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Basketball-Geisterfinalturnier : Bayern München ist fremd in eigener Halle

Geisterhaft: Auch die Basketballer spielen ohne Zuschauer. Bild: dpa

Die Bayern-Basketballer verlieren ihr erstes Spiel beim Meisterturnier. Ihr Kapitän spricht von einem „Heimnachteil“. In München protestieren derweil 25.000 Menschen gegen Rassismus – die Basketballprofis schließen sich mit Shirts an.

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          Auf der Frontscheibe quietschen die Wischer, auf dem Großbildschirm die Schuhsohlen – Zuschauersport der neuen Zeit an einem verregneten Samstagabend. „Wo sind die Fans des FC Bayern Basketball?“, ruft der Einpeitscher gut zweihundert Menschen über ihre Autoradios ins Ohr und fordert: „Schmeißt mal eure Hupen an.“ Doch anders als beim FC Midtjylland, dem Tabellenführer der dänischen Fußballliga, der als Erster die Idee hatte, Sport als keimfreies Gemeinschaftserlebnis im Autokino zu inszenieren, steht die Leinwand des „Audi Urban Cinema“ nicht direkt an der Arena, sondern vierzig Kilometer entfernt am Münchner Flughafen. So hat die Anfeuerung durch ein Hupkonzert keine Chance, ihre Adressaten zu erreichen.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Dabei hätten die das gebrauchen können. „Wir haben es nicht geschafft, die Energie, die wir sonst von den Fans bekommen, aus uns selbst zu holen“, sagt Danilo Barthel zwölf Stunden nach der 85:95-Auftaktniederlage gegen Ulm. Der Schlaf danach war „unruhig“, die Stimmung „gedämpft“, erzählt der Bayern-Kapitän am Telefon im Quarantäne-Hotel, in dem die zehn Teams des 23-tägigen Finalturniers der Basketballmeisterschaft kaserniert sind.

          Diese erste Heimniederlage der Bayern in der Bundesliga seit mehr als zwei Jahren bestätigt Barthel, der durch das Turnier in der eigenen, leeren Halle „eher einen Heimnachteil“ sieht, „weil man in gewohnter Umgebung so viel Ungewohntes erfährt“. Zum Beispiel, dass die dreiwöchige Isolation für die Münchner „nur wenige Minuten weg von zu Hause, von unseren Familien“ stattfindet. Und dass auch in der Halle selbst, auf den Wegen dorthin, den vertrauten Abläufen, vieles anders ist als gewohnt – in Folge des detaillierten Hygienekonzeptes, das diesem Quarantäne-Turnier in vielen anderen Ländern großes Interesse einbringt. Auch als mögliche Vorlage für das olympische Basketballturnier in Tokio, falls man es im Sommer 2021 noch ohne Zuschauer spielen müsste.

          Bei null anfangen

          „Positiv für den Basketball“ nennt Barthel das „Final 10“, muss sich aber, wie herauszuhören ist, noch davon überzeugen, dass es auch gut für die Bayern ist. Weil sie, die Titelverteidiger, nach einer von ihnen dominierten Ligasaison nun wieder bei null anfangen mussten, hatten sie für Barthel den „größten Verlust“ dabei – den jener „Vorteile, die wir uns über Monate erkämpft haben“. Im gewohnten Playoff-System wäre ihnen die beste Setzposition und das Heimrecht in Entscheidungsspielen sicher. Nun aber sind „die Karten neu gemischt“, sagt Barthel. Und dazu „die Teams verändert“.

          In der Corona-Pause verloren die Bayern mit dem in die Vereinigten Staaten heimgekehrten Greg Monroe und dem verletzten Nihad Djedovic zwei entscheidende Spieler – deren Energie vor allem im Schlussviertel fehlte, als die Bayern 33 Punkte kassierten. Die Ulmer gewannen dagegen mit Thomas Kleipesz, von den nicht am Turnier teilnehmenden Braunschweigern gekommen, einen Spieler, der im ersten Einsatz agierte, als lenke er seit Jahren das Team. Die Atmosphäre einer leeren Halle, erklärte er, kenne er von seinen Jugendjahren in Österreich, „auch wenn die Hallen da nicht ganz so groß waren“ wie der Audi Dome mit seinen 6700 leeren Plätzen.

          Dieses „Final 10“ als sportliche Stunde null zeigte sich zu Beginn als Bühne frecher Außenseiter – bis Alba Berlin am Sonntag mit dem 81:72 gegen die Skyliners Frankfurt der erste, in den letzten zwei Minuten mühsam erkämpfte Favoritensieg gelang. Vor dem Coup der Ulmer hatten bereits die Göttinger überrascht, die im Auftaktspiel Crailsheim, den Dritten der Punktesaison, 89:78 besiegten. Das Spiel brachte einen ersten kleinen Helden der Post-Corona-Zeit hervor, Bennet Hundt. Mit dreißig Punkten auf hundertachtzig Zentimetern Körpergröße kam er auf eine Quote, die ihm bis zum Finale am 28. Juni kaum einer nachmachen dürfte.

          Friedlich endete die Kontroverse um Gesten und Botschaften zum Tod von George Floyd und den Protesten in Amerika, wie sie eine Woche zuvor mehrere Fußballprofis geäußert hatten – worauf der BBL-Chef Stefan Holz so etwas für den Basketball bei Strafandrohung auszuschließen versuchte, dann aber nach Erwiderungen wie von Bayern-Geschäftsführer Marko Pesic („In einer Zeit, in der es um Solidarität und Zusammenhalt geht, kann niemand den Spielern das Wort verbieten“) rapide zurückruderte. Am Abend eines Tages, an dem statt der angekündigten 200 Menschen 25.000 am Münchner Königsplatz gegen Rassismus demonstriert hatten, schlossen sich die Bayern-Basketballer vor ihrer Auftaktpartie mit der Botschaft „Rot gegen Rassismus“ auf ihren Shirts an.

          Bei diesem Turnier, in dem acht von zehn Teams die K.o.-Runde erreichen (und neun von zehn einen europäischen Wettbewerb), ist auch für den matt gestarteten Meister noch lange nichts verloren. „Manchmal lernt man aus Niederlagen mehr“, sagt Barthel und kündigt für das Spiel gegen Crailsheim an diesem Montag eine Mannschaft an, die sich „gegenseitig pushen“ werde. Draußen am Flughafen werden wieder ein paar Unverzagte versuchen, ihnen dabei zu helfen. Menschen in stehenden Autos, die für Menschen in leeren, weit entfernten Hallen auf Hupen drücken – Viren haben Wirkungen, die niemand ahnen konnte.

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