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Klage von Beachvolleyball-Duo : Das Recht auf das freie Spiel

Wollen nicht das fünfte Rad am Wagen sein: Cinja Tillmann (links) und Kim Behrens. Bild: Imago

Kim Behrens und Cinja Tillmann wollen sich nicht länger vom Deutschen Volleyball-Verband blockieren lassen. Der erste Satz vor Gericht geht an die Spielerinnen. Auch auf dem Feld trumpfen sie auf.

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          Kim Behrens misst 1,79 Meter, verteilt auf einen athletischen, schlanken Körper – und sie ist auch außerhalb des Beachvolleyballfeldes kaum zu übersehen. Doch nach Ansicht der Funktionäre des Deutschen Volleyball-Verbandes (DVV) ist die 27-Jährige zu klein, um eine respektable Blockspielerin am Netz abzugeben. Da ihrer zwei Jahre älteren Spielpartnerin Cinja Tillmann noch ein paar Zentimeter mehr fehlen, um internationales Gardemaß zu erreichen, habe das seit 2019 zusammen spielende Duo keine Chance, Weltklasseniveau zu erreichen. Meint zumindest Niclas Hildebrand, der Sportdirektor für Beachvolleyball im DVV – und meldet die beiden schon seit eineinhalb Jahren nicht für Turniere der Weltserie an.

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          Psychologiestudentin Kim Behrens erscheint selbstbewusst genug, um sich in ihrer Leistungseinschätzung nicht vom Urteil Hildebrands abhängig zu machen. Doch von dessen Nominierungspraxis hängen ihre aktuellen Karrierechancen ab. Und deshalb hat sie gemeinsam mit ihrer Partnerin Cinja Tillmann für ein Recht auf freies Spiel gegen das Vorgehen des Verbandes vor Gericht geklagt. „Es müsste ja eigentlich jeder wissen, dass wir ein gutes Team sind“, sagte sie auf der Rückreise vom Turnier in Hamburg im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Dort hatten die beiden agilen Abwehrspezialistinnen als bestes deutsches Team den zweiten Platz belegt – geschlagen erst im Finale von den Schweizerinnen Nina Betschart und Tanja Hüberli (0:2). Auf dem Weg ins Endspiel besiegten die vermeintlichen Underdogs unter anderem die deutschen Nationalteams Victoria Bieneck/Isabel Schneider (2:1) sowie im Halbfinale Chantal Laboureur/Sandra Ittlinger (2:0). Generalprobe gelungen vor den deutschen Meisterschaften am Timmendorfer Strand Anfang September, wo Behrens/Tillmann auch schon im Vorjahr mit Platz drei geglänzt hatten.

          Den wichtigsten Sieg der Woche errangen die für TSV Flacht und MTV Hildesheim spielenden Twens freilich vor dem Landgericht Frankfurt. Dort hatten die zuständigen Richter anerkannt, dass ihre Klage zulässig ist. „Für den fairen Sport“, posteten Behrens/Tillmann danach auf Instagram: „Die Richter sehen, dass Nationalmannschaftsteams und Nichtnationalmannschaftsteams ungleich behandelt werden.“ Und das sei nur rechtens, wenn sachliche Gründe vorliegen würden. Diese zu finden und zu präsentieren, hat der Verband nun sechs Wochen Zeit.

          Auf den weiteren zeitlichen Verzug kommt es für die Spielerinnen nun auch nicht mehr an, denn sie hatten bereits im vergangenen Spätsommer Klage eingereicht. Ursprünglich sollte das Verfahren im März beginnen, damit noch vor der neuen Hochsaison erkennbar geworden wäre, ob der DVV gegen Kartell- und Wettbewerbsrecht verstößt. Die Corona-Pandemie verhinderte die Aufnahme.

          Auf internationalen Turnieren des Weltverbandes (FIVB) dürfen maximal vier Teams pro Nation mitspielen. Die drei besten sind für das Hauptfeld gesetzt, sofern sie genügend Weltranglistenpunkte mitbringen. Für den vierten Startplatz empfiehlt die FIVB, eine interne Qualifikationsrunde auszutragen. Diese „Country Quota“ wird sogar von dominierenden Nationen wie Brasilien und den Vereinigten Staaten ausgetragen. Nur Deutschland schützt seine vier Nationalteams. Neben Laboureur/Ittlinger und Bieneck/Schneider sind dies Olympiasiegerin Laura Ludwig mit Margareta Kozuch sowie Karla Borger und Julia Sude. Bei sechs Turnieren im Jahr 2019 mussten Behrens/Tillmann zuschauen, weil der DVV sie nicht meldete. Im März 2020 kam ein siebtes dazu.

          „Die Nominierungspraxis behindert den fairen Wettbewerb“, sagt Hans Voigt, der Trainer des Teams, das sich mit seiner Rolle als fünftem Rad am Wagen nicht abfinden will. Neben dem Recht auf freies Spiel geht es ihnen bei ihrer Klage auch um Geld: Das Team spricht von entgangenen Start- und Preisgeldern in Höhe von rund 25.000 Euro – bei einem Gesamtetat von 100.000 Euro nicht unerheblich. Auch die Sponsoreneinnahmen fallen geringer aus, wenn das Team nicht präsent ist.

          Voigt sieht in der Nominierungspraxis nicht nur ein aktuelles Problem: „Seit Jahren behindert der DVV ihm missliebige Teams.“ Auch Borger/Kozuch wurden, als sie noch zusammen spielten, ausgebremst. Ob ein positives Urteil der Karriere seiner aktuellen Spielerinnen noch dienen werde, glaubt Trainer Voigt nicht zwingend: „Sportler, die klagen, haben nie etwas davon. Sie kämpfen für spätere Generationen.“ Zum Termin in Frankfurt sind Behrens/Tillmann nicht angereist. „Das regeln die Anwälte.“ Für den DVV war Generalsekretärin Nicole Fetting anwesend. Sie sagte anschließend nur, sie werde nichts zum schwebenden Prozess sagen.

          Kim Behrens konzentriert sich derweil auf eine bestmögliche Performance im Sand: „Wir sind in jedem Spiel sehr motiviert und freuen uns, wenn wir Anerkennung für unsere Leistung bekommen.“ Das Verhältnis zu den anderen Teams sei ungestört. „Die Spielerinnen haben uns ja nichts getan.“ Vor dem Saisonhöhepunkt am Timmendorfer Strand gibt sie zudem einen kleinen Einblick in ihr taktisches Repertoire: „Als kleine, agile Spielerinnen hat man auch Vorteile.“

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