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Basketballteam Phoenix Hagen : Klein, schnell, wild

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Alles andere als ein Weiterkommen der Bamberger (mit Philipp Neumann, links) wäre eine Sensation, aber Phoenix Hagen (mit Adam Hess) wird dagegen halten Bild: dpa

Hagens Strukturwandel stockt, die Stadtplanung stolpert. Aber das Basketballteam Phoenix bewegt die Menschen: Es will dem Meister aus Bamberg in den Play-offs den Ball und den Nerv rauben.

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          Bernd Kruel sitzt am Steuer eines erstaunlich kleinen Dienstwagens, wir fahren durch die ramponierte Stadt. Kruel ist der dienstälteste Spieler der Basketball-Bundesliga, 2,08 Meter groß und altersweise, seit 1993 ist er dabei. Wir kennen uns seit dem Tag, als er zum ersten Mal einen Basketball in die Hand bekam, ein dürrer Junge mit Stelzenbeinen, und wenn ich in Hagen bin, holt Bernd mich ab, und wir fahren zum Spiel. „Storch“ nennt man ihn hier.

          Kruel hat seine ewig lange Karriere bei Brandt Hagen begonnen, später hat er für Bonn gespielt und ist mit Frankfurt 2004 deutscher Meister geworden, aber seit fünf Jahren nimmt er wieder den alten Weg zur Halle, den Berg hinunter, die B7 vorbei an der leeren Zwiebackfabrik, vorbei am Bahnhof, an den Spielhallen und Dönerbuden und Lidls, dann den Berg hinauf zur alten Ischelandhalle, die jetzt Enervie Arena heißt. Wir haben schon oft über sein Karriereende gesprochen, aber er hat immer wieder weitergemacht, weil er noch weitermachen kann.

          Niemand hat mit so einer Saison gerechnet

          Hagen liegt eingeklemmt zwischen dem Ruhrgebiet und den Wäldern des Sauerlands. Mitte der Siebziger haben hier fast 230000 Menschen gewohnt, man lebte von der Eisenbahn- und Schwerindustrie, aber seit der Stahlkrise ist Hagen eine schrumpfende Stadt. Der Strukturwandel stockt, die Stadtplanung stolpert, die Stadt gibt ihr Möglichstes. Phoenix Hagen ist der ideale Sportverein für diese Gegend. Basketball ist hier schon immer gespielt worden. Hagen war (1966) Gründungsmitglied der Bundesliga, der Deutsche Basketballbund sitzt hier, zu Hochzeiten war der SSV Hagen 1974 deutscher Meister, 1994 wurde Brandt Hagen Pokalsieger.

          Dann folgten Bankrott, Neuformierung und 2009 die abenteuerliche Rückkehr in die Bundesliga. Es gibt einen fantastischen Dokumentarfilm über dieses erste Bundesligajahr nach dem Neuanfang, über die Tristesse und die Liebe zum Spiel, der gerade erst für den Deutschen Dokumentarfilmpreis nominiert wurde. Der Titel des Films beschreibt in nuce die Hagener Situation: „Phoenix in der Asche“ lautet er.

          Wenn wir an der Ischelandhalle ankommen, fühlt es sich an wie ein Klassentreffen. Alle kennen sich von früher. Kruel parkt direkt neben der Raucherecke am Hintereingang, ein großes Hallo, er schüttelt Hände, macht seine knochentrockenen Scherze, man redet über Schalke und Dortmund und Bayern. Fußball. Basketball. Langsam trudeln die anderen Spieler ein, jeder kennt jeden, jeder grüßt jeden. David, Adam, Bernd und Ole. Mannschaft, Sponsoren, ein paar Journalisten, das Maskottchen. Paul, Anna, Martin, Mareike.

          Die Begeisterung ist zurück, aber in der kleinen Ticketbude der Arena gibt es dieser Tage nicht viel zu tun. Vor den Spielen trinke ich einen Kaffee mit Silke Menz. Silke verkauft hier seit eh und je die Karten und erzählt, dass sie noch viel mehr Tickets absetzen könnten, deutlich mehr, aber zurzeit ist nur mehr der Abholschalter geöffnet, die Halle ist schon Wochen vorher immer restlos ausverkauft. Früher hat die Ischelandhalle offiziell knapp zweitausend Zuschauer gefasst, dann hat man zwei zusätzliche Tribünen eingezogen. In die Enervie Arena passen jetzt mehr als dreitausend Menschen, die Lärm für zehntausend machen. Die Hagener Halle ist keine Schönheit, sondern ein funktionaler Schnellkochtopf, der die Gegner weichkocht. Vieles ist neu, aber die Begeisterung der Hagener ist alt. Die Tradition hängt hier nicht an der Hallendecke, es gibt noch keine Meisterschaftsbanner und Pokalvitrinen. Die Geschichte hängt Hagen im Herzen.

          Jahrelang ist es bei Phoenix Hagen nur darum gegangen, nicht abzusteigen. Jetzt hat man die Play-off-Runde erreicht. Zum ersten Mal seit elf, zwölf Jahren, so genau kann sich hier keiner erinnern. Der Klub befindet sich, was die Größe des Etats betrifft, immer im unteren Drittel der Liga. An den Wänden der Halle hängen die Logos der vielen kleinen und mittelgroßen Sponsoren, sehr viel ist in Hagen Ehrenamt und Euphorie. In diesem Jahr hat Hagen überraschend stark gespielt, in der zweiten Saisonhälfte die vier großen Klubs der Liga geschlagen: Ulm, Bamberg, Berlin und Oldenburg. Phoenix Hagen nimmt die meisten Würfe der Liga, erzielt die meisten Punkte, und Aufbauspieler Davin White ist der beste Scorer der Liga. Hagen spielt klein, schnell und begeisternd. Niemand hat mit so einer Saison gerechnet, aber als Hagener kann man sich durchaus mit diesem Erfolg anfreunden. Man hat Meisterschreck-T-Shirts drucken lassen, gelbe Schrift auf blauem Grund, und am Wochenende geht es richtig los. Hagen spielt am Sonntag gegen Bamberg, der Achte gegen den Ersten, der alte Neuling gegen den Serienmeister der vergangenen Jahre. „Alles, was jetzt kommt, ist Bonus“, sagen alle, die man fragt.

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