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Basketball : Großmacht ohne Herz

Ratlos: NBA-Star Allen Iverson Bild: AP

Puerto Rico hat die Stars der NBA blamiert und sensationell mit 92:73 besiegt. Es war die höchste und insgesamt erst dritte Niederlage eines amerikanischen Basketball-Teams in der Geschichte der Olympischen Spiele.

          3 Min.

          Hinterm Rücken, durch die Beine, Pässe ohne Blickkontakt und dann der satte Klang, wenn der Ball sauber ins Netz klatscht - dem Ball wurde schwindlig, es war eine Demonstration des schönen Basketballs. Die dunklen Jungs in Blau-Rot-Weiß, das mußte es sein, das amerikanische Team, das dritte olympische seit dem "Dream Team" von 1992 - und der Gegner völlig hilflos. 28:7 Punkte allein im zweiten Viertel der Partie - hey, das mußte das neue Dream Team sein. Doch Moment, das waren ja die anderen! Das war: Puerto Rico.

          Christian Eichler

          Sportkorrespondent in München.

          Wer nach zehn Minuten Spielzeit am Sonntag abend die Helliniko-Arena betrat und nicht ganz genau hinschaute, konnte sich leicht vertun, wer nun die großen, favorisierten Amerikaner waren und wer die Außenseiter. Man mußte schon zweimal hinsehen, auch am Ende auf die Anzeigetafel, um die Tragweite der Zahlenfolge zu begreifen: Puerto Rico 92, USA 73. Das war nicht nur eine Sensation, nicht nur eine Demonstration, es war, wie die englische Zeitung "Guardian" schrieb, "der größte Schock in der Geschichte des internationalen Basketballs". Es war die dritte Niederlage für die Erfinder des Basketballs in 112 olympischen Partien (nach denen gegen die Sowjetunion 1972 und 1988). Und, nach 24 Siegen, die erste seit 1992, seit NBA-Profis und nicht mehr College-Amateure die Auswahl bilden.

          Mit stumpfen, leblosen Gesichtern saßen sie da, die Superstars Tim Duncan und Allen Iverson, der allein mit seinem Schuhvertrag mit Reebok mehr Geld verdient als das ganze Team von Puerto Rico in seiner ganzen Karriere. Die Stars der NBA - geschlagen von einem Team mit dem vierzigjährigen Center Jose Ortiz. "Sie sollten wissen, daß bei Olympia andere Regeln gelten", riet der Veteran, der seit 18 Jahren Nationalspieler ist, dem geschlagenen Favoriten: "Vor allem die Regel: Unterschätze deine Gegner nicht." Carlos Arroyo, vor zwei Jahren vom schlechtesten NBA-Team, den Denver Nuggets, ausgemustert und nun der überragende Spielmacher und mit 24 Punkten beste Schütze von Puerto Rico, sagte: "Seit wir Kinder sind, haben wir von diesem Sieg geträumt." "Wir sind eine kleine Insel mit einem großen Herzen", sagte Larry Ayuso, der wie viele Landsleute in der Bronx in New York aufwuchs. Puerto Rico ist Territorium der Vereinigten Staaten, doch seine vier Millionen Einwohner haben es mehrmals abgelehnt, 51. Bundesstaat zu werden. Viele der Bewohner gehen in amerikanische Großstädte, um sich dort mit Billigjobs durchzuschlagen. In ihren Vierteln dort und in Puerto Rico selbst war am Sonntag abend Feiertag: Die kleine Insel mit dem großen Herzen schlug eine Großmacht ohne Herz.

          Die Teamkollegen Lamar Odom und Stephon Marbury

          Das Ende der Arroganz

          Der amerikanische Sportsender ESPN zog eine vernichtende Bilanz: "Es ist nicht mehr Amerikas Spiel." Trainer Larry Brown zeigte sich "erschüttert". Der Mann, der im Sommer die Detroit Pistons zum NBA-Titel geführt hatte, hält ein Umdenken für überfällig, ein Ende der amerikanischen Arroganz. "Als das Team zum ersten Mal zusammenkam, haben wir über Respekt geredet, für den Gegner, dafür, wie gut das Spiel überall auf der Welt geworden ist, und dafür, was es bedeutet, für sein Land zu spielen." Nun aber habe sein Team ausgesehen "wie am ersten Tag". Das hieß, indirekt ausgesprochen: ohne Respekt, ohne Lernbereitschaft, ohne Nationalstolz. "Puerto Rico hat uns gezeigt, was ein Team ist."

          Der Zauber scheint Generationen zurückzuliegen. Die Jahrhundertmannschaft um Michael Jordan 1992 entfachte mit Ballkunst und Spiellust eine weltweite Leidenschaft für eine neue Art von Basketball, die die NBA zum globalen Milliardenbetrieb machte. Doch die heutigen Spieler, die mit ihren Wahnsinnsgehältern vom Unterhaltungswert ihrer Vorgänger profitieren, sind nur noch ein Abklatsch der Attitude, der spielerischen Arroganz, nicht mehr der Klasse des "Dream Teams". Dessen Arroganz wirkte genial. Die der Nachfolger wirkt dumm.

          Sport-Weltmacht droht der Super-GAU

          Auch das Publikum sah das so. Als sich die im zweiten Viertel völlig demontierten Amerikaner allmählich wieder zusammenfügten und in der Schlußphase mit physischer Wucht, ihrem einzigen Vorzug gegenüber dem Außenseiter, aufbäumten, aufplusterten, auf acht Punkte herankamen, angefeuert von mageren "USA"-Rufen, da bekam die kleine Puertoricaner-Kolonie laute Unterstützung von Tausenden Griechen, die sich für das folgende Spiel ihrer Mannschaft gegen Australien (76:54) bereits eingefunden hatten. Sie buhten die amerikanischen Rufe nieder und stimmten "Hellas, Hellas" an - Vorgeschmack darauf, was die Amerikaner an diesem Dienstag erwartet, wenn sie auf den Olympiagastgeber treffen. Eine weitere Niederlage droht und damit, wenn es weiter so dumm läuft, das Ausscheiden in der Vorrunde. Es wäre der Super-GAU einer Sport-Weltmacht.

          Natürlich gibt es Gründe: die Absagen vieler Stars wie O'Neal, Garnett, Carter, dazu das Fehlen eines guten Distanzwerfers - eine blamable Trefferquote von 34 Prozent und 21 Fehlwürfe bei 24 Dreipunktewürfen zeigten die ganze Hilflosigkeit dieser Auswahl, die ein geschäftsschädigender Betriebsunfall für das Unternehmen NBA werden könnte. Dreimal endeten die Versuche gar mit der größten Blamage für einen Werfer, einem "Airball" - ein Fehlwurf, ohne daß der Ball Brett oder Ring berührt. "Wenn wir uns nicht aufrappeln", nuschelte Dwyane Wade, der als einziger aus einem lust-, willen- und sprachlosen Team Rede und Antwort stehen mußte, "dann sind wir keine wahren Olympier." Während die Puertoricaner zurückfuhren ins Olympische Dorf, wurden die Luxusgäste aus den Staaten zurückchauffiert in ihre Tausend-Dollar-Suiten im Hafen von Piräus. Ihr Schiff heißt Queen Mary II. Es könnte eine Titanic II werden.

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