https://www.faz.net/-gtl-a266w

Schwierige Lage im Basketball : „Eine Corona-Klausel ist in Europa nicht durchsetzbar“

Soll bald wieder losgehen: die Basketball-Bundesliga, hier ein Spiel zwischen Bayern München und ratiopharm Ulm im Juni Bild: dpa

Thomas Stoll, Geschäftsführer des Basketballklubs ratiopharm Ulm, spricht im F.A.Z.-Interview über den Kampf um gute, ehrgeizige und billige Spieler und die Probleme vor dem geplanten Ligastart.

          5 Min.

          Im Oktober soll die neue Basketball-Saison mit dem Pokalwettbewerb losgehen. Werden Sie bereit sein, oder warten Sie noch ab bei den Spielerverpflichtungen?

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Wir gehen davon aus, am 30. September unser erstes Spiel zu haben. Wir haben vier Amerikaner neu verpflichtet: John Petrucelli und Trey Landers, Troy Caupain und Isaiah Wilkins. Wir haben uns dafür Zeit gelassen. Im Markt ist nicht angekommen, was derzeit finanziell passiert. Wir suchen Leute, die zu uns passen, die international spielen wollen und dafür bereit sind, auf Geld zu verzichten. Je länger man wartet, desto mehr steigt die Bereitschaft dazu.

          Was bedeutet, die Situation sei im Markt nicht angekommen?

          Wir haben eine weltweite Finanzkrise. Wir wissen nicht, ob wir Zuschauer in die Halle lassen dürfen. Das ist bei uns, da wir jeden Spieltag mit sechstausend Besuchern ausverkauft waren, ein sehr, sehr großer Anteil am Budget. Den können wir nicht einplanen. Da fragt man sich, wie es sein kann, dass viele Spieler in Spanien, in Frankreich und in der Türkei unterschreiben. Die Etats dort müssten genauso sinken wie unsere, aber das sehen wir nicht.

          Haben Sie eine Erklärung dafür?

          Ich nehme an, dass einem Team, das eher Mäzen-finanziert ist, die Wirtschaftslage egal sein kann. Wenn jemand zu seinem Privatvergnügen das Team in Mailand unterstützt...

          ...Sie meinen Giorgio Armani.

          Er kann mit seinem Geld machen, was er will. Er kann es sogar verschenken. Bei uns gibt es das nicht. Wir arbeiten jeden Tag daran, unsere Partner und Sponsoren glücklich zu machen, damit sie uns Geld geben. Und wir arbeiten daran, dass wir vor Zuschauern spielen dürfen. Funktioniert das nicht, fehlt uns Geld.

          Herrscht in Deutschland Chancengleichheit?

          Hier in Bayern dürfte ich hundert Personen in die Halle lassen. Ginge ich über die Donau nach Baden-Württemberg, wären es fünfhundert bis tausend. Das ist schwer verständlich. Wenn Thüringen fünftausend Zuschauer erlaubt und Bayern hundert, macht das bei zwanzig Heimspielen und 20 Euro Eintritt einen Unterschied von fast zwei Millionen Euro. Das sind Welten. Deshalb wundere ich mich, dass Marco Baldi sagt, Alba Berlin werde in der kommenden Saison den gleichen Etat wie im Vorjahr haben. Sie müssen einen sehr, sehr guten Job gemacht haben bei den Sponsoren, indem sie ihre Zuschauereinnahmen ausgeglichen haben.

          Alles im Griff: Thomas Stoll
          Alles im Griff: Thomas Stoll : Bild: Picture-Alliance

          Bei wem sieht es noch gut aus?

          Einige Vereine machen einen richtig guten Job; man sieht, dass sie investieren können. Dazu gehört Oldenburg. Auch Ludwigsburg hat hochkarätige Namen verpflichtet. Andere müssen, wie wir, wesentlich konservativer wirtschaften: Gießen, Bayreuth, Crailsheim. Dort muss der Gürtel enger geschnallt werden.

          Wie erleben Sie Bamberg und Bayern München?

          Bamberg hat ordentlich Spieler verpflichtet, den Sportdirektor entlassen und stellt Spieler wie Taylor und Weidemann frei. Ich glaube, denen geht es nicht wirklich schlecht. Die Bayern haben Bartels, Lo und Amerikaner, wichtige Spieler, verloren und inzwischen fünf Neue verpflichtet. Aber sie werden die Herausforderung annehmen und Alba Paroli bieten; da werden die Kracher noch kommen.

          Wer trägt das Risiko, wenn Sie doch nicht spielen können, vielleicht für Monate? Die Spieler oder der Verein?

          Die BBL (Basketball.Bundesliga/d. Red.) schlägt vor, dass wir in der ersten und zweiten Liga Verträge mit Corona-Klausel schließen. Der Vertrag tritt erst in Kraft, sobald man sicher weiß, dass die Saison losgeht. Ich kann ja mal zu einem Agenten gehen und ihm vorschlagen, dass sein Spieler bei Spielen ohne Zuschauer zwanzig Prozent weniger Geld bekommt und er bei Verschiebung des Saisonbeginns um vier Wochen in dieser Zeit auf sein Gehalt verzichtet. Es wird Spieler geben, die dies akzeptieren. Aber ich bin im Wettbewerb mit Europa und kriege solche Forderungen am Markt nicht durchgesetzt. Schon vor Wochen sind Spieler aus Deutschland nach Frankreich gewechselt für garantierte Beträge, unabhängig vom Publikum, wie sie hier nicht darstellbar sind.

          Sind bei Ihnen noch Streitfragen mit Spielern offen?

          Weitere Themen

          Riskantes Spiel in der Pandemie

          Löwen Frankfurt : Riskantes Spiel in der Pandemie

          Auch in Deutschland hat Corona gravierende Auswirkung auf das Eishockey. Die Löwen Frankfurt werden unter der Zuschauer-Reduzierung am meisten leiden. Doch besser so, als gar nicht aufs Eis zu gehen.

          Ohne Körperkontakt

          Volleyball-Bundesliga : Ohne Körperkontakt

          Zwei Kreuzbandrisse schwächen das Team. Und auch sonst wird die neue Saison eine große Herausforderung für den VC Wiesbaden: Zuschauer und Hauptsponsor fehlen, nicht aber die Zuversicht.

          Topmeldungen

          Gymnasium Essen Nord-Ost: Viele deutsche Schüler müssen derzeit in Isolation.

          Zeitungsbericht : 50.000 Schüler in Corona-Quarantäne

          Die Anzahl an Schülern in Isolation wird sich laut Lehrerverband allein in den nächsten drei Monaten mindestens verdreifachen. Das wird auch Folgen für die Eindämmung der Pandemie haben.
          Besucherinnen bei der Kampagnenveranstaltung Donald Trumps Mitte September in Phoenix.

          Wahlkampf in Amerika : Mein Latino, dein Latino

          Amerikas Demokraten haben im Wahlkampf Arizona, einst eine republikanische Bastion, im Visier. Der demographische Wandel ist auf ihrer Seite. Doch Donald Trump hält dagegen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.