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Besser als die NBA : Was die Euroleague dem Star-Spektakel voraushat

  • -Aktualisiert am

Bayerns Basketballer bei der Defensivarbeit: Nihad Dedovic (l.) und Leon Radosevic gegen Olympiakos’ Octavius Ellis. Bild: EPA

Kein starres 1-1, mehr Passspiel als Dribbling, bessere Strukturen in Angriff und Verteidigung: Für Basketballpuristen hat die Euroleague der NBA mittlerweile den Rang abgelaufen. Hier ist die Mannschaft der Star – mit Auswirkungen auf die Trainerauswahl.

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          Die Basketball-Bundesliga kürte den Deutschen Meister 2020 beim Finalturnier in München, die NBA spielte ihren Champion auf dem Gelände von Disney World in Orlando aus. Während die Akteure hierzulande maximal drei Wochen in der Isolation der sogenannten Bubble verbringen mussten, waren es jenseits des Atlantiks beachtliche zweieinhalb Monate von Ende Juli bis Mitte Oktober. Am Ende konnten aber beide Ligen vermelden, dass sie es geschafft hatten, unter schwierigen, aber fairen Bedingungen einen Meister auszuspielen.

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          Genau dies hat die Euroleague, das Pendant des Basketballs zur Champions League im Fußball, nicht geschafft. Nach dem Corona geschuldeten Ende der Saison gelang es nicht, einen Ort, Zeitpunkt und Modus zu finden, um die Spielzeit mit einem Titelträger zu beenden. Das lag auch daran, dass der Widerstand der Spieler verhältnismäßig groß war. Für Ergin Ataman, den Head Coach der bei Abbruch besten Mannschaft, Anadolu Efes Istanbul, wurde seinem Team so die Chance genommen, den ersten Euroleague-Titel der Vereinsgeschichte zu erobern – eine sehr persönliche, aber durchaus nachvollziehbare Sicht. Entscheidender ist aber, dass diese Saison ohne Meister am Image der Liga gekratzt hat. Das ist schade, weil das sportliche Niveau auch in der vergangenen Saison wieder extrem hoch war, so dass viele Basketballpuristen und Insider mittlerweile der Euroleague den Vorzug gegenüber der NBA geben.

          Während in der nordamerikanischen Profiliga das Spiel 1-1 stark im Vordergrund steht, sind in Europa die Strukturen sowohl im Angriff als auch in der Verteidigung deutlich komplexer. In die Spielzüge sind mehr Akteure involviert, die Ballbewegung erfolgt stärker über den Pass als über das Dribbling, vor allem dann, wenn ein erster Vorteil generiert wurde. Das Spiel bietet mehr taktische Finessen und Extras. Dieser Aspekt nimmt in der NBA nur eine untergeordnete Rolle ein. Die Vermarktung erfolgt in hohem Maße über die Starspieler. Entsprechend ist das Regelwerk so gestaltet, dass viele Maßnahmen im defensiven Teamverbund, die in Europa üblich sind, um einen herausragenden Einzelkönner zu stoppen, nicht zulässig sind. So abgedroschen es klingt: In der Euroleague sind die Mannschaften die Stars.

          Cheftrainer der NBA sind Menschenfänger, keine Taktikgenies

          Diese unterschiedlichen Herangehensweisen werden deutlich, wenn es darum geht, den Cheftrainersessel zu besetzen. In der NBA werden Coaches gesucht, die in der Lage sind, Egos und Charaktere zu managen. Die taktische Arbeit verrichten primär die Assistenten. Ein gutes Beispiel war im September die Entscheidung der Brooklyn Nets, Steve Nash zum neuen Head Coach zu benennen. Der Kanadier, der zum ersten Mal eine Mannschaft betreut, gibt unumwunden zu, dass er taktisch noch viel zu lernen hat. Aber dem früheren Spieler, der nicht als Star in die Liga kam, sich aber zu einem solchen entwickelt hat, traut man aufgrund seines Karriereverlaufs zu, sowohl die Bankspieler als auch die Superstars wie Kyrie Irving und Kevin Durant erreichen zu können.

          Was Nash aus dem Stand gelang, blieb Ettore Messina fünf Jahre lang verwehrt. Der Italiener war zwischen 2014 und 2019 die rechte Hand von Gregg Popovich, dem anerkanntesten Head Coach der NBA. Obwohl Messina unzählige Male für freie Cheftrainerposten interviewt wurde, erhielt er nie den Zuschlag. Die Reserviertheit der Amerikaner gegenüber Europäern liegt auch darin begründet, dass sie in einem anderen soziokulturellen Umfeld aufgewachsen sind, was die in der NBA so wichtige Personalführung schwieriger macht. Ansonsten brachte Messina alles mit. Während seiner Zeit bei ZSKA reisten Head Coaches aus der NBA wie Mike Brown und Quin Snyder nach Moskau, um bei ihm zu hospitieren.

          Seit 2019 ist der viermalige Euroleague-Gewinner zurück in Europa und betreut Olimpia Mailand, jene Mannschaft, die Bayern München die bislang einzige Niederlage im laufenden Wettbewerb zufügen konnte. Der deutsche Meisterschaftszweite ist nach fünf Spieltagen völlig überraschend Tabellenführer in der europäischen Eliteklasse. Bislang haben die Münchner unter dem neuen Coach Andrea Trinchieri komplett überzeugt. An diesem Donnerstag (21.00 Uhr bei MagentaSport) treten die Bayern bei Real Madrid an. Der Mitfavorit ist wie viele andere hocheingeschätzte Teams holprig in die Saison gestartet. Aufgrund der durch Corona beeinträchtigten Trainingsbedingungen sind viele Vereine noch nicht auf dem Niveau der Vorsaison. Guten Teambasketball zu entwickeln, braucht Zeit. Umso beachtlicher ist es, was die Bayern bislang leisten. Insgesamt dürfte es aber erst 2021 werden – sofern die Saison nicht durch das Infektionsgeschehen unterbrochen wird –, bis die Euroleague wieder ihre gewohnte Qualität erreicht hat.

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