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Basketball : Nowitzkis Werkzeugkasten füllt sich wieder

  • -Aktualisiert am

Angriff ist auch für Nowitzki die beste Verteidigung Bild: dpa/dpaweb

Sein Mentor Geschwindner gibt bei dem deutschen Basketballstar nach wie vor den Rhythmus an. Dennoch reichte es für den NBA-Profi und seine Nationalmannschaftskollegen nur zum zweiten Platz beim Supercup.

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          Dirk Nowitzki trifft nicht gegen Georgien, jedenfalls nicht mit gewohnter Sicherheit. In der Halbzeit des Supercup-Spiels steht Holger Geschwindner von seinem Platz auf der Tribüne hinter der Spielerbank auf, hebt beide Hände und gibt Signal. Ein Fingerzeig für den Superstar des deutschen Basketballs? "Er müßte den Ellenbogen mehr strecken", sagt sein Individualtrainer. "Aber das weiß er schon selbst, das wird er schaffen."

          Anno Hecker
          Verantwortlicher Redakteur für Sport.

          Er hat es nicht geschafft am Samstag in Braunschweig. Seine Weltklasse blitzte hin und wieder auf. Aber was sind 15 Punkte gegen einen zweitklassigen Gegner, selbst wenn Nowitzki sich nicht verausgabte? "Er muß sich noch eingewöhnen", sagt Geschwindner, "noch etwas aufholen." Was aber kann einer der besten fünf Spieler der nordamerikanischen Profiliga noch aufholen? Nowitzki ist 27 Jahre alt, hat sieben NBA-Saisons hinter sich, den harten Aufstieg vom begabten deutschen Import zur millionenschweren Hauptfigur bei den Dallas Mavericks.

          „Er hat es ein bißchen übertrieben“

          "Beim Sprungwurf schleichen sich immer wieder kleinere Fehler ein, die ich allein nicht so gut verbessern kann", sagte Nowitzki Mitte August. Damals hatte er keinen Kontakt zu Geschwindner. Der frühere Nationalspieler saß wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung in Untersuchungshaft. Fünf Wochen, in denen sein überragender Schüler in der Luft zu hängen schien. Der Kopf war nicht frei für die Konzentration auf die Europameisterschaft Mitte September in Serben und Montenegro. "Das Training", erklärte Nowitzki, " fällt mir schwer." Erstmals seit zehn Jahren allein auf sich gestellt, übernahm er sich: "Er hat es ein bißchen übertrieben, Muskelkater bekommen", berichtete Geschwindner. Geht es also nicht ohne ihn, den Mentor, den entscheidenden Förderer, den Coach, Pressechef und Manager eines Profis im besten Sportleralter, eines Spielers, der in der weltweit besten Liga eine ganze Mannschaft so hochbegabter wie wahrscheinlich schwieriger Typen zum Triumph führen soll?

          Es gibt wohl kaum einen Teamsportler, der eine so enge Beziehung zu einem Heimtrainer pflegt. Nach einer NBA-Saison kehrt Nowitzki regelmäßig in seine Heimat in der Nähe von Würzburg zurück, um sich über den Sommer den nächsten Schliff zu holen. Jedes Jahr ist er daraufhin noch besser geworden. "Ich habe ihn nicht zum Spezialisten ausgebildet", erklärt Geschwindner, "sein Repertoire ist sehr breit angelegt. Er ist noch lange nicht fertig." Im Sommerprogramm, gebremst durch die Zwangstrennung, sollte Nowitzki den Hookshoot wie ein Spezialist einzusetzen lernen. Der Hakenwurf ist nicht zu verhindern gegen einen 2,13 Meter langen Angreifer. Gleichzeitig wollte Geschwindner die Beinarbeit des Oberfranken verbessern. "Sicher ist es die Aufgabe eines Trainers, sich überflüssig zu machen. Aber wir reden hier von Weltniveau. Da kommen immer wieder Situationen auf ihn zu, die er noch nicht kennt."

          Erfolg wirft Fragen auf

          Das könnte auch eine Schutzbehauptung sein, um die Nähe zum Ziehsohn zu erhalten. Aber der Erfolg dieses Gespanns wirft auch die Frage auf, ob sich die Profikollegen im Basketball, Handball oder Fußball zu früh mit ihrem Niveau zufrieden geben: "Dirks Werkzeugkasten ist noch nicht gefüllt mit allem, was er haben könnte."

          Den Hakenwurf lernt man nicht nur bei Geschwindner. Aber das in zehn Jahren gewachsene Vertrauen Nowitzkis in seinen Wegbereiter kann wohl niemand ersetzen. Geschwindner hat nicht nur die Winkelstellungen beim komplizierten Sprungwurf ausgerechnet, er hat mit dem Schüler Nowitzki Mathe gepaukt, er hat mit ihm Schach gespielt, wenn es im Training nicht so lief, ihn für das Lesen interessiert. "Dirk sollte sich als freier Mensch fühlen, der selbst entscheiden kann, auf nichts verzichten muß. Er muß immer das Gefühl haben, daß Basketball ihm Spaß macht. Viele gehen doch aufs Parkett wie andere zur Arbeit."

          Ingenieur ohne Trainerschein

          Beschwingt verließen einige Trainerkandidaten für die B-Lizenz am Samstag Braunschweig. Geschwindner, der Ingenieur ohne Trainerschein, hatte ihnen gezeigt, wie man Anfänger tänzerisch ins Spiel bringt: Korbleger mit Musik. "Jazz und Basketball sind etwa zur gleichen Zeit entstanden", sagt der Musikfreund: "Es gibt Momente, da können Worte nichts mehr reparieren, aber Musik." Und hat Basketball, haben die Sprungwürfe und Täuschungen nicht viel mit Rhythmus zu tun? Nowitzki spielte Saxophon, rannte auf Anregung Geschwindners in Mozarts Figaro und kam hinterher pfeifend wieder heraus.

          "Die Jungs müssen doch ihr Grundwissen erweitern, während der vielen Flüge (in Amerika) lesen statt blöd herumzusitzen", sagt Geschwindner. In der "Braunschweiger Zeitung" deutete Nowitzkis Schwester Silke zwar an, künftig Managementaufgaben zu übernehmen. Aber der Privatcoach wird die entscheidende Bezugsperson bleiben. "Ich komme ja nur, wenn er mich braucht, ich bin der Durchlauferhitzer." Ein schneller. Am Sonntag beim Finale um den Supercup verlor das ersatzgeschwächte deutsche Team wegen einiger Ballverluste in der Schlußphase gegen Griechenland, dem ersten harten EM-Test, 57:66. Aber Nowitzki traf wieder, mit traumhafter Sicherheit, mit eleganten Dreipunkte-Würfen. Er machte 30 Punkte.

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