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Basketballer Anton Gavel : Der Ästhet von der Bank

Immer mit Leidenschaft mittendrin:Anton Gavel ist nicht der Größte, aber er beweist Konstanz auf hohem Niveau Bild: nordphoto

Anton Gavel ist nicht der Showstar der Basketball-Bundesliga. Aber er ist das Schwungrad im Bamberger Spiel. Wird sein Team an diesem Sonntag Meister, dann auch dank ihm.

          3 Min.

          Mit 1,88 Metern ist man ein Kleiner im Basketball. Also macht sich Anton Gavel gar nicht erst groß. Obwohl er schon dreimal mit Bamberg deutscher Meister war und nach zwei Siegen im Play-off-Finale über Oldenburg an diesem Sonntag (Sport 1, 16.00 Uhr) nur noch einen Erfolg braucht für den vierten Titel in Serie. „Ich bin nicht gerade für krachende Dunks bekannt“, sagt er, „und physisch auch nicht so stark.“ Gavel zu klein geraten in einem Satz?

          Anno Hecker

          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Es stimmt, der 28 Jahre alte Slowake mit deutschem Pass ist nicht der Supersolist, nicht der Mann, der es regelmäßig mit spektakulärem Spiel einer gegen alle richtet. Wenn diese verkappten Egoshooter loslegen, weil der Spielfluss des Teams stoppt, dann raunt das Publikum, da bleibt dem Fan der Mund offen stehen und dem Gegner fällt die Kinnlade herunter. „Vielleicht wirkt mein Spiel dagegen ein bisschen langweilig“, sagt Gavel, „ich halte es nicht für besonders ästhetisch.“ Andere halten es für besonders attraktiv. Gavels Kollegen zählen ihn zu den besten Profis der Basketball-Bundesliga.

          Anton Gavel ist leicht zu übersehen oder zu verwechseln. Mit seinem Vollbart ähnelt er dem in der Statur ähnlich gewachsenen Teamkollegen John Goldsberry. Der Amerikaner trägt die Trikotnummer fünf, Gavel die 25. Sie ist zuletzt bei der Vorstellung der Startformation (Starting Five) nicht mehr aufgerufen worden. Auf Gavel muss man ein bisschen warten. Er kommt von der Bank. „Ich war verletzt, und dann ist es so geblieben“, sagt er, „macht nichts.“ Weil er dennoch im Schnitt fast 30 der 40 Minuten spielt. Kaum ein Spieler des Bamberger Ensembles bekommt mehr Vertrauen geschenkt von Trainer Chris Fleming. Man kann nachlesen, warum das so ist: eine Trefferquote von 50,3 Prozent, 15 Punkte, sogar fast drei Rebounds im Kampf mit den Riesen im Schnitt der bislang 42 Liga-Spiele. Gavel besticht im Angriff mit Konstanz auf hohem Niveau.

          „Es gibt unterschiedliche Talente“

          „Wie ich dahin gekommen bin? Ich habe viel trainiert.“ Gavel kommt aus der Slowakei. Er hat 2004 in Deutschland Abitur gemacht, im Januar die Staatsbürgerschaft angenommen. Nach dem Aufstieg über Karlsruhe und Gießen in die Elite spielte er in Spanien und Griechenland, bevor er im November 2009 nach Bamberg kam, den verletzten Goldsberry ersetzen sollte. „Ich habe mich aus der zweiten Liga hochgearbeitet“, sagt er. Die Bamberger erzählen sich, dass Gavel seit seiner Verpflichtung in jedem Training an die Grenze gehe. Sie schwärmen von seiner Leidenschaft. Gavel trainiert auch gern an freien Tagen. „Ich hatte vielleicht nicht so viel Talent wie andere“, behauptet er. Was meint er damit? Kein Ballgefühl vielleicht? „Na ja, mein Wurf ist etwas komisch, zu flach.“ Und so haben die Wurfexperten am jungen Gavel herumgedoktert, ihn beschworen, eine höhere Flugkurve zu wählen. „Es wurde schlechter.“ Gavel besann sich auf sein Gefühl, seinen Stil. Er gilt nicht als ausgesprochener „Scharfschütze“, aber er ist treffsicherer als mancher Spezialist. In dieser Saison landeten 45 Prozent seiner Dreier im Ziel. Das finden die Gegner gar nicht komisch.

          Ob er Talent nicht überbewertet? Gavel räuspert sich am Telefon. „Es gibt unterschiedliche Talente.“ Solche, die man beim Blick auf die Statistik nicht sofort erkennt. Die Verteidigung ist eine seiner großen Stärken. Den Zauberern den Nerv zu rauben, immer präsent zu sein, sie zu Fehlern, Fehlwürfen, Fehlpässen zu verleiten. „Das ist eine Willenssache“, wirft er ein. Gibt aber zu, Videos der Spiele zu analysieren. Er studiert seine Gegner, versucht, sich in ihr Spiel hineinzudenken, in ihre Bewegungsmuster und Variationen. Gavel gehört zu den Bambergern, die den Oldenburger Angriffsstar Julius Jenkins aus dem Spiel hielten und an diesem Sonntag halten sollen: „Ich bereite mich immer auf das nächste Treffen vor.“

          Die hohe Kunst des Basketballs

          Das lässt sich auch an einem schwächeren Auftritt erkennen. Beim zweiten Finale am vergangenen Mittwoch war von Spielkultur hüben wie drüben fast nichts zu sehen. Gavel reihte sich ein, traf nur zwei von elf Dreiern. Aber in einer Rubrik, hinter dem Kürzel TO für „Turnover“, stand eine Null: kein einziger Ballverlust. Obwohl sich Bamberg 14 leistete. Das ist hervorragend für einen Mann, der auf der Position zwei an der Einleitung des Offensivspiels mitwirkt, weit vom Korb entfernt Aufstellung nimmt. Diese Sicherheit ist eine Art Lebensversicherung für ein Team. Denn Ballverluste solcher Spieler führen häufig zu Schnellangriffen des Gegners, zu leichten Körben, zu Dominanz, zu Niederlagen. Für Gavel ist diese Quote typisch. Er leistet sich kaum Fehler, 1,3 Ballverluste zählten die Statistiker in dieser Bundesliga-Saison. „Ich gehe nicht ganz so viel Risiko ein“, sagt er.

          Nicht so viel Risiko? Gavel bleibt in diesem Gespräch lieber defensiv. Denn weniger Risiko zu nehmen könnte doch auch bedeuten, dass er bessere Lösungen sieht, das Spiel schneller liest als andere: „Vielleicht. Ich weiß es nicht.“ In der Verteidigung kommt Gavel selbst gegen die Virtuosen selten zu spät: 1,9 Fouls pfiffen ihm die Schiedsrichter pro Spiel. Im Angriff wirkt jede Entscheidung überlegt. Gavel hat recht. Er ist nicht der Showstar der Liga. Er ist das Schwungrad im Bamberger Spiel. Wenn es läuft beim ihm, dann verbindet er eine kluge Verteidigung mit einem intelligenten Team-Angriff, der schnellen wie geduldigen Kombination von Dribbling und Pässen bis einer frei steht, vielleicht sogar unter dem Korb. Das ist die hohe Kunst des Basketballs.

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