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Beachvolleyball in Qatar : Ein Dementi als Lüge entlarvt

Will sich die Arbeitskleidung nicht vorschreiben lassen: Karla Borger Bild: AFP

Qatars Volleyball-Verband behauptet, den Beachvolleyballspielerinnen keine Vorschriften über ihre Arbeitskleidung machen zu wollen. Das Gegenteil steht allerdings in den Turnierbestimmungen.

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          Die erste Einheit mit Ball von Karla Borger und Julia Sude in ihrem Trainingslager am Jandia Playa im Süden von Fuerteventura verlief gut. Sonnenschein, 21 Grad, wenig Wind. Und die Handys aus. Denn die Wellen schlugen nicht nur an der Atlantikküste hoch, sondern auch im Internet.

          Kurz vor ihrer Reise auf die Kanaren hatten die beiden Beachvolleyballspielerinnen wegen der aus ihrer Sicht nicht akzeptablen Kleidervorschriften ihren Startverzicht für das Turnier vom 8. bis 12. März in Doha erklärt. Die Bestimmungen der qatarischen Behörden dort sahen vor, dass Spielerinnen in Shirts und knielangen Hosen starten sollen statt wie sonst üblich im Sport-Bikini. „Wir wollen das nicht mittragen“, sagten Borger/Sude und quittierten das Anmeldeformular mit einem „Nein“. Ihre Haltung sorgte für Aufsehen weit über die Beach-Szene hinaus und schreckte auch die Sportpolitiker des Wüstenstaats auf, der seit Jahren bemüht ist, sein Image durch hochwertige Sportveranstaltungen aufzupolieren.

          Sogar Skizzen der Kleidung angefügt

          Den lange-Hosen-Erlass dementierte Qatars Volleyball-Verband QVA nun umgehend und teilte der Nachrichtenagentur AFP mit, er habe „keine Forderungen gestellt“, was die Athletinnen bei der Veranstaltung tragen sollten. Die Qataris verwiesen sogar auf die World Beach Games 2019 in dem Emirat, bei denen Spielerinnen in ihrem üblichen knappen Dress gespielt hatten. Es stehe ihnen deshalb frei, auch beim Turnier im März in der Sportkleidung zu agieren, die sie auch aus anderen Ländern gewohnt seien.

          Dieser Darstellung widersprach allerdings Constantin Adam, der Manager von Borger/Sude, und verwies auf die Turnierregularien. Die werden üblicherweise vom Weltverband (FIVB) in Absprache mit dem lokalen Ausrichter erstellt und klären alle Fragen des technischen und organisatorischen Ablaufs eines Turniers. Im Fall Doha steht dort unter Punkt 10 von 17, Frauen hätten statt der üblichen Sport-Bikinis „aus Respekt vor der örtlichen Kultur und Tradition“ T-Shirts und knielange Hosen zu tragen, auch im Training. Zur Veranschaulichung sind sogar Skizzen der Kleidung angefügt. Adam bewertet das Dementi der Qataris als glatte „Lüge“.

          Klamottenfrage kein Thema: Laura Ludwig (l.) und Margareta Kozuch
          Klamottenfrage kein Thema: Laura Ludwig (l.) und Margareta Kozuch : Bild: dpa

          Die FIVB hat das Turnier in Qatar erstmals auch für Frauen in den Wettkampf-Kalender aufgenommen. In den vergangenen sieben Jahren spielten dort nur Männer. Der Weltverband betonte, außer von Borger/Sude keine negative Rückmeldung für das Turnier erhalten zu haben. Was womöglich sportliche Gründe hat: Das Turnier in dem Emirat ist bislang das einzige, das vor den Olympischen Spielen stattfindet. Auch deshalb ist es für viele Spielerinnen von enormer Bedeutung, dort teilzunehmen. 52 Duos aus 23 Ländern haben sich angemeldet, darunter fast alle Spitzenteams aus Brasilien, den Vereinigten Staaten und Europa. Auch vier deutsche Teams sind dabei.

          Für Laura Ludwig und ihre Partnerin Margareta Kozuch seien die Beschränkungen kein Thema gewesen, sagte Ludwig, Olympiasiegerin von 2016, in einem Podcasts der ARD-Sportschau: „Wir wollen Probleme in dem Land nicht verschweigen“ meinte sie, „aber den Sport in den Mittelpunkt rücken. Wir freuen uns tierisch auf das Turnier“.

          „Das kritisieren wir“

          Auch Karla Borger betonte, dass sie alle Spielerinnen respektiere, wenn sie aus sportlicher Sicht nicht auf das Turnier verzichten wollten. Immerhin gehe es um die Olympiaqualifikation, da müsse man sich schon fragen: „Was machst du, um deinen Traum zu erfüllen?“ Ludwig/Kozuch sind derzeit 15. des Olympia-Rankings. 16 der 24 Startplätze für Tokio werden über diese Rangliste vergeben. Borger/Sude rangieren auf Platz zehn und haben die Qualifikation so gut wie sicher.

          Für sie stachen deshalb die sportpolitische Ebene und die Fragen der persönlichen Einschränkung die sportliche Bedeutung aus: „Das ist wirklich das einzige Land und das einzige Turnier, wo wir von einer Regierung vorgeschrieben bekommen, wie wir unsere Arbeit auszuüben haben, und das kritisieren wir“, sagte sie. Deshalb möchte Borger auch den Weltverband in die Pflicht nehmen: „Wir hinterfragen, ob das nötig ist, dass man dort ein Turnier stattfinden lässt“, sagte die 32-Jährige im Gespräch mit dem Deutschlandfunk.

          Borger/Sude haben für ihre Haltung sehr viel Feedback bekommen, waren sogar überrascht von der Menge der Rückmeldungen. Von der Players Association gab es allerdings noch kein Statement. Über Athleten Deutschland, zu deren Gründungsmitglied Karla Borger zählt, soll nun eine Stellungnahme zu der Haltungsfrage erbeten werden.

          Bundestrainerin Helke Claasen zog unterdessen ihre Konsequenzen. Sie werde nicht nach Qatar fliegen, bestätigte Niclas Hildebrand, Sportdirektor des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV), der Süddeutschen Zeitung: „Sie hat mir gesagt, dass sie nicht dorthin fahren möchte, weil sie sich als Frau dort nicht respektiert fühlt.“ Für Claasen springt Bundestrainer Imornefe Bowes ein, der Lebenspartner von Laura Ludwig.

          Die Olympiasiegerin von 2016 flüchtet sich unterdessen vor der heiklen Frage in einen Scherz: Vielleicht sei es auch „mal gut, seine Haut vor der Sonne zu schützen“, sagte Laura Ludwig im Podcast und betonte, generell gerne im Bikini anzutreten. Es einmal nicht zu tun, sei aber auch kein Beinbruch.

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