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Basketball-Talent Wagner : Einer wie Nowitzki?

  • -Aktualisiert am

Moritz Wagner (rechts) spielte sich beim beim amerikanischen College-Finalturnier in den Fokus. Bild: AFP

Moritz Wagner verliert das Finale, steigt beim „March Madness“-Turnier des College-Basketballs aber zum Leistungsträger und Publikumsliebling auf. Kann er nun in die Fußstapfen von Dirk Nowitzki in der NBA treten?

          Genau genommen hätten sie gar nicht in San Antonio sein dürfen. Denn bereits in der zweiten Runde brauchten die Vertreter der University of Michigan drei Punkte und einen Glückstreffer aus der Distanz von einem ihrer jüngsten Spieler, um sich in der allerletzten Sekunde in die nächste Runde zu retten. Auch das Halbfinale gewann man erst nach einer enormen Kraftanstrengung. Trotzdem waren die Hoffnungen vor der Finalbegegnung am Montag im ausverkauften Aladome vor 67.000 Zuschauern enorm. Aber nach einem frühen Strohfeuer, in dem Moritz Wagner so gut wie alles gelang, ging der Mannschaft erst die Puste aus und dann auch die Konzentration. Obwohl man nur als Außenseiter in das Spiel gegangen war, blieb allerdings hauptsächlich ein Gefühl hängen: Enttäuschung.

          Wagner gab mit hängenden Schultern in der Pressekonferenz nach der deutlichen 62:79-Niederlage gegen Villanova zu: „Man muss das wirklich anerkennen. Sie haben wirklich eine großartige Defensive. Wenn sie so spielen wie heute, ist es schwer, sie zu schlagen.“ Angesichts solcher Realitäten hätte dieser Augenblick für einen hochtalentierten 21 Jahre alten Basketballer wie Wagner denn auch der Anlass gewesen sein können, sich mit seiner Zukunft zu beschäftigen und die herbe Erfahrung einfach an sich abperlen zu lassen.

          Aber Michigans Nummer 13 war in Gedanken im Hier und Jetzt verfangen und schob alle Fragen nach seinen Plänen weg. „Das hat heute Abend nichts mit dem nächsten Jahr zu tun, sondern nur mit Duncan, Muhammad und Jaaron“, sagte er Reportern mit Hinweis auf die drei Kommilitonen, für die mit dem Auftritt in Texas die College-Karriere zu Ende ging. Die enge Freundschaft der Spieler untereinander sei etwas ganz besonderes, fügte er hinzu.

          Sein Kurswert bei Scouts ist so hoch wie nie

          Der 2,11 Meter große Berliner, vom Typ und seinen Vollstrecker-Qualitäten her durchaus mit einem Spieler wie Dirk Nowitzki zu vergleichen, muss sich allerdings demnächst entscheiden. Im Juni steht die Nachwuchs-Draft an. Und sein Kurswert bei Scouts und Trainern in der NBA ist so hoch wie noch nie. Dafür sorgte er während des „March-Madness“-Turniers nicht nur mit einer konstant guten Leistung – mit selbstbewussten Korbwürfen und Rebounds und seiner Fähigkeit, sich mit seinem Blick fürs Spiel wirkungsvoll freizulaufen. Er avancierte vor Millionen von Fernsehzuschauern zum Publikumsliebling, der nach dem Überraschungserfolg in letzter Sekunde gegen Houston einen weinenden Gegner in den Arm nahm und tröstete. Der mit enormem Einsatz jedem Ball hinterherrannte und dabei nicht mal vor dem Tisch der Fernsehreporter halt machte und über sie hinweg stolperte. Und der einen unbewussten Sinn für medienwirksame Theatralik zu haben scheint. Besonders auffällig: die Angewohnheit nach Art eines Michael Jordan, nach starken Szenen seine lange Zunge aus dem Mund baumeln zu lassen.

          Wohin die Reise im Idealfall geht, ist klar. Schon vor einem Jahr hatte Wagner sein Interesse an einer Profikarriere durchblicken lassen, sich aber nach der sogenannten „Combine“, einer Leistungsschau zahlreicher Aspiranten vor Vertretern der 30 NBA-Klubs, wieder auf den College-Sport besonnen. Auch diesmal verfügt er über eine solche Option. Der Absolvent des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums im Stadtteil Pankow, der sportlich bei Alba Berlin groß geworden war, könnte weiterstudieren und im kommenden Frühjahr plangerecht seinen Abschluss machen. Taktisch geschickt wäre das allerdings nicht. Denn niemand vermag zu sagen, ob er noch einmal eine derartig auffällige Saison zustande bringt, und ob Michigan mit einer neuformierten Mannschaft das gewisse Etwas haben wird, um so weit zu kommen wie in dieser Saison.

          Moritz Wagner (dunkles Trikot) beim Endspiel gegen Villanova.

          Viel wird für Wagner davon abhängen, welche Signale interessierte NBA-Klubs in den nächsten Wochen senden, ob man ihm eine Weiterentwicklung zur Spitzenkraft auf höchstem Niveau zutraut oder eine eher skeptische Prognose stellt. Nicht alle sehen das Potential. „Wagner bringt für einen 2,11-Meter-Collegespieler außerordentlich viel mit“, lautete etwa das barsche Urteil am Montag auf der viel gelesenen Internet-Plattform „Yahoo!-Sports“, „aber er ist kein NBA-Athlet.“ Gegen die besten Spieler in der Welt würde er sich schwer tun. Die Vorhersage: „Wahrscheinlich wird ihn niemand in der ersten Runde verpflichten und vermutlich wird er gar nicht gedraftet werden.“ Solche Spekulationen gehören zu den Nebengeräuschen eines für den amerikanischen Mannschaftssport typischen Auswahlverfahrens, bei dem eine ganze Reihe von Überlegungen in die Entscheidungen von Teamverantwortlichen einfließen. Nicht zuletzt der Gedanke, welche Sorte von Basketballer in einem Kader mit seinen fünfzehn Planstellen für die unterschiedlichsten Spielertypen gerade fehlt.

          Auch für solch ungeschliffene Diamanten wie Nowitzki oder den Braunschweiger Dennis Schröder interessierten sich vor der Draft nur eine beschränkte Zahl an Trainern. Dass sie aber auch ohne die Empfehlung einer profilierten College-Vita den Spähern aufgefallen waren, zeigt allerdings, wenn es um die Talentsichtung europäischer Basketballer geht, wie groß der Radarschirm in der NBA inzwischen ist. Auf diese Weise schafften es mit Paul Zipser, Daniel Theis und Maxi Kleber drei weitere Deutsche in die beste Liga der Welt. Keiner von ihnen musste sich über ein Uni-Stipendium profilieren.

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