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Beachvolleyball-WM in Hamburg : Das heiße Versprechen

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Sandra Ittlinger (links) und Chantal Laboureur freuen sich über einen Punktgewinn auf dem Center Court während der Vorrunde der Weltmeisterschaft. Bild: dpa

Bei der Beachvolleyball-WM sind Sandra Ittlinger und Chantal Laboureur an Position 1 gesetzt. Mit Lob auf Vorschuss können sie nichts anfangen. Ihr Auftaktmatch gewinnen sie spielend. Und an Motivation fehlt es ihnen keinesfalls.

          Dass die Atmosphäre am Hamburger Rothenbaum „der Wahnsinn“ sein kann, weiß Chantal Laboureur noch aus dem Vorjahr, als sie in dem mit Sand aufgeschütteten Tennisstadion beim World Tour Finale der Beachvolleyballer mitspielte. Sandra Ittlinger fand die Stimmung damals auch schon super, allerdings war sie da noch Zuschauerin und betrachtete das Geschehen von den Rängen aus.

          Ein Jahr später standen die beiden nun gemeinsam zum WM-Auftakt auf dem Center Court: die aus Stuttgart stammende Abwehrspezialistin Chantal Laboureur, 29 Jahre alt, angehende Ärztin, und ihre neue Spielpartnerin Sandra Ittlinger aus München, gerade 25 geworden und nebenbei Psychologiestudentin. Gegen das namentlich klangvolle, aber spielerisch überforderte Außenseiterteam aus Paraguay, Michelle Sharon Valiente Amarilla und Patricia Carolina Caballero Pena, setzten sich Ittlinger/Laboureur nach einer guten halben Stunde Spielzeit mit 2:0 (21:15, 21:10) durch. „Wir sind froh, dass wir gewonnen haben, und zufrieden mit unserer Leistung“, sagte Sandra Ittlinger. Das Match sei das richtige „zum Einspielen“ gewesen, meinte ihre Partnerin.

          „Wir sind heiß“, hatten die beiden vor dem Ereignis gesagt, „das in einer Sportlerlaufbahn vermutlich nur einmal vorkommt: eine WM im eigenen Land“. Da sie derzeit sogar das beste in der Weltrangliste platzierte deutsche Team sind, wurden sie an Nummer 1 gesetzt und durften das Eröffnungsspiel des zehntägigen Turniers bestreiten.

          Ittlinger fühlte sich geehrt

          Noch vor einem halben Jahr wäre mit einem solchen Auftritt nicht zu rechnen gewesen. Sie kannten sich zwar, waren aber in unterschiedlichen Teams engagiert und bereiteten sich jede für sich auf die Sommersaison vor. Doch dann erklärte Olympiasiegerin Kira Walkenhorst ihren Rücktritt vom Leistungssport und Laura Ludwig stand ohne Netzspielerin da. Sie lotste Margareta Kozuch zu sich ins Team, und in der Folge dieser Personalie entwickelte sich ein Dominospiel, dass fast alle deutschen Paarungen neu sortierte.

          „Ich habe Sandra einfach angerufen und gefragt, ob sie mit mir spielen möchte“, erklärte Chantal Laboureur den Weg der Anbahnung, nachdem ihre langjährige Beach-Partnerin Julia Sude sie verlassen hatte und zu Karla Borger gewechselt war. Ittlinger fühlte sich geehrt – hatte aber auch ein schlechtes Gewissen gegenüber ihrer Mitspielerin Kim Behrens, mit der sie einen intensiven und erfolgreichen Sommer auf der Beach-Tour verbracht hatte. Doch die gute Freundin gab sie frei, und verband sich ihrerseits mit Cinja Tillmann – mit der sie sich ebenfalls für die WM qualifizierte.

          „Es wird spannend sein zu beobachten, wie sich die neuen Teams zusammen finden und einspielen – und wie sich die ehemaligen Partnerinnen auf dem Court begegnen“, hatte der frühere Beachvolleyball-Olympiasieger und heutige Fernsehexperte Julius Brink gegenüber der F.A.Z. vor der Saison gesagt.

          „Intensive Kennenlernphase“

          Sandra Ittlinger und Chantal Laboureur wählten als Weg der Annäherung das Rezept, das in jeder guten Beziehung hilft: „Viel reden.“ Es habe sehr viel abzustimmen gegeben, sagte Ittlinger, die es „auch spannend“ fand, „die eigenen Prinzipien zu hinterfragen“. Die ersten zwei Monaten ihrer Partnerschaft nutzten sie als „intensive Kennenlernphase“ – menschlich und sportlich. Dank der Kontakte ihres Trainers Ricardo Vento Brunale de Andrade trainierten sie in Brasilien, als in Deutschland noch acht Grad und Nieselregen zu verzeichnen waren. „Dann sind wir schon an die Hitze gewohnt, wenn es darauf ankommt, bei 35 Grad zu spielen“, prognostizierte Ittlinger – die allerdings nicht zwingend damit rechnete, dass dies in Hamburg der Fall sein könnte.

          Vor den ersten Spielen mit der ehemaligen Weltranglisten-Ersten Laboureur, die neben größerer Erfahrung auch deutlich mehr Punkte für die Setzlisten in die Beziehung einbrachte, dachte die Jüngste der deutschen Spitzenspielerinnen noch, sie würde „unter dem Druck zusammenbrechen.“ Doch da „Chantal eine total liebe Person ist“, sei keine Last zu spüren gewesen, das Zusammenspiel auf und neben dem Feld „super easy“ verlaufen.

          Dass sie seit ihrem Team-Wechsel als „Spielerin der Zukunft“ gilt, „habe ich auch gehört“, sagt Ittlinger mit gewisser Selbstironie, doch auf diesen Vorschuss möchte sie „nicht allzuviel geben.“ Sie wolle sich vielmehr so entwickeln, dass es heißt: „Sie hat es geschafft“. Und nicht: „Sie könnte es werden.“ Ihr forsches Auftreten im ersten WM-Spiel deutete schon einmal darauf hin, dass der eingeschlagene Weg stimmt. Die gertenschlanke, 1,81 Meter große Blockspielerin strotzte vor Energie gegen die nicht ganz austrainiert wirkenden Gegnerinnen aus Paraguay. Von den ersten zehn Punkten markierte Ittlinger sechs, und spielte dabei schon bis zum 10:1 das ganze Repertoire mit krachenden Assen, markanten Blocks, gefühlvollen Lobs und platzierten Schmetterschlägen aus.

          Dass im Zusammenspiel aber noch nicht alles passte, zeigte der weitere Verlauf des ersten Satzes, den Caballero/Valiente ausgeglichen gestalteten, ohne wirklich gefährlich zu werden, und einmal sogar mit einem „Mondball“ punkteten, der lange unterwegs war und dann im Niemandsland zwischen Ittlinger und Laboureur in den Sand fiel. „Nimm du ihn, ich hab ihn sicher“ – Tennisspieler kennen dieses Phänomen auch vom Doppel.

          Schon im zweiten Spiel an diesem Samstag (17 Uhr) gegen die Kanadierinnen Megan und Nicole McNamara werden die beiden Süddeutschen stärker gefordert sein, und solche Leichtsinnsfehler tunlichst vermeiden. Dann dürfte der Center Court auch voller besetzt sein als am Freitag zur Mittagszeit. Und nicht nur die Spielerinnen, sondern auch die dürfte Atmosphäre „heiß“ sein, denn die Wettervorhersage kündigt auch für Norddeutschland annähernd Copacabana-Temperaturen an.

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