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Basketballtrainer Trinchieri : Captain im Raumschiff des FC Bayern

Andrea Trinchieri wird neuer Basketballtrainer von Bayern München. Bild: dpa

Mit Andrea Trinchieri als neuem Trainer will Bayern München im Basketball eine Ära des Erfolgs einleiten: in der Bundesliga und in Europa. Es gibt aber ein Detail, das stutzig macht.

          3 Min.

          Wenn Andrea Trinchieri über Basketball redet, fallen ihm oft lustige Vergleiche ein. Es gibt einen besonders amüsanten, der schon mehr als vier Jahre alt ist, jetzt aber einfach zu gut passt, um ihn nicht zu erzählen. Der Italiener Trinchieri, damals Trainer von Brose Bamberg, sollte in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ über die Basketballabteilung des FC Bayern München sprechen. „Sie sind wie Aliens“, sagte er. „Weil sie aus dem Nichts erschienen sind. Bayern-Basketball hat vorher nicht existiert.“ Die Fragesteller erwiderten, dass die Bayern den Aufstieg aus der zweiten Liga sportlich geschafft haben. „Echt? Jedenfalls hatten sie ein Raumschiff, und damit sind sie in München gelandet. Und über Aliens spreche ich nicht.“

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          Vor ein paar Wochen hat das Raumschiff aus München Kontakt zum Erdling Trinchieri aufgenommen. Und so fremd, wie er damals sagte, scheint ihm die Besatzung nicht gewesen zu sein. Er sprach mit ihnen, verhandelte, und siehe da: Im Raumschiff ist er ab sofort der Captain.

          Am Mittwochmorgen haben die Basketballer des FC Bayern verkündet, dass sie Andrea Trinchieri, 51 Jahre alt, als Cheftrainer angestellt haben. Sie verschickten eine Pressemitteilung, die selbst für PR-Verhältnisse fast schon überschwänglich ist. Der Vereinspräsident Herbert Hainer nennt Trinchieri darin „einen der begehrtesten europäischen Trainer“. Der Basketball-Geschäftsführer Marko Pesic hält ihn für „die ideale Besetzung“. Vor allem Pesic hat sicher nicht vergessen, was Trinchieri früher über seinen Verein gesagt hat. Er hat sich dann aber vermutlich schnell daran erinnert, wie dieser seinen Verein auf dem Spielfeld vorgeführt hat.

          Als Trinchieri im Sommer 2014 das erste Mal in die Basketball-Bundesliga (BBL) wechselte, drohten sich die Machtverhältnisse dauerhaft zu verschieben. Die Bayern, seit 2011 in der ersten Liga, hatten gerade die Meisterschaft gewonnen. So geht das weiter, dachten viele. In den nächsten drei Jahren scheiterten die Bayern in den Play-offs aber immer an einem Trainer: Trinchieri. In Bamberg führte dieser eine Mannschaft an, die so schön spielte wie wohl keine in der Bundesliga zuvor. Seine Spieler – bezahlt mit Brose-Millionen – stellten viele Blöcke, spielten viele Pässe, warfen viele Dreier. Sie besiegten die Bayern in den Play-offs zum Teil mit mehr als 30 Punkten Vorsprung. In der Bundesliga schnappten sie sich in den ersten drei Trinchieri-Jahren dreimal den Titel, in der Euroleague verpassten sie die Play-offs nur knapp. Dann fiel das Imperium auseinander.

          Im Februar 2018 entließen die Bamberger Trinchieri, der seit Monaten so fordernd und überheblich aufgetreten war, dass sich manche im Klub fragten, auf welchem fernen Planeten er eigentlich lebt. Den großen Streit gab es aber schon ein Jahr früher: Damals zankten sich Trinchieri und der italienische Sportdirektor Daniele Baiesi so sehr, dass einer gehen musste. Es traf Baiesi, den schlauen Kaderplaner. Er wechselte im Sommer 2017 zum FC Bayern. Und hier wird’s kompliziert.

          Er trifft auf den Sportdirektor, mit dem er sich einst zerstritt

          Es ist nicht sicher, ob und wann Trinchieri und Baiesi sich versöhnt haben. In der Pressemitteilung der Bayern kommt der Sportdirektor jedenfalls nicht zu Wort. Aus München heißt es, dass Baiesi aber erkannt hat, was seinem Verein in den vergangenen Jahren fehlte: ein außergewöhnlicher Trainer. An diesem Anspruch scheiterten in den vergangen Jahren Aleksandar Djordević, Dejan Radonjić und zuletzt auch Oliver Kostić. Sie holten so manchen Titel, aber nie das Beste aus ihren Mannschaften heraus. In Bamberg erlebte Baiesi aus der ersten Reihe, wie Trinchieri seine Spieler jeden Tag verbesserte, bis sie zu gut für die Liga waren. Sie wechselten in die NBA (Wanamaker, Miller, Melli, Theis) oder zu den Eliteklubs der Euroleague (Causeur, Strelnieks). Und in München?

          Dort fürchten sie sich vor dem Stillstand. Es gibt zu viele Spieler, die nicht zeigten, was ihr Talent versprach. In der Meisterschaft schieden sie neulich im Viertelfinale aus. In der Euroleague waren vor dem Saisonabbruch Vorletzter. Die Bayern wollen im besten europäischen Klubwettbewerb um die Playoffs spielen, wenn sie in zwei Jahren in die neue Halle im Olympiapark einziehen. Oliver Kostić, dessen Zukunft im Verein noch offen ist, trauten sie das nicht zu – und nutzen die Gelegenheit, die sich nun ergab: Sie konnten Trinchieri sofort verpflichten, weil dessen Vertrag mit Partizan Belgrad eine Ausstiegsklausel vorsah. „Das ist“, sagt Trinchieri, „die perfekte Herausforderung.“

          Es gibt aber ein Detail, das stutzig macht: Diese Herausforderung ist vertraglich vorerst nur für die kommende Saison vereinbart. Vielleicht um zu sehen, wie Trinchieri sich mit Baiesi verträgt. Vielleicht um zu sehen, ob er sich in dem Verein ein- und manchmal auch unterordnen kann. Im Prinzip widerspricht der Ein-Jahres-Deal aber dem, was sich die Bayern von Trinchieri erhoffen. Der schlagfertige Italiener, der auch fließend Englisch, Serbisch und Kroatisch spricht, soll mit seiner Strahlkraft, seiner Leidenschaft und seinem Talent als Trainer eine Mannschaft aufbauen, die erfüllt, was sie sich in München für die Bundesliga und die Euroleague in den nächsten Jahren wünschen: eine Ära des Erfolgs.

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