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Bayern-Trainer Pesic : „Ich brauche die Bundesliga nicht mehr“

Zum Haareraufen, diese Schiedsrichter: Svetislav Pesic will sich nicht mehr auf Diskussionen einlassen. Bild: dpa

Svetislav Pesic hat genug vom Klub-Basketball in Deutschland. Der Bayern-Trainer fühlt sich benachteiligt und schikaniert. Am Ende der Saison will er aufhören – „zu 99 Prozent“. Kann ihn nur noch Uli Hoeneß umstimmen?

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          Am Morgen danach ist Svetislav Pesic „sehr erleichtert“. Warum? „Weil es immer einfacher ist, wenn man eine Entscheidung getroffen hat“, sagt er am Telefon. „Jetzt habe ich es gesagt, jetzt konzentriere ich mich auf den Job.“ Auf den Job, den er nicht mehr lange machen will: als Trainer des FC Bayern München.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          „Sind wir live?“, so hatte Pesic sich am Sonntag, nach dem 78:76-Sieg gegen die Frankfurt Skyliners, vor Beginn seines TV-Interviews noch erkundigt. Er ging sicher, dass die Botschaft, die er zuvor „nur mit mir selber besprochen hatte“, auch wirklich in die Welt kam. Pesic, der die letzten fünf Minuten der Partie nicht mehr in der Halle hatte verfolgen dürfen, wirkte fast ruhig, als er die Entscheidung verkündete, zu der seine Hinausstellung den letzten Anstoß gegeben habe. „Zu 99 Prozent“ werde er nach dieser Saison nicht mehr in der Basketball-Bundesliga (BBL) arbeiten, in der er sich zunehmend durch Bestrafungen verfolgt fühlt. Demnach wird er seinen Vertrag in München, der bis 2017 läuft, nicht erfüllen.

          Einiges an Altlasten angestaut

          Es hat sich einiges an Altlasten angestaut in der gespannten Beziehung zwischen der Liga und jenem Trainer, der sich als „bester Botschafter des deutschen Basketballs“ sieht – sich in dieser Rolle aber in der BBL, im Gegensatz zum Deutschen Basketball-Bund (DBB), nicht genug gewürdigt fühlt. Nach dem Spiel am Sonntag erzählte er, wie ihm 2011, auf Besuch aus Spanien, auf die Bitte um zwei Tickets fürs „All Star Game“ der BBL die Eintrittskarten beim Abholen in der Halle mit einer Rechnung über 180 Euro serviert wurden – ihm, dem früheren Bundestrainer, der das Nationalteam 1993 zum EM-Sieg geführt hatte.

          Sind das nur Eitelkeiten? Ist es stiller Verfolgungswahn, der sich nun laut äußert? Oder eine Retourkutsche dafür, dass Pesic sich oft und heftig mit der BBL anlegte, etwa als die Bayern auf dem Weg zum Meistertitel 2014 das vierte Play-off-Viertelfinale in Ludwigsburg wegen eines krassen Schiedsrichterfehlers zwei Mal bestreiten mussten? Schon da, sagt Pesic am Montag, sei ihm erstmals der Gedanke gekommen, sich besser aus der BBL zu verabschieden. Schon 2000, nach vier Meistertiteln mit Alba Berlin, habe er nie wieder zurückkehren wollen, sich das dann aber 2012 für das „einzigartige Basketballprojekt des FC Bayern“ anders überlegt.

          Es war nur ein kleiner Schritt, mit dem die Situation am Sonntag in der 35. Spielminute eskalierte. Pesic trat, gestikulierend und Anweisungen rufend, mit dem linken Fuß ins Spielfeld, was er „wie jeder andere Trainer zehn, zwanzig Mal pro Spiel“ tue. Diesmal aber wurde es als Technisches Foul geahndet. Im Basketball ist ein solches Foul eines, das nicht im Zweikampf zustande kommt, sondern durch Reklamieren, Provozieren oder andere disziplinarische Vergehen, weshalb es auch ein Trainer begehen kann. Es wird mit einem Freiwurf und Ballbesitz für den Gegner bestraft – und im Wiederholungsfall während einer Partie, wie bei Pesic am Sonntag, mit dem Spielausschluss.

          Pesic behauptete, der Technische Kommissar habe verlangt, „dass der Schiedsrichter ein zweites Technisches Foul gegen mich gab. So etwas habe ich noch nie erlebt“. Pesic hat, wie viele Trainer, ein elefantöses Gedächtnis für tatsächliche und angebliche Benachteiligungen, sie summieren sich zu einer langen Vorgeschichte. Sicher ist, dass Pesic die Grenzen des Erlaubten oft austestet. In der Play-off-Finalrunde 2015 kam er einmal so weit ins Spielfeld, dass er fast einen Bamberger Spieler rempelte. Aus älteren Zeiten sind sogar Vorfälle überliefert, bei denen der gebürtige Serbe einen Schnellangriff des Gegners unterbrochen oder mitten in der Aktion ein Handtuch aufs Spielfeld geworfen haben soll. Dagegen war das Übertreten gegen Frankfurt, mehrere Meter weg vom Spielgeschehen, ein harmloses Vergehen.

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          Pesic zeigt sich auch selbstkritisch. „Ein Trainer muss sich besser unter Kontrolle haben“, sagt er am Montag. „Aber wir sind auch nur Menschen. Und wenn man nicht emotional ist, kann man nicht erfolgreich sein.“ Zugleich weiß er, dass Kontrollverluste eines Trainers zum Problem für seine Mannschaft werden: „Sie kämpfen bis zum Umfallen, und dann kommt der Trainer und bekommt ein Technisches Foul. Ich habe heute meiner Mannschaft geschadet. Wir hätten dadurch verlieren können.“ Aus der Häufung solcher Bestrafungen in dieser Saison folgert er: „Ich brauche die Bundesliga nicht mehr. Und wie ich sehe, braucht die Bundesliga mich auch nicht.“

          Brauchen ihn die Bayern noch? Eine Verjüngung an der Spitze des zuletzt stagnierenden Basketball-Projekts wäre ohnehin spätestens 2017 nötig, wenn Pesic 68 Jahre alt wird. „Ich will kein Störfaktor für die Entwicklung des FC Bayern sein“, sagt Pesic dieser Zeitung. Vielleicht wäre ein Vorziehen der Verjüngung auf diesen Sommer für beide Seiten nicht die schlechteste Idee, auch für Pesic selbst, der nach 35 Trainer-Jahren noch einmal „irgendwo in Europa“ arbeiten will. Weder in der Euroleague noch im Eurocup, in dem die Bayern an diesem Dienstag im Viertelfinale auf Galatasaray Istanbul treffen, habe er diese Saison ein Technisches Foul bekommen, sagt Pesic: „Ich bin also ein guter Trainer außerhalb der BBL.“

          Dann wäre da noch Uli Hoeneß. Vor zwei Wochen erklärte er in seinem ersten Auftritt nach der Entlassung aus der Haft, dass er, im Falle seiner Rückkehr als Bayern-Präsident, den Basketball bei den Bayern und in Deutschland weiter voranbringen wolle. Er überzeugte 2012 Pesic persönlich davon, nach München zu kommen, und dürfte dessen 99-prozentige Rücktrittsankündigung nicht wortlos hinnehmen. Trägt das eine Prozent den Namen Hoeneß?

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