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Basketball-Playoffs : Was für ein Schauspiel!

Die Berliner Basketballer Bogdan Radosavljevic (rechts) und Niels Giffey (links) kämpfen um den Ball im Viertelfinale gegen Oldenburg. Bild: Imago

Vor dem zweiten Halbfinal-Duell zwischen Alba Berlin und den MHP Riesen Ludwigsburg ist eine heftige Kontroverse um „Schwalben“ im Spiel entbrannt. Die Vorwürfe wiegen schwer, doch sind sie auch gerechtfertigt?

          Der am meisten gefoulte Spieler zu sein ist eine zwiespältige Auszeichnung. Bogdan Radosavljevic, der 2,13 Meter lange Center von Alba Berlin, kühlt schmerzende Stellen mit einem Eisbeutel. Und ist dennoch fröhlich. „Sollen sie weiter foulen“, sagte er. „Ich schieße gern die Freiwürfe.“ Sie, das sind die MHP Riesen Ludwigsburg, bei denen an diesem Donnerstag (20.00 Uhr bei Sport1) Spiel zwei der Halbfinal-Serie ansteht. Sieben „FD“ standen für den jungen Basketball-Profi Radosavljevic nach dem ersten Spiel der Serie am Montag zu Buche; aus diesen sieben gezogenen Fouls resultierten elf Freiwürfe. Radosavljevic machte acht Punkte draus, die Hälfte seines Beitrages von 16 zum 102:87 von Alba über Ludwigsburg.

          Michael Reinsch

          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Das wäre als Lohn für Ellbogenstöße, Schläge und Rempler nicht der Rede wert, hätte nicht John Patrick, der Trainer der Ludwigsburger, einen ungeheuerlichen Vorwurf erhoben. Er wirft den Berlinern vor, Fouls zu provozieren, Regelverstöße vorzutäuschen und dies alles zu perfektionieren. Flopping, im Fußball als Schwalbe bekannt, ist vom Regelwerk selbstverständlich verboten. Patrick sagt: „Wenn du zehnmal floppst und einmal ein technisches Foul bekommst, ist es schlau. Alba Berlin ist sehr schlau.“

          Er wisse, sagt Patrick, dass die Berliner Flopping trainierten unter ihrem neuen Trainer Aito García; in Spanien sei das üblich. Besonders ärgerlich sei, dass die Berliner genauso physisch spielten, wie es seinen Ludwigsburgern vorgeworfen werde, und noch dazu schauspielerten. Das geht den Berlinern gegen die Ehre. „So ein Schwachsinn!“, ruft Radosavljevic. „Das habe ich noch nie gehört: dass eine Mannschaft Flopping trainiert.“ Selbst die Schulterverletzung von Aufbauspieler Peyton Siva, wirft Patrick den Berlinern vor, sei Folge einer Schwalbe.

          Holzhacker-Truppe gegen neuen Jugendstil

          Der Vorwurf ist besonders schmerzhaft, da Patricks Mannschaften als Holzhacker-Truppen bekannt sind. Im Wikipedia-Eintrag über den Trainer wird dessen aggressiver und von hohem Foul-Risiko bestimmter Stil beschrieben und mit dessen Wort von der „full court 40 minutes hell“ belegt, der Methode, dem Gegner auf dem gesamten Feld ununterbrochen die Hölle zu bereiten. Patrick behauptet, das sei Vergangenheit, „fake news“. Längst spiele er anders. Alba Berlin dagegen berauscht sich an einem neuen Jugendstil. Mit dem jüngsten Team der Liga hat der 71 Jahre alte spanische Trainer Aito in der Hauptrunde Platz zwei erreicht. Sie hat nicht nur gute Aussichten auf die Meisterschaft, sondern spielt noch dazu schön.

          Bestätigt das krasse Missverhältnis von 34:16 Freiwürfen für die Berliner den Vorwurf vom Ludwigsburger Rumpel- und Rempel-Basketball? Oder spricht es für eine Berliner Schauspielschule? „Ich halte John Patrick eigentlich für intelligent“, beginnt Alba-Manager Marco Baldi seine Replik: „Ich glaube, er hat sich vergaloppiert. Sein Platzverweis ist selbsterklärend.“ Wegen zweier Unbeherrschtheiten warfen die Schiedsrichter Patrick im zweiten Viertel aus der Halle. Obwohl Fouls zum taktischen Repertoire gehören, verzichten die Berliner bei ihrem Tempo-Spiel weitgehend darauf. Die bei knappem Spielstand übliche Taktik, den Gegner mit Fouls zu Freiwürfen zu zwingen und dafür in Ballbesitz zu kommen, wird in Berlin nicht praktiziert. Alba hält sich zugute, über die beste Verteidigung der Liga zu verfügen – und so selten wie kein anderes Team zu foulen: im Schnitt 18,8 Mal pro Spiel.

          Die Ludwigsburger liegen mit 22,6 auf Platz vier von achtzehn. Umgekehrt gehört auch das passive Foul zum Basketball. „Ein Aspekt meines Spiels ist Schnelligkeit und dass ich die Gegner zwinge, mich mit Fouls zu stoppen“, sagt der Berliner Joshiko Saibou. Vier Freiwürfe bekam er dafür, dass er fünfmal gefoult wurde im Spiel gegen die Ludwigsburger; insgesamt kam er auf 15 Punkte. Seine Reaktion: „Selbstverständlich trainieren wir Flopping nicht.“

          Wer schnell ist wie Saibou oder groß wie Radosavljevic zieht Fouls an – es ist das letzte Mittel überforderter Verteidiger. Denn vier Fouls pro Viertel sind straflos, erst dann gibt es Freiwürfe. Spieler werden erst nach fünf persönlichen Fouls des Feldes verwiesen. Den besten Teams der Liga – Brose Bamberg, FC Bayern München und Alba Berlin – werden deshalb übers Jahr die meisten Freiwürfe zugesprochen. Ihnen folgen in der Statistik die Ludwigsburger – ein Kompliment für das Team. Johannes Thiemann, Jacob Wiley und Dwayne Evans gehören zu den meistgefoulten Spielern der Liga. Nur Evans ist zurzeit fit. Zum Vergleich: Marius Grigonis ist mit im Schnitt 3,5 Freiwürfen der meistgefoulte Berliner – siebzehn Freiwürfe hinter den Ludwigsburgern.

          Er sei an die Öffentlichkeit gegangen, sagt Patrick, weil Baldi seinem Team nicht nur übertriebene Härte vorwerfe, sondern obendrein die Schiedsrichter manipuliere. „Wir haben es auf Video“, behauptet er: „Baldi sitzt an der Stirnseite, er sagt etwas, er springt raus, und die Schiedsrichter pfeifen.“ Wenn es denn so einfach wäre. Himar Ojeda, der Sportdirektor von Alba, nennt die Vorwürfe lächerlich. In ihrer Organisation sei die Bundesliga vorbildlich. Im Spiel aber sei noch viel zu verbessern. „Verteidigung heißt in Deutschland: das Spiel zu zerstören. Das ändert Coach Aito gerade mit seinem Stil“, sagt Ojeda. „Die BBL spielt generell zu physisch, zu dreckig.“ Vielleicht nicht nur auf dem Court.

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