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Basketball-Kolumne : „Nice shot, Dirk“, so war es früher

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Egal, wie viele Gegner Nowitzki blockten: „Wir passten den Ball zum Spieler mit der Nummer 14 und gingen aus dem Weg“ Bild: AFP

Johannes Herber, ehemaliger Nationalspieler und Buchautor, schreibt als Kolumnist über die Basketball-EM. Das Erfolgsrezept zu seiner Zeit war einfach: Ball zu Nowitzki. Aber heute?

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          Und dann sitzt er da. Alex King, Power Forward der deutschen Basketballnationalmannschaft, hat im Duell mit dem französischen Aufbauspieler Tony Parker den kürzeren gezogen und ist dabei auf dem Hosenboden gelandet. Der knapp zwanzig Kilogramm leichtere Parker hatte ihn energisch aus der Bahn gerempelt und dann unbedrängt mit einem Korbleger abgeschlossen. Nun sitzt King auf dem Parkett und schüttelt den Kopf, die Straßburger Zuschauer winken erfreut mit kleinen Trikolore-Fähnchen.

          Wir sind im zweiten Viertel des Testspiels gegen Frankreich, die Franzosen führen mit neun Punkten, aber schon jetzt ist abzusehen, was passieren wird. Man sieht es an Dennis Schröders Fehlwürfen und Heiko Schaffartziks Ballverlusten, man sieht es daran, wie Dirk Nowitzki die Schiedsrichter anblafft, an den tiefen Falten auf der Stirn von Bundestrainer Chris Fleming. Beim Halbzeitstand von 19:50 aus deutscher Sicht klappe ich den Laptop zu.

          In jeder Vorbereitung auf ein großes Turnier, die ich mit dem DBB-Team absolviert habe, gab es eine Partie wie dieses Testspiel gegen Frankreich. Ein Fiasko. Eine Katastrophe. Ein Waterloo. Ein Spiel, in dem die Mannschaft völlig hilflos und überfordert ist, in dem uns der Gegner erbarmungslos an die Wand spielt. In meiner Erinnerung sind es immer die Griechen, die uns mit schnellen Dribblings und präzisen Kombinationen Knoten in die Beine zwirbeln.

          In den Halbzeitpausen versuchte unser damaliger Trainer Dirk Bauermann, irgendwie zu retten, was noch zu retten war. Er schlug sich mit der Faust aufs Herz und schrie, dass man sich so nicht präsentieren könne, vor allem nicht mit dem Adler auf der Brust. Sein Kopf wurde dabei sehr rot und seine Halsschlagader dick wie ein Fahrradschlauch. Einmal trat er mit voller Wucht gegen einen Wasserkasten. Krachen und Splittern, dann Stille. „Das“, hatte Bauermann gebrüllt und auf eine Flasche gezeigt, die langsam durch die Kabine kullerte, „das seid ihr.“ Leere, umgekippte Wasserflaschen.

          Dichter dran bei der Basketball-Europameisterschaft: Johannes Herber ist ehemaliger Basketball-Nationalspieler und Buchautor.
          Dichter dran bei der Basketball-Europameisterschaft: Johannes Herber ist ehemaliger Basketball-Nationalspieler und Buchautor. : Bild: Imago

          Danach trafen wir uns meistens auf den Hotelzimmern der Physiotherapeuten. Wir tranken Bier und redeten, tranken noch mehr Bier und schwiegen. Und spielten im nächsten Spiel um Längen besser. Es schien, als ob wir jeden Sommer unser persönliches Waterloo brauchten, um zu verstehen, wie man gegen die besten Spieler der Welt bestehen konnte.

          An diesem Samstag beginnt die EM-Vorrunde in Berlin. Selten zuvor war der Leistungsstand einer DBB-Auswahl so schwer einzuschätzen wie diesmal. Zu unterschiedlich waren die Leistungen in der Vorbereitung. Fünf Siegen folgten zwei Niederlagen, dann der Gewinn des Supercups in Hamburg, ehe man zum Abschluss dann zweimal die deutsch-französische Grenze aufgezeigt bekam.

          Es gab Phasen, in denen die Mannschaft zeigte, was sie kann - Laufwege saßen, Pässe kamen genau, auch schwierige Würfe fanden ihr Ziel. Die Guards Schröder und Schaffartzik wirbelten, Anton Gavel verteidigte bissig, und Center Tibor Pleiß räumte unter den Körben auf. Die jungen Talente Maodo Lo und Paul Zipser zeigten, warum sie auf den Listen der NBA-Scouts stehen. Dann wieder wirkte das deutsche Spiel behäbig und ideenlos, der Korb schien vernagelt. Manchmal lag das an Schröder, der den Ball zu lange hielt, manchmal auch daran, dass außer ihm niemand im deutschen Team regelmäßig seinen Gegenspieler im direkten Duell schlagen kann.

          Die sichere Lösung war früher: Ball zu Nowitzki

          Zu meiner Zeit gab es für Situationen, in denen das Zusammenspiel stockte, eine einfache und sichere Lösung: Wir passten den Ball zum Spieler mit der Nummer 14 und gingen aus dem Weg. „Nice shot, Dirk!“ Dirks bisherige Punktausbeute und seine Wurfquoten deuten allerdings nicht darauf hin, dass es dieses Jahr so wunderbar einfach sein wird. „Man muss Dirk besser ins Spiel integrieren“, war in den letzten Tagen häufig zu lesen.

          Nowitzki alleine war früher Deutschland. Heute braucht es einen Plan B
          Nowitzki alleine war früher Deutschland. Heute braucht es einen Plan B : Bild: dpa

          Vielleicht stimmt das, auch wenn Nowitzkis phantastische Vorstellungen nie das Ergebnis von ausgefeiltem Zusammenspiel waren. Seine Punkte machte er aufgrund der herausragenden Fähigkeit, sich seine Würfe gegen einen, zwei, gar drei Verteidiger selbst zu erarbeiten - und sie zu versenken. Dirk hat diese Fähigkeit nicht verloren, die Frage ist nur, ob er sie an fünf Spielen in sechs Tagen hintereinander abrufen kann. Diese EM ist das erste Turnier seit langer Zeit, in dem wir nicht wirklich wissen, was wir von ihm erwarten können - „vintage performances“ mit 30, 35 Punkten, wie er sie im Frühjahr in den NBA-Play-offs zeigt. Oder aber die letzten Auftritte eines 37-Jährigen, der 1405 NBA-Spiele in den Knochen hat.

          „Ich weiß es nicht“, hat Headcoach Chris Fleming neulich auf die Frage geantwortet, was von seiner Mannschaft bei dieser EM zu erwarten sei. Ich weiß es auch nicht. Beruhigend aber ist eines: Waterloo liegt bereits hinter uns.

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