben bei der Beachvolleyball-Weltmeisterschaft in Hamburg den Titel bei den Frauen gewonnen. Das kanadische Duo bezwang am Samstag vor 12 000 Zuschauern im Stadion am Rothenbaum gegen die Amerikanerinnen Alexandra Klineman und April Ross mit 2:0 (23:21, 23:21). Die 1,96 Meter große Pavan setzte in den hart umkämpften Sätzen jeweils mit einem erfolgreichen Block den entscheidenden Punkt. Es ist der erste WM-Titel und die erste WM-Medaille im Sand überhaupt für Kanada.

          Pavan/Melissa, wie das Duo auf der offiziellen Liste des Weltverbandes geführt wird, lösen die Hamburgerinnen Laura Ludwig und Kira Walkenhorst als Titelträgerinnen ab. Die wegen gesundheitlicher Probleme zurückgetretene Wahl-Hamburgerin Walkenhorst hatte vor dem Endspiel den Goldpokal abgeben müssen. „Ich war sehr traurig“, sagte die 28 Jahre alte Blockspielerin, die für kommendes Jahr erst einmal auf der deutschen Tour ihr Comeback angekündigt hat.

          Beide Finalteams konnten lange Zeit die Nervosität nicht ablegen, viele Fehler führten aber zu spektakulären Ballwechseln. Auch die 37 Jahre alte Ross, die 2009 Weltmeisterin war, konnte keine entscheidenden Situationen erzwingen. Die ehemalige kanadische Hallen-Nationalspielerin Pavan (32) hatte sich in der Saison nach dem verlorenen Viertelfinale bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio gegen Ludwig/Walkenhorst mit der jetzt 26-jährigen Humana-Peredes zusammengetan. Die Tochter chilenischer Auswanderer hatte schon mit zwölf Jahren mit dem Beachvolleyball begonnen. Erst mit Pavan gelang ihr der Vorstoß in die Weltspitze. (dpa)

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Thunberg setzt Segel-Trend : Per Anhalter über die Weltmeere

          Wie Greta Thunberg die Meere zu besegeln, ist für junge Abenteurer das neue Rucksackreisen. Viele Bootsbesitzer sind von den teils penetranten Anfragen aber schon genervt. Und der Trip über den Ozean kann schnell zur Tortur werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.