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Basketball : Krönung für Karl-Heinz und Co.

Euro-League-Sieger Olympiakos Piräus: „Wir Griechen können Wunder bewirken“ Bild: REUTERS

Olympiakos Piräus bleibt die Nummer eins im europäischen Basketball. In London verteidigt der Klub im Endspiel gegen Real Madrid seinen Titel in der Euro-League. Für einige „ein Märchen“.

          3 Min.

          Hilfe, wir sind Favorit! So muss man sich wohl die Haltung und die Saison von Olympiakos Piräus vorstellen, dem alten und neuen Meister der Euro-League, der ersten Klasse des Basketballs auf dem Kontinent. Jedenfalls schien die stärkste Mannschaft Europas so am Sonntag in der „o2 World“ von London vor 15.000 Zuschauern ihren Titel zu verteidigen. Nach dem ersten Viertel im Endspiel gegen Real Madrid lag sie 10:27 zurück.

          Michael Reinsch
          Korrespondent für Sport in Berlin.

          Was anderen Teams jede Hoffnung geraubt hätte, schien das Team um Vassilis Spanoulis aus einer Erstarrung zu befreien. In den weiteren dreißig Spielminuten machten die Griechen aus siebzehn Punkten Rückstand zwölf Punkte Vorsprung und siegten 100:88 - ein Triumph. Spanoulis war mit 22 Punkten der erfolgreichste Werfer der Partie; fünf Distanz- und sieben Freiwürfe traf er, allesamt in der zweiten Hälfte.

          Er habe es schwer gehabt in den vergangenen Jahren, klagte Spanoulis. Die gegnerische Verteidigung habe sich immer mit zwei, drei Spielern auf ihn konzentriert. Für alle außer ihm ist das keine Überraschung. Spanoulis machte sich der Basketball-Welt spätestens bekannt, als er 2005 mit Panathinaikos Athen das Endturnier der Euro-League erreichte und mit der griechischen Nationalmannschaft Europameister wurde. Im Jahr darauf spielte er für die Houston Rockets in der NBA und wurde mit Griechenland Zweiter der WM. Olympiakos ließ es sich angeblich rund dreizehn Millionen Euro kosten, Spanoulis für die vergangenen drei Spielzeiten zu verpflichten.

          Aus Kyle Hines wurde Karl-Heinz

          Siebzehn Punkte Rückstand, „das war nichts Neues für uns“, sagte Center Kyle Hines. „Vor einem Jahr lagen wir gegen ZSKA Moskau neunzehn Punkte hinten.“ In Istanbul entschied damals ein Wurf in letzter Sekunde. Diesmal überrollte, einmal in Schwung, Olympiakos seine Gegner geradezu.

          Vassilis Spanoulis: mit 22 Punkten der erfolgreichste Werfer der Partie
          Vassilis Spanoulis: mit 22 Punkten der erfolgreichste Werfer der Partie : Bild: AP

          Im Halbfinale besiegte der Champion den Krösus Moskau 69:52. „Ein großer Teil unseres Erfolges gehört Kyle Hines“, lobte Trainer Georgios Bartzokas. „Er steht für das, was wir wollen, er drückt die Philosophie unseres Teams aus.“

          Hines ist ein Underdog, wie Olympiakos einer sein möchte. Überragend in der College-Liga, ignorierten ihn die Scouts der NBA, weil er mit 1,96 Meter zu klein für die Position unterm Korb erscheint, die er besetzt. Deshalb musste Hines zwei Spielzeiten lang in der zweiten Liga Italiens Bälle ergattern und punkten, bis Bamberg ihn entdeckte und in die Bundesliga holte. Zwei Jahre ist es her, dass der als „Karl-Heinz“ eingedeutschte Amerikaner mit den Franken Meisterschaft, Pokal und die Herzen der Fans gewann. Und schon verpflichtete ihn Olympiakos.

          Center Kyle Hines am Ball: ein Underdog, wie Olympiakos einer sein möchte
          Center Kyle Hines am Ball: ein Underdog, wie Olympiakos einer sein möchte : Bild: AFP

          „Ein Märchen“, schwärmte Hines, nachdem er im Halbfinale im Ringen mit Nenad Krstic (2,13 Meter) und Sascha Kaun (2,11) 13 Punkte erzielt und zehn Rebounds geschnappt hatte, so viele wie keiner sonst. „Und es geht immer weiter.“ Im Finale bekamen Real-Center Mirza Begic (2,16) und Flügelspieler Nikola Mirotic (2,08) Hines‘ zupackende Art zu spüren, wenn er vor ihnen am Ball war, wenn er zum Block aufstieg, wenn er ihnen wie ein Fels im Weg stand und zwölf Punkte sowie fünf Rebounds holte. „Wir haben alle hart gearbeitet“ erwiderte Hines nüchtern, als griechische Reporter ihn auf die göttliche Intervention ansprachen, die das Spiel angeblich wendete.

          „Wir Griechen können Wunder wirken“

          „Gott ist mit den Tüchtigen“, urteilte Bartzokas. Gern erinnerte er daran, dass sein Team Außenseiter war, als es im vergangenen Jahr den Titel gewann. Der Erfolg ging auf das Konto des serbischen Meistertrainers Dusan Ivkovic. Als er Anfang der Saison übernahm, klagte Bartzokas, habe man von der Mannschaft Siege am laufenden Band erwartet. Nicht nur für die Spieler, auch für ihn war das schwierig - war doch auch er ein Underdog.

          Nur eine Woche, bevor Olympiakos ihm die Chance bot, als erster griechischer Trainer die Euro-League zu gewinnen (beim neunten Sieg einer griechischen Mannschaft), hatte Braunschweig seine Bewerbung abgegeben. Statt in der Bundesliga gegen den Abstieg zu kämpfen, musste der schlaksige Analytiker mit dem Titelverteidiger in die Euro-League - und immer wieder hören und lesen, dass er nicht der Richtige sei für den Job.

          Meistertrainer Georgios Bartzokas: Nicht der Richtige für den Job
          Meistertrainer Georgios Bartzokas: Nicht der Richtige für den Job : Bild: AP

          „Wir Griechen können Wunder wirken, wenn wir zusammenhalten“, sagte Bartzokas nun, und es klang, als spreche er nicht nur über Basketball. „Wir zerstören uns, wenn wir es nicht tun.“ Doch nicht einmal im Sport ist Zusammenhalt eine Selbstverständlichkeit. Schon wird über eine zweite Chance für den dreißig Jahre alten Spanoulis in Amerika spekuliert, und auch der vier Jahre jüngere Hines könnte endlich auf dem Radar von NBA-Klubs aufgetaucht sein. Beide sagen dazu das Gleiche: dass sie an nichts anderes denken als daran, mit ihrer Mannschaft nun auch noch die griechische Meisterschaft zu verteidigen.

          Fluchtpunkt der Euro-League wird auch in den beiden kommenden Jahren London sein. Die Olympiastadt von 2012 akquiriert fleißig Sportveranstaltungen, und die Liga würde nur allzu gern nach Großbritannien expandieren. Doch noch bleibt die Basketball-Begeisterung der Fans aus Griechenland, Spanien und Russland ohne große Resonanz in London; die Zeitungen der Stadt interessierten sich am Wochenende deutlich mehr fürs Fußball-Pokalfinale und den langen Abschied von Alex Ferguson von Manchester United. Immerhin: Qualifizierte sich Olympiakos wieder fürs Finale, hier dürfte sie endlich wieder Außenseiter sein.

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